Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 23 (11.7.1899)
- Date
- 1899-07-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Mahrheit. Nr. 23. enthält. Den Juden wird eine Reihe von Thüren geöffnet; — wenn sie hindurchgehen, sind sie der Gegenstand des Angriffes, bleiben sie vor der Thür stehen, werden sie nicht minder angegriffen. — Nun entscheide ein Mensch von gesunder Logik, was der Jude thun soll. Noch niemals war eine Bevölkerungsclasse, die ausschließlich dem Handel förmlich zugepeitscht worden war, im Stande, insgesammt sich plötzlich dem Gewerbe und dem Ackerbau zuzuwenden; solche wirthschaftliche Umformungen geschehen erst im Laufe von Generationen. Hier wird nun den Juden der Borwurf gemacht, dass sie von der Erlaubnis Gebrauch machen, sich auch anderen Erwerbszweigen zuzuwenden. Sehen wir uns einmal die Einzelnen an. Dass Heer und Flotte verjudet seien, dafür fehlt jeder Beweis. Auf dem Schlachtfelde haben sie sich in jeder Hinsicht als vortreffliche Soldaten gezeigt, aber die einfachste Auszeichnung wird ihnen im Frieden versagt, nur hin und wieder wird einer zum Gefreiten oder Unterofficier befördert. Noch heute gibt es in Preußen nicht einen einzigen jüdischen Secondelieutenant, nicht einen einzigen Reservelieutenant. Dass die Flotte von den Juden überschwemmt sei, dürfte selbst die fanatischsten antisemitischen Köpfe überraschen, die sich immer den Witz geleistet haben, die Juden mieden die Flotte, weil das Wasser keine Balken habe, obschon gerade die Erfahrung, die man mit den amerikanischen Juden auf den Schlachtschiffen gemacht hat, ganz vortreffliche waren. Dass die Justiz verjudet sei, darüber geben die sogenannten Geheimlisten im Justizministerium Auskunft, die sorgsam die Beförderung christlicher Beamten registriren und ebenso sorgsam das Uebergehen der Juden gutheißen. Dass in der Verwaltung vom einfachsten Gensdarm hinauf bis zum Minister Juden sein sollten, dürfte auch nur Herrn Plath bekannt sein. 1, 2 oder 3 Ausnahmen bestätigen nur die Regel. Auf die Justiz und den ärztlichen Stand fällt in der That ein weit größerer Procentsatz von Juden, als es der Bevölkerungszahl entspricht, — nicht Richter, wohl aber Rechtsanwälte und das hat seine einfache Erklärung darin, dass der Rechtsanwaltstand und der ärztliche Stand die beiden akademischen Zweige sind, auf welche man die jüdische Intelligenz losgelassen hat, denn es heißt förmlich, sie aus die genannten Zweige loslassen, nachdem ihr die übrigen Erwerbszweige systematisch verschlossen werden. In der Schule werden ihnen nur noch ein paar Stellen offen gelassen und auch diese Tag für Tag vermindert. In der Literatur ist bis jetzt nirgendswo als auf streng antisemitischer Seite die Theilnahme jüdischer Dichter als ein Unsegen empfunden worden. Derselbe Heinrich Heine, der besonders bei den slavischen Völkern als der deutsche Dichter xor 6xee1l6N66 gilt, hat dem deutschen Namen hundertmal mehr Ehre eingetragen, als seine Blasphemien und Angriffe auf Deutschland unserer Nation je hätten schaden können, von anderen jüdischen Dichtern nicht zu reden. Die Volksvertretung in den Parlamenten ist bei uns jetzt fast ausschließlich christlich geworden. — Hat sich doch Stöcker gerühmt, dass die jüdischen Abgeordneten durch seinen Einfluss aus dem Reichstage und dem Abgeordnetenhause entfernt worden sind. In der That — ist ihre Anzahl in den bürgerlichen Parteien noch geringer, als sie der Bevölkerungszahl entspricht. Wir ersehen, dass diese scheinbare Ueberfluthung aller Stellen durch die Juden vollkommen Humbug ist. Der sogenannte „Einfluss" oder die „Macht", welche die Inden in ihren Aemtern ausüben sollen, ist doch nichts weiter als der Einfluss, der immer mit einem Amte verbunden ist. Der bescheidenste Arzt in einem Neste ist für Hunderte seiner bäuerlichen oder kleingewerblichen Patienten ein Mann von Ansehen, von „Einfluss", von „Macht". Jeder Vorgesetzte hat „Einfluss" und „Macht" auf seine Untergebenen. Wird nun Herr Plath den Vorwurf zu erheben wagen, dass die Juden diesen Einfluss stets missbrauchen? Er hat diesen Vorwurf nicht einmal anzudeuten gewagt. Besonders gehe es ihm durch den Strich, „dass die Juden irgend eine obrigkeitliche Macht gegen uns und über uns ausüben." Diesen Satz widerlegen, hieße den ganzen Nonsens, der mit der Forderung des „christlichen Staates" verknüpft ist, wieder aufleben lassen. Wir nehmen uns hier nicht die Mühe dazu; nur soviel sei gesagt, dass ein Gensdarm nicht darum besser ist, weil er christlich getauft ist und dass es für einen Strolch gleichgiltig ist, welche Faust ihn packt, wenn sie nur gut packt. Wer freilich, wie ein deutsch-nationaler Oesterreicher einmal gesagt hat, in dem elendsten arischen Verbrecher eine anmuthigere Persönlichkeit sieht, als m dem anständigsten Juden, mit dem ist einfach nicht zu discutiren. So ein klein wenig Racenantisemit ist dieser christliche Herr Plath auch. Die rein physischen Merkmale der Juden, wie Gesicht, Ausdruck, Körperhaltung, Spracheigentümlichkeiten, Denkraschheit (!), Zähigkeit des Willens (!) u. s. f. sind ihm auch unsympathisch. Warum sich der Jude statt der „Denkraschheit" Denkfreiheit zulegen soll, ist nicht recht klar. Warum man auch politische Fragen darnach beurtheilt, welche Haarfarbe oder Nasenformation der Gegner habe, ist Männern von Logik auch schleierhaft, zumal Herr Plath eigentlich doch wissen sollte, dass die Apostel und viele. andere Gestalten des alten und des neuen Testaments wohl eine unzweifelhafte Aehnlichkeit mit dem Typus gehabt haben, der ihm so überaus unsympathisch ist. Nachdem der Verfasser alle Schrecknisse der Verjndung ausgemalt hat, kommt er zur eigentlichen „Lösung" der Judenfrage. Sie ist freilich mager genug. Er droht damit, dass der schlimme Einfluss der Juden einmal zu „schleichenden und ausbrechenden Reactionen" führen werde, entschieden ein freundlicher Hinweis auf die Dreschflegeltactik des Grafen Pückler ist. Aber als frommer Mann bekommt er über diese Folgerung gleich einen Schreck und sagt: „Bei den darin entstehenden Kämpfen aber sind für die bewussten Vertreter christlicher Grundsätze gewisse Schranken gezogen und bestimmte Gesichtspunkte geltend zu machen, die es nicht erlauben, in der Judenfrage heidnisch, muhammedanisch, auch nicht jüdisch zu denken und zu verfahren, sondern einen Weg vorzeichnen, welcher den Charakter des Christenthums trägt." Aber die Judenfrage soll und muss gelöst werden, wiederholt er immer wieder, und wenn man die Juden warne, so hätten sie die frohe Antwort: „Wir haben aber das Capital!" oder die hochmüthige Antwort: „Wir sind aber einmal solch' ein eifriger und begabter Stamm,". Herr Plath hat uns leider vorenthalten, wo er die beiden hübschen Sätze gehört oder gelesen hat, aber die voll ihm erfundene Antwort versetzt ihn in Wuth und er ruft aus: „Sollen sie dies letzte Wort behalten oder haben wir als christliche Patrioten noch ein letztes zu sagen? Doch hier hält er auch wieder erschrocken inne, besinnt sich auf sein Christenthum und verwirft schleunigst den modernen Antisemitismlls. Es widerstreite einfach der allgemeinen Menschenliebe und insbesondere der Liebe, welche wir Christen jedem Menschen, selbst uilseren Feillden schuldig seien — und mm kommt er zu einem positiven Vorschlag: Die Christen sollten sich einzeln, jeder in seinem Kreise des jüdischen Einflusses erwehren und in Wort und That, bei Wahlen aller Art, im Leben, in Handel und Wandel u. s. w. gegen die Verjudung ankämpfen. Schließlich prophezeit er noch die Nothwendigkeit einer internationalen Antijudenconferenz, „damit auf.ihr eine Neuordnung der betreffenden Verhältnisse berathen würde: Staatsmänner, Juristen, Volkswirthschaftler, Finanzlelite, Theologen, Männer des praktischen Lebens' müßten darüber verhandeln, was wegen der allgemeinen Volkswohlfahrt der christlichen Nationen nöthig ist. Inzwischen sind die Behörden der einzelnen Länder dafür verantwortlich, dass die Juden nicht immer weiter Vordringen, und noch mehr Macht gewinnen. Nach dieser etwas confus anmuthenden Lösung erklärt der Verfasser, dass die Judenfrage doch unlösbar sei und schließt