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Die Wahrheit · 1899-07-21 · Heft 24 (21.7.1899) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 24 (21.7.1899)
Date
1899-07-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Hesterr.-ungar. Gantoren-Aeitung. Nr. 2<\. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit". (9. Zahrg. Aeber das Cantorat der Gegenwart. Studie von Ober-Cantor Engen Dawison, Teplitz. (Schluss.) Durch die Herausgabe der in verschiedenen jüdischen Zeitschriften veröffentlichten Arbeiten S i n g e r's in Buchform würden jüngere Kantoren gewissermaßen eine Aestethik des Cantorats übersichtlich in die Hand bekommen und wenn ihnen die praktische Anleitung eines hervorragenden Cantors fehlt, wäre so der Weg des Selbststudiums durch einen meisterhaften Lehrer geschaffen. Da diese Zeitschrift nicht blos von Fachleuten gelesen wird, muss erklärt werden, wie sich das Cantorat unter den Gesichtspunkten der Aestethik gestaltet. Diese Erklärung wäre mit der Behauptung zu beginnen, dass es keinen anderen musikalischen Beruf gibt, der so complicirt erscheint, wie der Beruf eines Cantors. Hat der Cantor Bach und Händel'scheu Oratorienstyl begriffen, so kennt er S u l z e r, versteht er Mendelssoh n's ch e Melodie, so weiß er im Todah w’simrah Lewand 0 w sk i's Bescheid, kennt er die schwärmerische Art S ch u m a n n's, so trifft er den Styl Löwenstamm's, ist er ein guter Cyasen und ein vornehmer Sänger, so kann er einen der herrlichen W’schomru Kirschner's singen. Ist er ein gediegener Recitator, dann ist ihm der pathetische hoheitsvolle Styl Rubin's geläufig. Ja in dem herrlichen Anhang der S u l z e r's ch e n Gesänge weht sogar schon neuromantischer Hauch. Der Cantor hat also nicht mehr und nicht weniger als sämmtliche musikalischen Stylarten in ihrer Eigenart zu kennen und darf dann nur als Zugabe noch ein tüchtiger jüdischer Chasen sein. Und was das Letztere bedeutet, möchte ich in^er Behauptung zusammenfassen, dass von hundert Fachsängern nicht zwei im Stande sein werden, den Sülze r's ch en b'roseti haschonoh oder den enosch von Weintraub richtig nachzusingen. Hierbei handelt es sich aber nur um's Reproduciren. Jeden Sabbath und jeden Feiertag lässt sich aber nicht mit den von andern Cantoren componirten Recitativen auskommen, und Singer trifft wieder den Nagel auf den Kopf, indem er behauptet, dass speciell beim Necitativ ein Festhalten an niedergeschriebenen Noten der Vortragsweise des Cantors das Impulsive nimmt. Der Cantor muss also früh genug lernen, selbstständig zu gestalten, resp. nach dem richtigen Steiger richtig zu improvisiren. Nun pflegen die Stylarten (Steigers) in verschiedenen Gegenden von einander abzuweichen. Welche Confuston richten deshalb die Gemeinden selbst an, wenn sie es unterlassen, einen an den in der Gemeinde üblichen Gesangstyl bereits gewöhnten Cantor auf die Dauer im Amte fesseln zu können. Die Verlierenden beim häufigen Wechseln mit dem Cantor sind immer die Gemeinden selbst. Der Steiger, resp. die Singart, entspricht meist dem textlichen Inhalt des betreffenden Gebetes. Nun passirt das Ergötzliche, dass der Cantor die richtigen Töne des Steigers bringt, das Publicum verneint aber die Richtigkeit. Ja der arme geplagte Cantor schlägt in allen disponiblen Fachwerken nach und überzeugt sich trotzdem von der Richtigkeit seiner Gesangsweise. Ein glücklicher Mann ist er, wenn ein Kundiger in der Gemeinde ihn auf die richtige Fährte bringen kann, ihm z. B. klar macht, dass er den Steiger nicht mit dem richtigen „Kneit sch" (11) herausbringt. Da geht dem armen Mann ein Talglicht auf. Im Konservatorium hat er nichts von einem „Kneitsch" gehört, in dem Werke von Grimm über Sprachlaute und Wortbildung steht auch nichts über jenen ominösen „Kneitsch". Aber eaxisvo, hab's verstanden. Aehä, der „Kneitsch"! Und was ist der „Kneitsch"? Ein gewisser alt-jüdischer Tonfall in der Rede, resp. eine Ausdrucksart. Despectirlich würden wir den „Kneitsch" einen mauschelnden, jargonartigen Tonfall in der Singweise nennen. Dieser Tonfall gilt aber als Tradition, und die Tradition verlangt nun einmal ihr Recht. .Der Tonfall in der recitirenden Singweise, Anklänge im Text sollen sich — so liebt es das Publicum — mit dem Tonfall in der Umgangssprache decken. Je weiter man nach dem Osten rückt und jüdelndes Deutsch vorherrscht, desto mehr wird das herrliche, schön klingende Urhebräisch verunstaltet. Und umgekehrt, je reiner die Landessproche gesprochen wird, desto correcter wird im jüdischen Gotteshause auch das Hebräisch gesprochen. Auch die Vortragsart der Gesänge muss der Gemüthsart und dem Temperement der betenden Gemeinde entsprechen. Die volksliedmüßige, schlichte Art des Vortrages, wie ihn Süddeutschland liebt, wird z. B. im Osten Deutschlands oder in Galizien unmöglich sein. Ganz abgesehen von allen musikalischen Geboten muss der Cantor also Wesen, Sprache, nationale Eigenart seiner Gemeindemilglieder gut kennen. Wahrlich, ein bischen viel verlangt. Mit der musikalischen Correccheit im Vortrage eines Steigers ist also die Ausgabe des Cantors nicht erfüllt, der Ausdruck im Gebetvortrage nicht erschöpft. Jedem andern Sänger gibt das Gesangsstück, das ihm zur Ausführung anvertraut wird, eine Handhabe, wie der Componist durch Rhythmus oder eigenartige Klangmischung in der Harmonie die ganze Composition auf eine bestimmte Wirkung hin angelegt hat. Und die Noten bieten dem Cantor diese Aufklärungsmerkmale absolut nicht. Warum? Weil im recitirenden Vortrag die Tradition herrscht. Er muss diese Tradition kennen, die eigenthümlichen Accente des alt-jüdischen Gesanges, und entbehrt der Vortrag dieser Accente, so hat der ausführende Cantor das deprimirende Urtheil zu gewärtigen. „Der Nigun geht anders." Der alte Chasan kannte diese Accente aus dem „ff" und wendete sie unbewusst um so sicherer an, als ihm jegliches Fehlen einer musikalischen Ausbildung die Naioität im Vortrag erhielt. Der musikalische Cantor wendet unwillkürlich systematische musikalische Größenverhültnisie an, er fasst einen Steiger im musikalischen Sinne auf und verirrt sich so von der Tradition. Der Vortrag mancher Gebete erfordert es ja direct, dass von einer gesanglichen Wirkung gar nicht die Rede sein darf. Jeder breiter ausgesponnene Ton würde die traditionelle Vortragsart zerstören. An das musikalische Rad oft geradezu die Bremse anlegen müssen, das erfordert mehr Intelligenz, als mancher Laie annehmen möchte. Die große Textfülle, vor allen Dingen das Aufeinanderfolgen inhaltlich nicht unterschiedlicher Substantiva verwehrt es im musikalischen Aufbau logisch fortzufahren. Wie im Prosastyl irgend eine Nebenbemerkung in Klammern angeführt wird, so muss der Canter plötzlich die musikalische Idee plötzlich fallen lassen, und um textlichen Wiederholungen gerecht zn werden, einfach ohne Festhalten am ursprünglichen musikalischen Gedanken fortsagen, um Himmelswillen aber die begonnene Grundmelodie nicht aus dem Auge lassen, um am Schlüsse bei der Benediction doruLÜ attoh den richtigen Abschluss nicht zu verfehlen. Die Schlüsse sind meist das Charakteristische des ganzen Steigers und bilden oft eine gefährliche Klippe für den ungeübten Cantor. Noch schwieriger als die Schlüsse sind die Ueberleitungen von einem Absatz zum andern z. B. im Jom Kipperkoton. Was der Cantor also außer Musik im allgemeinen Sinne noch an Tradition, resp. Chasonus in sich aufnehmen muss, reicht, was wir 'im Anfang behauptet haben, weit über die musikalischen Grenzen hinaus, die jedem andern musikalischen Berufe gezogen sind. Beherrscht ein Sänger neben dem bol eauto noch die für das Musikdrama erforderliche Methode, den Gesangston scharf mit dem Sprachlaut zu vermischen, so wird er ein guter Wagner-

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