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Die Wahrheit · 1899-07-21 · Heft 24 (21.7.1899) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 24 (21.7.1899)
Date
1899-07-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 24. Die Wahrheit. Seite 7. In der Zeit des Talmud und der Gaonim war immer die Predigt ein Haupitheil des Sabbath-Morgengebetes. Im Mittelalter aber verlor diese ihre gottesdienstliche Bedeutung. Sie wurde nicht mehr allsabbathlich abgehalten, auch nicht mehr in der Synagoge, sondern im Lehrhause, und auch auf den Nachmittag verlegt. Bezweckt wurde damit, die gottesdienstliche Bedeutung der Predigt zu entziehen und ihr statt dessen die Bedeutung des Studiums zu verleihen. Zwar wurde sie populär gehalten, der Inhalt aber schien doch dem Volke erhaben. Nach und nach hörte der Rabbiner überhaupt auf, der Prediger seiner Gemeinde zu sein, und die Predigten — Droschoth — wurden einer Art Wanderprediger — Magidim — übertragen. Einer der definitiven Gründe zum Niedergang der Droschoth ist der entstehende Jargon der Juden. Gegen Mitte des 15. Jahrhunderts begannen die Juden Jargon zu sprechen, und dieses machte der reinen Predigt ein Ende, denn feiner Stil und Form einer schönen Rede ist nur in einer grammatikalisch correcten Sprache möglich. (Fortsetzung folgt.) Gemeinde- und Veremsbote. Wien. (Plenarsitzung des Cultusvorstandes vom 11. Juli 1899 unter dem Vorsitze des Präsidenten kaiserlichen Rath H. Kling er. Beginn 5 Uhr Nachmittags.) Im Einlaufe befindet sich ein Schreiben des Dr. Hermann Fialla, mit welchem derselbe aus dem Ergebnisse einer durch ihn im Jahre 1896 vorgenommenen Geldsammlung für jüdisch-akademische Zwecke und in Gemäßheit eines diesfälligen Comitsbeschlusfes fl. 2000 widmet und sich unter Einem alle weiteren Bestimmungen rücksichtlich dieser Widmung für den September dieses Jahres vorbehält. Wditers sind eingelaufen: Von Dr. Otto Freiherrn v. Springer in Ausübung der letztwilligen Verfügung seiner'Mutter, der Frau Amalie Löwenstein, zur Vertheilung an jüdische Arme fl. 500, weiters von der Redaction des „Neuen Wiener Tagblattes" für die armen Waisenkinder eine dort eingelaufene Spende von fl. 5. Den Spendern wird der Dank votirt. In einer Zuschrift des Wiener Magistrates wird die Bewilligung zur Erweiterung des bestehenden Altersversorgungshauses der israelitischen Cultusgemeinde und zur Errichtung einer Siechen-Abtheilung ertheilt und die Verwendung des neu zu erbauenden Tractes zu obigen Zwecken principiell genehmigt. Die Mittheilung des Herrn Baurathes Stiaßny, wonach der Wiener Stadtrath die Ministerial-Entscheidung, durch welche die Betriebsbewilligung für den Erweiterungsbau des israelitischen Gemeindespitals zur Kenntnis genommen hat, und dass nunmehr die betreffenden Arbeiten unverzüglich in Angriff genommen werden, dient zur Kenntnis. Vor Uebergang der Tagesordnung widmete der Präsident, kaiserlicher Rath Klinger, dem dahingeschiedenen Professor Dr. David Kaufmann warme Worte des Gedenkens, welche von den Vorstandsmitgliedern stehend angehört wurden. Der Präsident hob in dieser Trauerkundgebung hervor, welchen schmerzlichen Verlust die ganze Judenschaft und insbesondere auch die Wiener Cultusgemeinde durch das Ableben dieses Gelehrten erlitten habe, der sich zeitlebens Mit der Geschichte der Juden in Wien befasst und eine der denkwürdigsten Epochen ihrer Vergangenheit in unvergleichlicher Weise dargestellt habe. Umso berechtigter sei dieser Schmerz um Professor Kaufmann, als er in der Vollkraft seines Schaffens, von welchem noch Großes erwartet wurde, hingeschieden sei. Der Präsident gibt schließlich bekannt, dass er der trauernden Familie, sowie dem Budapester Landes-Rabbiner-Seminare, dessen Lehrkörper der Verstorbene angehörte, das Beileid der Wiener Cultusgemeinde ausgesprochen und dass das Mitglied des Vorstandes, Herr Baurath Stiaßny, es übernommen habe, in Vertretung des Vorstandes dem Leichenbegängnisse beizuwohnen. Unter Zustimmung des Vorstandes wurde die Trauerkundgebung dem Protokolle einverleibt. Aus der Benedict Karplus'schen Gewerbeschulstiftung werden gemäß dem Referate des Baurathes Theodor Ritter v. Goldschmidt zwei Stipendien verliehen. Director Simon referirt Namens der Unterrichts-Section über eine Abänderung des Lehrplanes für den Religionsunterricht der fünften Volksschulclasse und über eine Zuschrift desBezirksschulrathes betreffend die weitere Verwendung der Dr. Gerson Wolf'schen Religions- und Sittenlehre. Herr 1)r. Steiner bringt den vom Cultusvorsteher, Herrn Dr. Berger, ausgearbeiteten Bericht über die auf Grund des Vorstandsbeschlusses vom 26. Jänner 1898 in's Werk gesetzte Ausspeisung armer israelitischer Schulkinder in der Brigittenau während des abgelaufenen Winters zur Kenntnis der Plenarversammlung. Aus dem Berichte geht hervor, dass diese Wohlthätigkeits-Action als vollständig gelungen bezeichnet werden kann, dank der Rührigkeit des Brigittenauer Local-Comite's, in welchem sich besonders anerkennenswerth Frau Therese Spitz und Herr Heinrich Weiner verdient gemacht haben, lieber Antrag des Referenten wird Herrn vr. Berger für die opferwillige Thätigkeit bei der Durchführung der Action und den vollständigen interessanten, auch für die Folgezeit nutzbar zu machenden Bericht der Dank des Vorstandes votirt. Sohin kommen Angelegenheiten des Altersversorgungshauses und mehrere Currentien zur Erledigung. Schluss der Sitzung 8 Uhr Abends. Prag, 11. Juli. (Israelitischer Landeslehrerverein in Böhmen.) Nach längerem Intervall hielt der Vorstand unter Vorsitz des Obmannes Siegmund Springer am 29. Juni d. I. eine Sitzung ab, in welcher die Stellungnahme des Vereines in Angelegenheit der Regelung des Religionsunterrichtes und die diesbezügliche Urgenz beim israelitischen Gemeindebund in Böhmen beschlossen wurde. Desgleichen wurde den Delegirten des Vereines vom Verwaltungsausschusse eine Directive ertheilt bezüglich der Auffassung des § 12 der Statuten gegenüber den ältesten Mitgliedern. Weiters befasste sich der Vorstand mit der Feststellung der Tagesordnung für die Generalversammlung, mit der Gewährung von Darlehen und der Aufnahme neuer Mitglieder. Prag. Am 28. Juni hielt der humanitäre Verein „Zedoko" seine constituirende Generalversammlung. Der Verein, welcher sich allmälig aus einer Tischgesellschaft im Restaurant Stuppart entwickelte, bezweckt, in Noth gerathenen Glaubensgenossen die erste Hilfe zu leisten. Da Seitens der Behörde die Statuten genehmigt wurden, hat die „Zedoko" bereits ihre Thätigkeit begonnen. In den Vorstand wurden gewühlt: M. Lissau, Obmann, Ph. Kauffmänn, Obmann-Stellvertreter; Markus Robitschek, Cassier; S. Löwy, dessen Stellvertreter; Friedrich Tauber, Schriftführer. Budapest. (Das Leichenbegängnis David Kaufmanns.) David Kaufmann lehrte wohl mehr als zwei Decennien hindurch am hiesigen Rabbinerseminar, aber er war nicht blos der Unserige, vielmehr können wir kühn behaupten, dass er, abgesehen von den engeren Kreisen, in denen er persönlich verkehrte, im Auslande viel besser gekannt war, als hier zu Hause. Man kannte ihn überall, wo die moderne jüdische Wissenschaft gepflegt wird, und wo man ihn kannte, achtele man ihn als Meister ersten Ranges. In der Gelehrtenwelt des Auslandes hat noch niemals das Ableben eines ungarisch-jüdischen Gelehrten so viel Trauer, so viel Bestürzung hervorgerufen, wie der plötzliche Tod David Kaufmanns, welcher für Jeden, der die Entwicklung der jüdischen Wissenschaft mit Aufmerksamkeit verfolgt und über deren Fortschritte sich aufrichtig zu freuen vermag, einen Verlust bedeutet. Daher die vielen Beileidskundgebungen, welche von ausländischen Gelehrten und wissenschaftlichen Vereinigungen an das hiesige Rabbinerseminar und an die Familie des Verblichenen gelangt sind; daher bestand das Publicum, welches sich am

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