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Die Wahrheit · 1899-07-11 · Heft 23 (11.7.1899) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 23 (11.7.1899)
Date
1899-07-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 23. ihren Zionverein; nicht lange, und der Zionismus wird Gemeingut aller Gemeinden werden, was wohl die Regelung der Gemeindeverhältnisse, ihrer Erziehungs- und Wohlthätigkeitsinstitute nach innen und den Anschluss an die große nationale Bewegung, an den Zionismus bedeutet. Beides bildet die Grundpfeiler des modernen Judenthums. _ Zur Geschichte -er Mischen Tradition. Von Lector I. H. Weiß. Frei aus dem Hebräischen bearbeitet von Dr. I. Kahau. (Fortsetzung.) V. Abschnitt. Lange bevor die Katastrophe über Jerusalem und den Tempel durch Nebukadnezar hereingebrochen war, mehrten sich die Zeichen, dass die Tage des judäischen Reiches gezählt seien. Schlag auf Schlag folgte: Jerusalem wurde erobert, der Tempel beraubt, der König und alle Großen des Reiches wurden nach Babylon in die Gefangenschaft geführt — aber das Volk wollte noch immer nicht zur Besinnung kommen, es wollte noch immer nicht an seinen Fall glauben, es ließ sich noch immer von den falschen Propheten täuschen und hatte kein Ohr für die Mahnungen und Drohungen des Propheten Jeremia. Erst mit der Zerstörung Jerusalems und des Tempels erwachte das Volk aus seinen Träumen, in welche die falschen Propheten es gewiegt hatten, es lernte unterscheiden zwischen jenen feilen Gauklern und den wahren Propheten Gottes. Sie sahen ein, dass die Prophezeiungen Jeremias alle eingetroffen sind und schöpften daraus die Hoffnung, dass ebenso die Tröstungen eintreffen würden, wenn sie ihren Wandel besserten und zu Gott zurückkehrten. Und sie kehrten zu Gott zurück. Die Anwandlungen zum Götzendienst, welche sich vor der ersten Zerstörung Jerusalems so oft wiederholten, hörten nun gänzlich auf, und die Thora kam endlich zur Geltung. Und unter der Herrschaft der geläuterten Religion gelangte auch die Wissenschaft zu hoher Blüthe. Ein großer Theil der heiligen Schriften verdankt sein Entstehen diesem Zeitraum, und aus den vielen Berührungspunkten mit der Thora erkennen wir leicht, wie diese damals ausgelegt wurde. Dabei springt ein großer Gegensatz zur älteren Zeit in die Augen. Während nämlich die früheren Propheten die Ceremonialgesetze fast gar nicht beachteten und nur sehr selten ihrer Erwähnung thaten, fing man jetzt im Exil an, es mit denselben sehr genau zu nehmen, und die Gelehrten machten sie zum Ziele ihrer Forschung. Ganz natürlich! Jedes Volk, das seine politische Freiheit verliert und das bittere Leben des Exils führen muss, findet in der besonderen Pflege seiner Bräuche und Gesetze Trost und Hoffnung, und dieselbe Erscheinung sehen wir auch bei den Juden nicht nur im Exil, sondern auch zu allen Zeiten. Die peinliche Beobachtung der Ceremonialgesetze fing schon damals an, Wurzel im Volke zu schlagen, denn ohne Zweifel waren Daniel und seine Freunde nicht die einzigen, welche sich durchaus weigerten, verbotene Speisen zu genießen und heidnischen Wein zu trinken. Namentlich die Enthaltung vom Genuss des letzteren, den die Thora gar nicht verbietet, muss bei den Besseren des Volkes längst Sitte gewesen sein, da es unwahrscheinlich ist, anzunehmen, dass der junge Daniel und seine ebenso jungen Freunde sich etwas versagt hätten, was nicht schon längst als verboten galt. Das Beispiel der Großen aber, welche selbst am königlichen Hofe die Gesetze der Thora peinlich befolgten, hat seine gute Wirkung auf das Volk nicht verfehlt, und eine Folge davon war die eifrige Beschäftigung mit der Thora und ihren Gesetzen. Spuren davon finden sich schon bei Ezechiel. Das Buch Ezechiel unterscheidet sich von den anderen prophetischen Bücher dadurch, dass es vielerlei über die Ceremonialgesetze enthält. Von diesen Gesetzen sind manche in der Thora gar nicht enthalten und müssen daher auf mündlichen Ueberlieferungen beruhen. Außerdem sehen wir, dass Ezechiel, obwohl er großes Gewicht auf die Ceremonialgesetze legt und ihre Befolgung einschärft, es dennoch mit der Art ihrer Bethätigung nicht gerade genau nimmt. Die Rabbinen erblickten darin in der Folge einen Widerspruch zur Thora und wollten deswegen das Buch Ezechiel aus der Welt schaffen. Nur die Hoffnung, dass Elia einst die Widersprüche so erklären würde, dass sie aufhören, Widersprüche zu sein, bewog sie, das Buch der Nachwelt zu erhalten. Für uns aber bestehen diese Widersprüche mit der Thora noch. Sollte der Prophet mit Bewusstsein und Absicht einen Gegensatz zur Thora haben schaffen wollen? Die Sache verhält sich vielmehr so, dass dem Propheten die Aeußerlichkeiten des Gesetzes Nebensache waren. Manche Widersprüche erscheinen uns nur als solche, weil wir die betreffenden Gesetze der Thora anders verstehen als sie der Prophet verstanden hat. Einige Beispiele sollen dies klarlegen. Eine der wichtigsten Anschauungen des Volkes, welche sich auf die Thora gründeten, war, dass Gott die Sünden der Väter auch die späten Kinder büßen lässt. Wie sollte nun bei dieser Anschauung die Hoffnung in den Herzen der unglücklichen Exilanten platzgreifen, dass ihr Elend eine Ende nehmen könnte? Die Sünden der Väter waren gar viel und konnten nicht so leicht gesühnt werden. Daher verkündete Ezechiel dem verzagten Volke: die sündige Seele büßt nur für ihre eigenen Sünden! Ihr könnt gerettet werden, wenn Ihr Euren Wandel bessert. Und als ob der Prophet den Widerspruch zur Thora ausgleichen wollte, fährt er fort: Wenn der Sünder einen Sohn hat, der die Sünden seines Vaters nicht begeht, trotzdem er an ihren Anblick gewöhnt war, so stirbt dieser Sohn nicht wegen der Sünde seines Vaters. Damit rettete er nicht nur die göttliche Gerechtigkeit, sondern erklärte auch, wie die Thora zu verstehen sei, dass Gott die Sünden der Väter an den Kindern ahndet, nämlich nur dann, wenn die Kinder die Sünden der Väter mitmachen! (Fortsetzung folgt.) Gemeindevnd Vereinsbote. Wien. Sitzung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde Wien, am 28. Juni 1899, unter Vorsitz des Präsidenten kais. Rathes Klinger. Beginn %% Uhr Nachmittags. Als Spende ist von den Herren Dr. Otto von Fleischl-Marxow, Paul von Fleischl-Marxow und Richard von Fleischl-Marxow, anläßlich des Ablebens ihrer Mutter, der Frau Jda von Fleischl-Marxow, der Betrag von fl. 1000 für den israelitischen Frauen-Wohlthätigkeits- Verein übergeben worden. Von einem Anonymus wurden fl. 5 für Arme übermittelt. Den Spendern wird der Dank votirt. Dankschreiben sind eingelaufen: von Herrn Oberrabbiner Dr. Kaiserling-Pest für die ihm seitens des Vorstandes zum 76. Geburtstage übermittelten Glückwünsche — sowie von den Hinterbliebenen nach dem Ober-Cantor Josef Goldstein für die Ehrungen, unter welchen die Bestattung des Dahingeschiedenen erfolgte. Im Einlaufe befindet sich weiters eine Zuschrift des Vorstandsmitgliedes, Herrn Dr. Adolf Stein, des Inhaltes, dass die von ihm in einer Stiftungsangelegenheit namens des Vorstandes

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