Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 24 (21.7.1899)
- Date
- 1899-07-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24. Die Wahrheit. Seite 5. Doch das Jahr 1897 bildet einen wichtigen Markstein im Leben der Gemeinde Essegg. Durch die Wahl des neuen Vorstehers Dr. Hugo Spitzer, eines Sohnes des verstorbenen Oberrabbiners, trat die Cultusgemeinde in eine neue Phase ihrer Entwicklung. Neue Statuten wurden ausgearbeitet, den Wohlthätigkeits-Jnstitutionen eine breitere Basis und ein größerer Wirkungskreis gegeben, die Creirung eines kroatisch-slavonischen Gemeindebundes in Angriff genommen, welch' letzterem voraussichtlich schon in nächster Zukunft wichtige Aufgaben zufallen werden. Die rege Thätigkeit auf allen Gebieten ist auch daraus ersichtlich, dass behufs Hebung des Volksschulunterrichtes auf nationaler und religiöser Grundlage vier Präparandisten-Stiftungen zu je 200 fl. (jährlich) gegründet wurden. Die hier auszubildenden Lehrer sollen in religiös-wissenschaftlicher Hinsicht eine solche gründliche Ausbildung erhalten, um dereinst als Religionsweiser in den Landgemeinden den unbestreitbar hierzulande tief gesunkenen religiösen Sinn günstig beeinflussen zu können und die kommende Generation zu einer glaubensstarken, dem väterlichen Glauben treu anhangenden zu machen. Diese Institution wird voraussichtlich schon in nächster Zukunft von günstigem Erfolge begleitet sein. Im Schoße der Gemeinde Essegg selbst gibt sich das lebhafte Bestreben kund, eine neue jüdische Volksschule zu erbauen, in welcher auch der Pflege der hebräischen Studien ein breiter Raum gegönnt werden soll. Hoffentlich wird das mit Umsicht Ersonnene in kürzester Zeit verwirklicht werden. So bricht sich nun auch in den Gemeinden Slavoniens die Ueberzeugung Bahn, dass das Judenthum nur dann seiner Mission voll und ganz gerecht wird, wenn es den geheiligten Traditionen der Väter treu, in der Trias: Thora, Awoda und Gemilath-Chassodim seine höchsten ZiAe und Güter erblickt. __ N. Sch. Die Dynastie Davids nnd Capitan Alfred Dreyfus. Von Samuel Goldmann, Gr.-Kanizsa. Auf dem Heimwege vom Grabbesuche eines theueren Verwandten fragte mich einer meiner Enkel, ob ich nicht wisse, aus welchem der zwölf Stämme Israels meine Abkunft sei. Ich erklärte, dass seine naive Frage sich bloS auf die Stämme Juda und Benjamin beziehen könne, da die übrigen zehn Stämme gänzlich verschollen sind. Im zweiten staatlichen Leben des Volkes Israels haben außer den Priestern und Leviten vom Stamme Levi, der sich bis heute möglicher Weise rein erhalten, nur Juda und Benjamin und höchstens einige versprengte Reste der übrigen Stämme das gelobte Land unter der Herrschaft fremder Mächte bewohnt. Den tapferen Maccabäern gelang es wohl, sich die Unabhängigkeit zu erringen; aber nach kaum zweihundertjähriger politischer Selbstständigkeit wurde die Nation durch die gewaltige Macht Roms in alle Welttheile zerstreut. Druck und Verfolgung haben jede Spur der reinen Abstammung für ewige Zeiten vernichtet. Ein weiteres Gespräch gab die Veranlassung zu folgendem Expose: Die im zweiten Staatsleben wahrscheinlich aus politischen Gründen zurückgedrängte königliche Dynastie Davids erhielt sich in reiner Abkunft noch lange im Volke. Das Prophetenwort Secharjas, das den Hohenpriester Josua mit Prachtgewändern — wohl mit religiös politischer Macht — bekleiden lässt, entzog der königlichen Dynastie jede Oberherrschaft, und in stiller Zurückgezogenheit, ein wahrer „leidender Knecht Gottes", lebt „David" fern von jedem Emporstreben als Ideal zukünftiger Herrlichkeit im Munde des Volkes und seiner Lehrer fort. Zerubabel, der Fürst Judas, führt den Zug der von Babel heimkehrenden Exulanten an, tritt aber vor dem Priester Esra, welcher fortan die Eolonisirung und Anpflanzung des Landes mit neuen Institutionen und Gesetzen bewerkstelligt, in den Hintergrund zurück. In Hillel dem älteren und seinen Nachfolgern, den Patriarchen, lebt die Dynastie wieder auf und verschafft durch ihre geistige Aussaat dem Volke, das seine politische Selbstständigkeit verloren, eine jeder weltlichen Gewalt trotzende Macht, die es innerlich erhebt, über die Stürme der Zeit hinwegführt und zur ewigen Haltbarkeit festigt. Vespasian, Titus, Domitian, Trajan und spätere Regenten Roms fahnden nach den Ueberresten dieser ewigen Dynastie, um sie gänzlich von der Bildfläche zu vernichten. (Eusebius Kirchengeschichte III. 33.) Mehrere Spuren tauchen noch hie und da auf im Talmud, bei den Geonim, den Exilarchen, den Oberhäuptern der Schulen und den ersten Lehrern der Karaiten. Mit diesen trüben sich jedoch die historischen Quellen und nur die aus traditioneller Grundlage fußende Sage leitet uns an dem Faden weiterer Forschung über Jahrhunderte hinweg, bis in die jüngste Zeit herein. Benjamin von Tudela behauptet, auf seinen Reisen im elften Jahrhundert noch Abkömmlinge der Davidischen Dynastie in Bagdad gesehen zu haben. Ben Giath erzählt nach der Notiz Abravanells in Eommentar zu Secharja 12, 6: „Nach der Zerstörung Jerusalems wanderten zwei Familien von dem Stamme Davids nach Spanien aus, die eine unter dem Namen Bene Daud — das arabische David — die andere Namens Abravanell", von welche letzterer der Grand Spaniens Don Jssak Abravanell seine Abkunft herleitet. Zakkuta im Jochsin bestätigt zum Theile diese Notiz, indem er aus dem zwölften Jahrhundert berichtet: „Nach ihm — nämlich dem Chaja ibn al Daud — welcher 4914 nach Erschaffung der Welt ermordet wurde, war kein bekannter'Sprosse Davids in Spanien übrig". Nichtsdestoweniger scheint uns die Bemerkung Abravanells, die sich im Gedächtnis des Volkes unauslöschlich eingegraben, als glaubwürdig. Eine lange Reihe von gelehrten Männern, ihres Urahnen würdig, bringt uns die Geschichte in den Nachkommen Abravanell's, des aufopfernden Anhängers seines Glaubens und seines Volkes. Menasse ben Israel, Verfasser des Eonciliators, verehelicht mit Rachel aus der Familie Abravanells, rühmt sich noch, wohl mit verzeihlichem Stolze, durch diese Heirat der Dynastie Davids verwandtschaftlich anzugehören. Schulmann im Toldoth Ehochme Jisroel IV, 195 — den Responsen Dewar Schemuel Seite 96 entnommen — berichtet uns ferner: dass Raphael Treves, Verfasser des Zach we-adom, eine Tochter des Baruch Abravanells in Venedig geheiratet, dass also auch die berühmte Gelehrtenfamilie Treves in verwandtschaftlicher Beziehung zur Dynastie Davids gestanden habe. Dieser Gelehrtenfamilie Treves soll nach den in diesen Blättern vor Monaten gebrachten, geschichtlichen Notiz, in Germanisirung des italienischen Namens, die Familie Dreyfus entstammen — und so hätten wir. wenn es nicht zu gewagt scheint, in dem Märtyrer aus der Teufelsinsel und jetzt heimgekehrten Eapitän Alfred Dreyfus einen schwachen Abglanz des einst auf dem Throne zu Jerusalem residirenden ersten Königs Israels vor uns. _