Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 24 (21.7.1899)
- Date
- 1899-07-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3062973-3062997--00367-3066869- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10. Die Wahrheit. Nr. 24. sänger genannt. Er ist dann also Herr über den Ton, so dass er nach Belieben aus der musikalischen Schönheitsgrcnze heraustreten kann und zu Declamationswirkungen überleitet. Diese einem Sänger hochangerechnete Eigenschaft kann der gute Cantor zu jeder Stunde für sich in Anspruch nehmen. Verlässt der Cantor beim Vortrage des alten Chasonus nicht vollständig den Boden rein musikalischer Ausdrucksweise? Sind die Klagelaute, die er in den Ton hineinmischt nicht eher der klagende Ausruf, wie er sich einem in Unterdrückung schmachtenden Judenthum entrang? Die Phantasie des Cantors muss in solchen Momenten sich Bilder der Vergangenheit vergegenwärtigen, die geistige Finsternis des Mittelalters mit all' ihren grauenhaften Schatten, die sich auf die jüdischen Ghettos senkten, muss sein Herz erbeben machen, um die Wehmuthsstimmung und das geängstigte Rufen zu Gott in Gebeten eindringlich erklingen zu lassen, die mehr ein Seufzen und Klagen, ein verzweifelndes Ringen als eine Verherrlichung Gottes sind. Der geschulte Ton versagt hier dem Cantor die Wirkung, er muss zu einem gewissen Naturalismus übergehen und dabei leistet der Sprechton bessere Dienste. Ein solches Auflebenlassen trostloser Stimmungsbilder liebt das gebildete Judenthum aber nur zu auserwählten Zeiten, an den drei höchsten Festtagen. Der Cantor, welcher am gewöhnlichen Samstag mit Stimme und Vortragsweise sich zu der eben gezeichneten Ghettostimmung fortreißen lassen wollte, um die Gemüther seines zur Andacht erschienenen Publicums brutal aufzuwühlen, gehört vor keine gebildete Gemeinde und in keinen modernen Tempel. Der Vortrag darf nicht Selbstzweck und Produciren sein, sondern muss in Rücksicht auf die Umgebung und vor allen Dingen in Rücksicht auf den Zeitpunkt eingerichtet werden. Wenn man am Montag und Donnerstag beim langen IV'üuraelinm schon große Wirkungen missbraucht, worin unterscheidet sich dann der Nussak Bosch liaschonoh vom Montaguud Donnerstag-Gottesdienst? Der tüchtigste Musiker, der feinfühligste Sänger, der gebildete Mann und geübte Hebräer ist daher zum Cantor gerade gut genug. Und ein gebildetes Publicum verlangt heute einen solchen Cantor. Ein paar glänzende Töne mit Bravour hinausgeworfen, hört es im Theater. Im Gotteshause verlangt es andächtige, gottesdienstliche Stimmung und, um diese Stimmung vorbereiten zu können, gehört unendlich mehr als nur vortheilhaftes Stimmenmaterial. Dazu gehört eine völlige Kenntnis des Cantoralen, wie es unsere Großen vor Sulz er und nach Sulz er geschaffen, und die Befähigung zur Ausführung im Geiste der cantoralen Aestethik, die wir als eine neue Wissenschaft Singer, dem Nachfolger Sulzer's, zu verdanken haben. _ Verschiedene Nachrichten. Wie«. Fräulein Gisela Lichtmeß, Tochter des Herrn Ignatz Lichtmeß, hat sich mit Herrn Josef A. Alkalay, Sohn des Druckereibesitzers Herrn A. D. Alkalay in Prefsburg, verlobt. Wie«. Fräulein Mathilde Bauer, Tochter des Schuhfabrikanten Herrn Hermann Bauer, hat sich mit Herrn Sigmund Lazarus, Lu gros- Holzhändler in Wien, verlobt. Wie«. (Eine Reminiscenz an den Obercantor Josef Goldstein.) Es war in den Siebziger-Jahren, da erhielt eines Tages Obercantor Goldstein eine Einladung, im Palais des kunstsinnigen Grafen Hans Wilczek, des berühmten Anregers und Förderers der österreichischen Nordpol-Expedition, vor hohen geladenen aristokratischen Gästen hebräische Lieder und Gesänge vorzutragen. Dieser in besonders schmeichelhafter Weise abgefassten Einladung folgte Goldstein in Begleitung seines Chorpersonales. Beim Vortrag des „Loluiärä" und vieler anderer liturgischen Gesänge wurde Alles hingerissen, jede Piece musste wiederholt werden, und am Schluffe wollte der Beifall der hohen Zuhörerschaft kein Ende nehmen. Der gräfliche Hausherr dankte Goldstein in besonders verbindlichen Worten, stellte ihn dann noch besonders jedem Einzelnen der ausgewählten Gesellschaft vor, die voll des Lobes war über die Leistungen des großen Sängers. Als dann die Gäste, der Einladung des Hausherrn folgend, an einem Souper theilnahmen, musste dies auch Goldstein mit den ihn begleitenden Sängern thun. Es öffnete sich ein herrlicher Salon, in welchem einer der ersten jüdischen Restaurateure Wiens ein opulentes Mahl für den Meistersäuger und seine jugendlichen Assistenten vorbereitet hatte. Die Letzteren, obendrein noch reichlich beschenkt, erzählten noch lange von dem vorzüglichen Menu im Palais des gräflichen Mäcens und besonders von den Ehren, deren auch sie in Begleitung ihres Meisters theilhaftig wurden. JST. A. Boskowitz. Vor Kurzem sind hier zwei Personen, Herr Joses Schwarz und Frau Amalia Friedmann, in noch jungem Alter an Herzschlag gestorben. Beide Todesfälle sind umso bedauernswerther, als beiderseits mehrere unversorgte Kinder zurückgeblieben sind. Prag. Montag, den 17. Juli ist nach längerem Leiden Herr Ephraim Löbl, Chef der bekannten Seidenwaarenfirma auf dem Brückel, gestorben. Der Verblichene war nicht nur in der Kaufmannswelt, sondern auch in den weiteren Kreisen der hiesigen Gesellschaft durch biederen Charakter, humanitäre Gesinnung und sein bescheidenes Wesen hochgeachtet. Die meisten humanitären Vereine zählten ihn zum Mitgliede. Eure Tochter des Verblichenen ist an den bekannten Cellovirtuosen David Popper vermählt. Szempez, 17. Juli. Gestern Nachts haben bisher unermittelte Thäter in der hiesigen Synagoge eingebrochen, und wurden die in den Sammelbüchsen enthaltenen Gelder, circa 100 Gulden, gestohlen. Literatur. Kanzelreden von vr. David Feuchtwang, Rabbiner zu Nikolsbnrg. I. Theil, bei I. Kauffmann, fl. 1'75. — Feuchtwang zählt unbedingt zu den begabtesten und tüchtigsten Rabbinern, welche aus Hildesheimers Schule hervorgegangen sind. Davon legen auch die vorliegenden Kanzelreden rühmliches Zeugnis ab. Kraftvolle Sprache, gründliche Kenntnis der talmudischen Litteratur, kühne Phantasie und helle Begeisterung für die Religion unserer Väter zeichnen diese Reden aus, und doch will es uns scheinen, als ob hier das alte Wort sich bewährt hätte: KnttOü Knann 3JK Zu scharf macht schartig. Sprachliche und sachliche Unrichtigkeiten, welche sehr häufig Vorkommen, können wir uns nicht anders als aus dem Bestreben erklären, überall Geistreiches und Besonderes zu bieten. So z. B. werden in der zweiten Predigt die Namen der zehn bösen Kundschafter als häßlich bezeichnet, während Kaleb und Josua schöne Namen seien. Gut. Aber nun heißt es weiter: „Nicht allein auf den Namen kommt es an, die That muss ihm entsprechen. — Stellt man demgemäß die beiden Figuren Kaleb und Josua den Kundschaftern gegenüber, dann fällt der Vergleich weitaus zu Ungunsten der letzteren aus." Das verstehe wer will, ich würde aus dem letzten Satze entnehmen, dass die zehn Kundschafter böse waren trotz ihrer schönen Namen! — Seite 37 heißt es: „Wie mancher große Gedanke ist gestorben, weil er nicht verstanden wurde, und wenn (das heißt doch wohl: und wenn er auch verstanden wurde?), so mißverstanden!" — Trotz der gräßlichen Schilderung ves Reiches Israel durch Amos, Cap. 4, soll sich dieses Reich gerade zu dieser Zeit eines Wohlstandes erfreut haben, wie nie zuvor (S. 80)! — O, Herr der Welt — heißt es S. 95 — offenbar und bekannt sind vor Dir die Schmerzen — — — die ich zu erdulden hatte, bis Israel an Deine Göttlichkeit glaubte." Solche Worte könnte wohl ein Christ an — Jesus richten. Aber Moses an — Gott? Wohl kaum. Aber trotz der angeführten und ähnlichen Mängel müssen wir eingestehen, dass die Reden gewiss mächtig auf den Hörer gewirkt haben und auch den Leser nicht kalt lassen werden. Dr. Kahan. Heimweh. Erzählung von Eduard Kulke. (10. Fortsetzung.) Es kann sich's nehmen wer will — antwortete Honza — es wird in der Welt manches Wort zu viel geredt, und nicht just bei alten Weibern. Marie blickte empor, schaute einige Secunden den kühnen Sprecher in's Gesicht, sah hierauf ihren Vater mit fragend bittender Miene an, als ob sie fragen wollte, seit wann der Knecht des Hauses es wagen dürfe, eine so ungebührliche Sprache zu führen. Der Vater verstand den Blick der Tochter gar wohl; allein um jede weitere unliebsame Auseinandersetzung fernezuhalten, sagte