Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 23 (11.7.1899)
- Date
- 1899-07-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3062973-3062996--00353-3066854- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
esterr.-ungcrr. Gccntoren-Aeitrrng. Nr. 25. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit". 19. Jahrg Indem wir die geehrten Herren Eantoren und Eultusbeamten zur Erneuerung des Abonnements einladen, ersuchen wir nur Einsendung des Pränumerationsbetrages m i t t e l st post - Eheck, r e s p. Postanweisung. Gleichzeitig bitten wir die geehrten Herren Eantoren und Eultusbeamten, für unser Blatt, das jederzeit auch die Inte r e s s e n d e r j ü d i s ch e n E u t t u s b e a m t e n w a r ni v e rtreten hat, in den Areisen ihrer Gemeindemitglieder thätig zu sein und Abonnenten für dasselbe zu gewinnen. Die Wedcrction. Mer das Lantorat der Gegenwart. Ltudie von Ober-Cantor Eugen Datvifon, Teplrtz. Mit einem Eigenlob Ausführungen über das Cantorat zu beginnen, ist eine missliche Sache. Trotzdem erfordert es die „Wahrheit", für die und in deren Namen ich diese Zeilen schreibe, zu bekennen, dass ich eine Tugend, die man Bescheidenheit nennt, an mir entdeckt habe. Worin nun diese Bescheidenheit liegt? Ganz einfach darin: ich war zehnmal auf dem Punkte, auch meine Meinung über die Aufgabe des Cantorats im heutigen Gottesdienste mit dem ganzen Drange der Empfindungen, die mich mit meinem Berufe verbinden, jenen Meinungen gegenüberzustellen, die ein Verkennen und nicht Erkennen dieses Berufes documentiren. Ich durfte schweigen, und dieses Schweigen war keine moralische Schwäche, es war vielmehr die Erkenntnis, dass man sich auch in Böhmen, wo geregelter israelitischer Gottesdienst eine schon längst erkannte heilige Institution ist, solidarisch fühlt mit demjenigen, was unsere Bannerträger im Cantorat, Singer in Wien und K i r s ch n e r in München, öffentlich wiederholt über Cantorat fachwissenschaftlich geäußert haben. Stimmte Sulz er neue Töne für solche jüdische Beter an, die vom speciell altjüdischen Standpunkt in Anschauung und Willensbethätigung sich einem allgemein menschlich, weltumfassenderen Standpunkt genähert haben, so übernahm Sulzer's Nachfolger die Aufgabe, die heutigen Cantoren durch eine in unzähligen Artikeln niedergeschriebene Aesthetik des Cantoralen für das durch Sulz er immens bereicherte Gebiet innerlich empfänglich zu machen. Eine jahrelange Praxis steht ihm zur Seite, eine Praxis, deren Wesen vom ersten Tage an im Idealen wurzelte. Lebt doch heute in Singer'scher Schreibweise noch blühendes Leben und jugendliches Feuer, als wäre der Autor eine dem Idealismus alles opfernde Natur, der das Leben mit seinen Enttäuschungen noch nicht wehe gethan hat. Sollte ich, indem ich dieses feststelle, der Versuchung erlegen sein, einem verdienten Meister und Lehrer offen Dank für seine geistige Petheiligung um unsere cantorale Entwicklung ausgesprochen zu haben? Zu persönlichen Sympathie-Aeußerungen hat man nur in Privat-Correspondenzen ein Recht. Sing er's unauflösliche Gemeinschaft mit dem idealen Standpunkt des Cantorats sei nur die Schwelle für die logische Schlussfolgerung. Und diese Logik lautet: Wie befruchtend für den ethischen Theil unseres Religionsdienstes muss die llrkraft jener religiösen Ausdrucksweise sein, mit welcher der Vorbeter heilige Poesien zum Leben erweckt, wenn ein Mann mit machtvoller Intelligenz und schönheitsvollem Empfinden ein ganzes Leben lang sich der Erforschung dieser religiösen Ausdrucksweise unserer Gebete widmet! Wäre das cantorale Gebiet nicht hoch und herrlich, dann wären hervorragende Männer, obwohl im Dienst des Cantorats stehend, nicht mit ihren ganzen Kräften bei ihrem Berufe verblieben. Ihre Individualität hätte sie dann sicher noch zu anderer Bethätigung geführt, denn überschüssige Kraft lässt sich nicht eindämmen. Sie sind aber mit ihren ganzen Kräften ihrem Berufe treu geblieben, weil sie die Größe dieses Berufes verstanden und zu hoch über den ethischen Standpunkt dieses Berufes dachten, als dass die Kurzsichtigkeit Anderer und die dadurch bedingte Vorenthaltung von Werthschätzung ihnen die Freude an der segensvollen Arbeit hätte rauben können. Wie will das Cantorat aufgefasst sein? Die Beantwortung dieser Frage soll uns heute beschäftigen. Singen können, traditionelle und moderne Gesänge geschickt reproduciren können, machen noch nicht den Cantor aus. Aber noch weniger gehören diejenigen Standesgenossen in den Tempel, die bei ihrer Thätigkeit immer ein Stimmheldenthum voransetzen. Die Erfolge dieser Stimmhelden ruiniren den jüdischen Gottesdienst und die Würde des Cantorats. Das Gefährlichste des Stimmheldenthums im Tempel ist leider die so hervorgerufene Corrumpirung des Geschmacks. Das Publicum wird unwillkürlich von der sieghaften Gewalt der Stimme mit fortgerissen, einige gut sitzende hohe Töne haben es geblendet, und es hält diesen Eindruck des stimmlichen Effectes für gehobene gottesdienstliche Stimmung. Gegen diese cantorale Art im Gottesdienste machen wir aus unseren Reihen heraus selber Front, ohne allerdings mit Schimpfworten bald verdammend aufzutreten, sondern indem wir zu entschuldigen bemüht sind. Unsere moderne Welt hat andere Anschauungen und Empfindungen, und unser Judenthum hat sich trotz Zionismus nicht isolirt gehalten. Das Judenthum lässt seine Empfindungen nicht eindämmen, es ist fromm und wohlthütig wie früher, also gottcsfürchtig und human, man muss es nur verstehen und nicht nach alten Werthen taxiren. Dieses Judenthum will beten und zur Andacht angeregt sein; es ist aber zu intelligent, zu weit geistig vorgebildet und stimmungskritisch, als dass es nur die höchste sittliche Forderung des Menschen, das Gebet zu Gott, mechanisch erfüllen wollte. Oder war das mechanische Herabsagen der Piutim früher etwas Anderes als vorgeschriebene Marschroute für eine religiöse Bethütigung, an welcher der innere Mensch so gut wie gar keinen Antheil hatte? Dass nach dieser Richtung hin unser Judenthum selbstständiger geworden ist und mit störenden Nebenerscheinungen im Gottesdienst gebrochen hat, das spricht nur für das Lebendigsein des religiösen Bewusstseins. Das Judenthum bekannte sich zuerst zu einem „einig einzigen Gotte", es führte den Vernichtungskrieg gegen alle thierischen Jnstincte im Menschen und baute den Tempel zur Gottesverehrung, den Wallfahrtsort, wo das Knie des mächtigsten Fürsten sich beugt und die höchste Weisheit nur die kindliche Rede eines Staubgeborenen bleibt. Die Herrlichkeit Gottes war in Zion. Und als jenes gottgeweihte und gottgeheiligte Volk zu entarten begann und Gott verlor, da verlor es Zion. Das alte Zion ging in Trümmer, aber wo auch immer auf dem weiten Erdenrund der Name des einig einzigen Gottes gepriesen wird — dort ist Zion! Die Mission, die Gotteslehre zu verkünden, erfüllen glaubenstreue Juden so mit dem Einsetzen ihrer ganzen Persönlichkeit wie früher. Wäre es nöthig, die Namen aller dem Judenthum ungehörigen Männer zu nennen, die als Gelehrte, Politiker, Künstler, auf commerciellem, industriellem oder technischem Gebiete sich einen berühmten Flamen in aller Herren Länder erwarben, und doch niemals den Gott ihrer Väter verleugneten. Ein Judenthum im religiösen Sinne wird immer existiren, und die Frage seiner religiösen Bedeutung und Erhaltung ist absolut nicht von einem im nationalen Sinne gedachten Judenthum abhängig. Im religiösen Bekenntnis sind wir Juden! Nationale Eigenthümlichkeiten entstehen durch Sitten, Gebräuche, Sprache und Bildung desjenigen Landes, in welchem man erzogen ist. In der Individualität des Juden prägt sich deshalb erstens der nationale Standpunkt desjenigen Landes ans, welchem er