Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 24 (21.7.1899)
- Date
- 1899-07-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Matzichsit Redaction u. Administration: Wien, TLI\, Novaragasse 27. K. I. österr. Postsparcassa Check-Conto Nr. 846.251. Inserate 10 Kreuzer per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar. imMngige Keitschrifi für Mische Erscheint jeden achten Tag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Bezugspreis: Ganzjährig.fl. 6.— Halbjährig.fl. 3.— Für Cultnsbeamte: Ganzjährig.fl. 5.— Für Ausland: Ganzjährig.13 Mark 6 Rubel oder 16 Frcs. Nr. 24. Wien, 21. Juli 1899. Inhalt: David Kaufmann. — Das jüdisch-confesfionelle Leben in Slavonien. — Die Dynastie Davids und Capitäu Alfred Dreyfus. — Zum jüdischen Synagogen- und Gemeindeleben im Mittelalter. — Gemeinde- und Vereinsbote. — lieber das Cantorat der Gegenwart. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: Heimweh. — Geschäftliche Notizen. David Kaufmann. Zweig auf Zweig sehen wir fallen vom Baume wissenschaftlicher Erkenntnis. Eine kurze Spanne Zeit erst ist hinter uns, seitdem der große Meister, Professor vr. Steinthal, von hinnen gezogen ist, und schon ist ihm Professor vr. David Kaufmann gefolgt, der unermüdliche Arbeiter im Weinberge des Schriftthums seines Volkes. Wie seit einer Reihe von Jahren in den sogenannten Ferialmonaten, ging er Ende vorigen Monates nach Karlsbad, um an den dortigen Quellen Gesundung für sein Leiden, Erholung und Kräftigung zur Ausübung seines schwierigen Berufes, neue Kräfte für seine gelehrten Forschungsarbeiten sich zu holen. Ein herbes Geschick vereitelte jedoch dieses sein Streben, und ein plötzlicher Tod raffte ihn mitten in seinem literarisch thatenreichen Leben in relativ jungen Jahren — er erreichte kaum das 47. Lebensjahr — am 7. Juli d. I. hin. Als ob die Vorahnung in ihm gelebt hätte, dass die Jahre seines Erdenwallens nur wenige sein werden, schien es ihm geradezu sündhaft, auch nur den geringsten Theil desselben ungenützt zu lassen. Man muss nur Gelegenheit gehabt haben, dies zu beobachten. Streng in der Befolgung hygienischer Vorschriften, unterließ er es nicht, nachdem er die ordinirte Anzahl Becher Kaiser- und Elisabethbrunnen getrunken hatte, auf den Höhen Karlsbads die unerlässliche einstündige Bewegung zu machen. Aber selbst die hierzu erforderliche Zeit wollte er wissenschaftlich nicht unverwerthet lassen. Wie Alexander der Große seinen Homer, so hatte er in diesem Falle stets ein wissenschaftliches Buch bei sich, in dem er unablässlich las, als hätte er ein Pensum zu absolviren. Auch das Frühstück, das er in Gesellschaft seiner edlen, ehrwürdigen Mutter im Jägerhause einnahm, in Ruhe zu genießen, schien ihm Zeitverschwendung. In- und ausländische Tagblätter und Zeitschriften lagen vor ihm, deren Lecture er ab ovo ad malum betrieb; sogar der Jnseratentheil war nicht ohne Interesse für ihn. „Wie ein Schwamm sog er alles auf", und „wie ein Sieb warf er die Kleie weg und behielt nur das Feinmehl zurück". Und als wollte er die dem Mittagmahle gewidmete Zeit einbringen, eilte er schnurstracks nach demselben in das Lesezimmer des Curhauses, um in der dort befindlichen Bibliothek ein oder das andere Werk zu studiren. Eine Charakteristik Kaufmannes gewinnt man, wenn man ihn mit den fünf Schülern des Rabbi Jochanan ben Sakkai vergleicht. Wie Rabbi Elieser ben Hyrkanos glich er einer mit Kalk verkitteten Cisterne, aus welcher kein Tropfen verloren geht. Sein Gedächtnis war ihm treu; er bewahrte Alles, was er sich an Wissen, Erfahrung und Wahrnehmung angeeignet hatte. Nur so ist es erklärlich, dass seine profunde Gelehrsamkeit in allen seinen Schriften in einer staunenerregenden Weise hervortritt. Wenn man seine zahllosen Arbeiten in Vergleich zieht zu der kurzen Lebensdauer, die ihm beschieden war, kann man von ihm das sagen, was Rabbi Jochanan ben Sakkai von sich sagte: er schien einem 70jährigen gleich. Wie von Rabbi Josua ben Chananja konnte mit Bezug auf Kaufmann gesagt werden: Heil Derjenigen, die ihn geboren." Wer das rührende Verhältnis, das zwischen ihm und seiner Mntter bestand, die Ehrfurcht und Liebe, mit der er sie behandelte, wahrzunehmen Gelegenheit fand, musste diejenige glücklich preisen, aus deren Mutterleib er hervorgegangen. Fromm wie Rabbi Jose der Priester war Kaufmann in seiner religiösen Lebensführung. Durch nichts ließ er sich abhalten, dem öffentlichen Gottesdienste in Karlsbad anzuwohnen, und sein leidender Zustand vermochte nicht, ihn in ritueller Beziehung abweichen zu lassen vom conservativen Wege. Wie Rabbi Schimon ben N'Tanel hütete er sich mit ängstlicher Scheu vor jedem Fehler; bescheiden, zurückhaltend war auch deshalb sein Benehmen. Die Ursprünglichkeit und Schärfe seines Verstandes machte ihn, wie Rabbi Eleasar ben Aroch einer gewaltig sprudelnden Quelle gleich. Sie führten seine Forschungen zu überraschenden