Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 24 (21.7.1899)
- Date
- 1899-07-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 24. Resultaten und erklären es, dass seine wissenschaftlichen Arbeiten perennirender Natur waren. Nur wenige Zeitschriften, in welcher Sprache immer, entbehren seine Beiträge. Kaufmannes schriftstellerische Bedeutung ist am besten gekennzeichnet, wenn ich eine diesbezügliche Aeußerung vr. Jellinek's citire, die er mir gegenüber gethan: „Kaufmann ist der hervorragendste Schriftsteller der Gegenwart auf dem Gebiete der jüdischen wissenschaftlichen Literatur." Die Wissenschaft war ihm keine Melkkuh. Um ihrer selbst willen gab er sich ganz ihr hin. Sie hatte auch für ihn Ergebnisse, wie sie Rabbi Meir für Denjenigen in Aussicht stellt, der sich mit der Thora selbstlos beschäftigt. „Alles in der Welt leistet ihm Genüge; er wird Freund genannt; er ist beliebt; er liebt Gott und die Menschen; er erfreut Gott und die Menschen; Bescheidenheit und Furcht Gottes sind seine Hülle, und er verdient als tugendhaft, fromm, treu und aufrichtig angesehen zu werden." Kaufmann war treuherzig. Er hielt zu denjenigen, die er als Freunde sich erkoren mit den tiefsten Empfindungen seines Herzens, nahm sich ihrer mit aller Wärme an, wenn sie angegriffen wurden und war mimosenhaft empfindlich, wenn er glaubte, dass ihnen von irgend einer Seite Unrecht geschah. Kaufmann war frei von jedem Gelehrtendüukel. Ciiique suum war seine Maxime auch in Sachen wissenschaftlichen Belanges. Fremdes literarisches Eigenthum in Wort und Schrift galt ihm als Heiligthum, und er führt Denjenigen namentlich an, dessen Meinungsäußerung er verwenden zu sollen glaubt. Kaufmann war friedfertig, wie das nicht immer bei Gelehrten vorzukommen Pflegt. Seine Wahl für den Predigerposten in Berlin war so viel wie gesichert, da trat er zurück, weil er nicht Sieger bleiben wollte über seinen Freund und College» vr. P. F. Frankl, der in der Concurrenz sich befand. Ebenso schlug er seine Wahl in den Lehrkörper des Wiener Rabbiner-Seminars aus, weil er des harmonischen Zusammenwirkens mit den weiteren hier in Betracht kommenden Factoren rricht sicher war. Kaufmann's Bedeutung als Gelehrter und Seminarlehrer auszuführen, halte ich mich nicht für kompetent. Jellinek's maßgebendes Urtheil in ersterer Beziehung habe ich bereits angeführt. Ich habe mich lediglich darauf beschränkt, auf jene Momente seiner Persönlichkeit zu reflectiren, die ich vornehmlich durch meinen Verkehr mit ihm in der Sprudelstadt, wo wir durch viele Jahre in einem der Sommermonate ein Stelldichein hatten, erst recht kennen zu lernen, Gelegenheit fand. Auch diesmal glaubten wir in Karlsbad zusammenzutreffen; seine verspätete Ankunft dort vereitelte unsere Hoffnung. Wie weh' geschah mir, als ich am 8. d. M. durch eine Notiz der „N. Fr. Pr." die Hiobsbotschaft von seinem Ableben erhielt. Noch am 3. d. M. wechselte ich mit ihm Freundschaftsworte, bei welcher Gelegenheit ich mir Belehrung von ihm erbat über Armilus, der in midraschischer Literatur eine unheimliche Rolle spielt. Die Hand aber, die mir schriftliche Antwort ertheilen sollte, erlahmte zwei Tage später — die rückständige Antwort ist sicher die einzige Schuld, die er unbefriedigt zurückließ. Sie compensirt sich reichlich mit der großen Dankesschuld, die ich Zeit meines Lebens seinem Andenken gegenüber in meiner Brust bewahren werde, für die Beweise der Freundschaft und manche werthvolle Belehrung, die ich von ihm empfangen. Freund! Die Nachwelt singt Dir Hallelujah; ihre Lobeshymnen verkünden den kommenden Geschlechtern Deinen Ruhm, den Du als Mensch, Schriftsteller und Lehrer Dir errungen; die Pforten der Ewigkeit sind Dir geöffnet; ziehe ein in Frieden. Reichenau, an Kaufmann's Begräbnistag, den 10. Juli 1899. Emanuel Baumgarten. Das judifth-confesstonelle Leben in Slavonien*). Bis zum Jahre 1848 finden sich nur spärliche Spuren des jüdisch-confessionellen Lebens in Slavonien. Nur wenige Ansiedelungen von Juden in den Dörfern waren bis zu diesem Zeitpunkte wahrnehmbar. Das Freiheitsjahr 1848 bezeichnete auch für die Juden in Slavonien den Anbruch einer schöneren und freiheitlichen Aera. Die ersten Ansätze von jüdischen Gemeinwesen bildeten sich namentlich in den Städten dieses Landes. Doch die zahlreichen Einschränkungen und Ausnahmsgesetze lasteten noch ein Jahrzehnt lang auf denjenigen Juden, die sich Slavonien als Heimstätte erwählten. Die erste bedeutende Gemeinde wurde im Jahre 1856 in der Landeshauptstadt Essegg gegründet. Aus schwachen Anfängen rang sie sich zu einem schönen und wohlgeordneten Gemeindewesen empor. Im Jahre I960 wird diese Gemeinde ihren vierzigjährigen Bestand feiern können. Welche Wandlungen, welche Fortschritte, welche Fülle von lebensfähigen Institutionen, welche Summe von gemeinnütziger humanitärer Wirksamkeit repräsentiren die verflossenen vier Jahrzehnte. Von 14 Mitgliedern schwang sich die Anzahl der Gemeindemitglieder auf beinahe 4O0 empor. Ein herrlicher Tempel und eine Schule wurden errichtet, Wohlthätigkeits-Vereine aller Art gegründet, der Gottesdienst auf modern fortschrittlicher Basis zu einem wahrhaft mustergiltigen gestaltet, so dass die Judenschaft Esseggs durch ihren fortschrittlichen Sinn, durch ihre Humanitären Bestrebungen einen mächtigen in allen politischen und socialen Fragen in Betracht kommenden Factor bildet. All' diese Schöpfungen verdanken ihre Gründung dem auch in der wissenschaftlichen Welt wohlbekannten ersten Oberrabbiner weil. vr. Samuel Spitzer. Seine Anregungen fanden, kraft seiner geistigen Autorität und seines liebenswürdigen Wesens, die gehörige Beachtung und thatkräftige Unterstützung seiner ihm mit vollstem Vertrauen ergebenen Gemeinde. Sein Werk wurde durch eifrige und umsichtige Gemeindevorstände gefördert und ausgebaut. Große Verdienste um die Gemeinde erwarb sich namentlich der vierzehn Iahte lang verdienstlich wirkende Gemeindevorsteher, Herr Samuel Kästenbaum. Die Consolidirung der finanziellen Verhältnisse, die Verbesserung des Loses der Gemeindeangestellten, die Ausgestaltung und Verschönerung des Gottesdienstes bezeichnen hauptsächlich seine Wirksamkeit. Die rege Antheilnahme am Gemeindeleben, die Erweckung des Gemeinsinnes documentirte sich durch die Stiftung zahlreicher Wohlthätigkeits-Legate. *) Durch knapp vor Schluss der vorigen Nummer nothwendig gewordene technische Verschiebungen musste der obige Artikel, welcher uns von unserem geschätzten Mitarbeiter schon Anfang des Monates zur Verfügung gestellt wurde, Zurückbleiben und konnte erst in dieser Nummer veröffentlicht werden. Die Redaction.