Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 22 (1.7.1899)
- Date
- 1899-07-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Gesterr.-ungar. Gantoren-Keitung. Nr. 22. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit". 19- >!,rg. Indem wir die geehrten Herren Eantoren und Eultusbeamten zur Erneuerung des Abonnements einladen, ersuchen wir uni Einsendwtg des Pränumerationsbetrages mittel st post - Eheck, resp. Postanweisung. Gleichzeitig bitten wir die geehrten Herren Eantoren und Eultusbeamten, für unser Blatt, das jederzeit auch die I n - teressender jüdischen Eultusbeamten warm vertreten hat. in den Areisen ihrer Gemeindemitglieder thätig zu sein und Abonnenten für dasselbe zu gewinnen. Die Wedcrction. Josef Goldjtekn. Da die letzte Nummer unseres Blattes noch an demselben Tage, an welchem das Leichenbegängnis Obercantor Goldst ein's stattfand, unter die Presse kam, war es nicht mehr möglich, in dem ausführlichen Berichte auch die Trauerreden wortgetreu wiederzugeben. Bei dem großen Interesse, welches wir bei den Lesern unseres Blattes für den Verblichenen voraussetzen, halten wir es für angezeigt, im Nachfolgenden diese Reden vollinhaltlich mitzutheilen: Trauerrede des Herrn Rabbiners Dr. Schmiedl bei der Leichenfeier im Leopoldftädter Tempel. „Jossef ennenu.“ Mit diesem schmerzlichen Ausrufe trete ich tiefbewegt zu dieser Todtenbahre und vor diese große, hocbgeehrte Trauergemeinde. „Gott, waS ist der Mensch, dass Du in Deiner großen Schöpfung ihn so vorzüglich bedacht hast; am Morgen steht er wie die Blume in ihrer Frische vor uns da, und am Abend ist er bleich und welk." Wie haben sich diese wehmüthigen Worte in ihrer traurigsten Bedeutung an Dir, Obercantor Josef Goldstein, erfüllt! Als am jüngsten Freitag in später Nachmittagsstunde wir Beide an der Bahre eines scheidenden Menschenbruders standen, da erhob er noch mit der ganzen Machtfülle seiner gewaltigen Stimme den liturgischen Ausruf: „Sage dem Engel, dass er loslasse, zurückziehe seine vernichtende Hand", und als bald daraus zum Beginne des Sabbath-Abendgebetes er hier hereintrat, da bemerkte er, an meinem Sitze vorübergehend, dass gerade dieser Sabbath in der Geschichte seines Lebens einen wichtigen Gedenktag bilde, da er an diesem Tage vor einundvierzig Jahren zum ersten Male in diesem großen heiligen Hause seine betende Stimme erhoben hatte; man merkte ihm auch sichtlich die innere Gehobenheit an, da er an diesem Abend die dicht geschaarte Menge begeisternd mit sich fortriss. Ebenso auch an dem folgenden Tage, wo er noch die große Haphtara dieses Sabbaths mit wahrer Jugendfrische und seiner glockenhellen Stimme vortrug. Und ach, wenige Stunden nachher ereilte uns die erschütternde Schreckenskunde: „Jossef ennenu — Obercantor Josef Go ldstein ist todt." Wahrlich, dieses heilige Haus wird lange trauernd seines großen Gesangsmeisters gedenken. An jedem Freitag Abend, wenn wir zu jener Stelle gelangen, welche die Weihe des Sabbaths verklärend darstellt (Mögen aboth), wird in jedem Ohr die wunderbare Gesangsweise wiederklingen, wie der Heimgegangene bei jedem Theile dieses Gebetes an der melodischen Stufenleiter immer eine Stufe höher emporklomm und immer höher, bis er an der Klimax den höchsten Gipfelpunkt erreichte. Ebenso an jedem hohen Festtage, wenn bei geöffneter Bundeslade er die göttliche Barmherzigkeit in ihrer unendlichen Langmuth anrief, wir glaubten, mächtig ergreifende Sphären-Töne zu vernehmen. Und wer vermag zu schildern, wie er den heiligsten Tag des Jahres durch seinen bezaubernden Gesang uns verklärte, bis er am Schlüsse des Tages mit seinem „Unser Vater, unser König" alle Herzen mächtig ergriff. Wahrlich, die zwei großen Gesangsmeister, Salomon Sulzer und Josef Goldstein, werden in den Annalen dieser großen Gemeinde immer ein unverwelkliches Ehrenblatt behalten; zugleich aber erscheint uns in diesen beiden Meistern des gottesdienstlichen Gesanges, Dasjenige, was die Wissenschaft die Vererbungstheorie nennt, seine volle Bestätigung zu finden. Beide gehörten dem Stamme Lewi an, und es erscheint dies als ein bedeutungsvolles Moment. Aus unserer ältesten, glorreichen Nationalgeschichte sind uns die großen Gesangschöre aus dem Stamme der Lewiten rühmlichst bekannt. Nach den Lehren der Thora, welche jedes sichtliche, die Sinne fesselnde Bildnis von der Schwelle des Heiligthums strenge ferne hält, sollte nur die dem Menschen von Gott verliehene Macht des Gesanges dazu berufen erscheinen, die Herzen emporzuheben zu Gott. „Ihr habt keine Gestalt wahrgenommen, außer die Stimme." Die dem Menschen von dem Schöpfer verliehene Stimme besitzt die wunderbare Eignung, dass sie zwischen den zwei verschiedenen Welten, der Sinnes- und der übersinnlichen Welt, die Mitte hält. Keinem der menschlichen Sinne macht sich die Stimme wahrnehmbar, außer dem Gehör, und auch an diesem zieht sie blitzschnell vorüber, nur in der Seele ihren mächtigen Eindruck zurücklassend. Darum sollte die Stimme, sei es als gesprochenes Wort, sei es als Gesang, Gott verherrlichend, im Heiligthume ihre Wirksamkeit ausüben. Jedoch Gesang und Dichtung sind zwei zusammenhängende Factoren, denn nur der seelenvolle Gesang besitzt die Macht, die Herzen zur Welt des Unsichtbaren emporzutragen, und so kommt es, dass wir dem Stamme der Lewiten Beides, sowohl die großen Sänger, als auch die großen Dichter, verdanken. Nun könnte man fast die Behauptung wagen, dass diese große Doppelgabe durch Jahrtausende der Geschichte sich in dem noch fortbestehenden Stamme der Lewiten fortvererbt. Der gefeiertste Dichter des Mittelalters, Jehuda Halewy, und noch eine ganze Gruppe von großen Dichtern trug denselben Stammnamen auf sich. Ja, noch am Beginne dieses Jahrhunderts gab es in der französischen Hauptstadt einen neuhebräischen Dichter Namens Elia Halewy, der in einer poetischen Schöpfung Alles übertraf, was jemals aus einer begnadeten Dichterfeder hervorgefloffen ist, und ein Sohn dieses Dichters war der weltberühmte Tondichter Frommenthal Halewi. Daher scheint es uns nicht bedeutungslos, dass die zwei großen Meister der Cantorenwelt, Salomon Sulzer und Josef Goldftein, auch dem Stamme Halewy angehörten. Doch so ähnlich die Gesangsweise der beiden großen Meister war, so schieden sie sich doch in einem wesentlichen Punkte. Auf Sulzer, den unvergleichlichen Bariton, konnte man den Spruch anwenden: „Aus der Tiefe rufe ich Dich, mein Herr"; Goldstein's Gesangsweise können wir nicht mit Unrecht „Schir hamaaloth — die immer höher emporführende Stufenleiter" — nennen. Josef Goldstein, wenn wir Dein Gesangsleben überblicken, finden wir, dass auch von Dir, so wie von Deinem biblischen Namensbruder, gesagt werden kann: „Gott war mit Josef und er war ein glücklicher Mann" (1. B. M.). Von der Wiege bis zum Grabe geleitete ihn die besondere Gnade Gottes; denn schon in seine Wiege wurde ihm das reiche Pathengeschenk des wundervollen Gesanges gelegt; als vierzehnjähriger Knabe machte er seine Triumphreisen durch viele Gemeinden unseres Vaterlandes, und wo er hinkam, erregte er Bewunderung dtlrch sein