Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 22 (1.7.1899)
- Date
- 1899-07-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 22. Zur Erlangung dieses Zweckes diente damals noch eine andere besondere Eigenart im jüdischen Leben: Die gesammte Gemeinde war nur wie eine vereinigte größere Familie, und jedes Mitglied der Gemeinde nahm lebhaften Antheil an den Freuden und Leiden des Nächsten. (Fortsetzung folgt.) Gemeinde- und Vereinsbote. Wie«. Sitzung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde in Wien am 22. Juni 1899 unter Vorsitz des Präsidenten Herrn kaiserlichen Rath Kling er. Beginn '/26 Uhr Abends. Vor Behandlung der Tagesordnung widmet der Vorsitzende dem verstorbenen Obercantor Josef Goldstein tiefempfundene Worte des Gedenkens, in welchen dem schmerzlichen Bedauern der Cultusgemeinde und des Vorstandes über das Hinscheiden dieses verdienstvollen Functionärs Ausdruck gegeben wird, der durch einundvierzig Jahre der Gemeinde ausgezeichnete Dienste geleistet, durch seine glänzende, künstlerische Thätigkeit den Gottesdienst verherrlicht und dem Andenken der Unzähligen, die er erbaut, nie entschwinden wird. — Die Ansprache des Präsidenten wird stehend angehört und verfügt, dass die Beileidskundgebung des Vorstandes dem Protokolle einverleibt werde. Der Präsident lässt sodann die aus Anlass dieses Trauerfalles eingelaufenen Kundgebungen verlesen. Condolenzen sind unter Anderem eingelaufen von der Cultusgemeinde Krems, von den Tempelvereinen im VIII. und IX. Bezirk, vom Wiener Männergesangsverein rc. 2c. Im Einlaufe befindet sich eine Zuschrift des Verwalters des israelitischen Allersversorgungshauses, Rudolf Koditschek, womit derselbe anzeigt, dass eine ungenanntsein wollende Wohlthäterin unter der Chiffre G. V. fl. 200 dem Altersversorgungshause zugewendet habe, als Spende ist weiters Seitens des Herrn vr. M. Goldner Namens eines Clienten als Sühne für eine Ehrenbeleidigung, für jüdische Arme der Betrag von fl. 5'— ein gelangt. Im Sinne des Referates des Herrn Docenten vr. Grünfeld wird die vr. Adolf und Emanuel Stern'sche-Stiftung für Rigorosanten der Medicin, 6 Plätze ä fl. 109*—, an sechs würdige Petenten verliehen. In Angelegenheit eines Bescheides des Bezirksschulrathes, womit der Cultusvorstand mit dem Ansuchen, dass die Besetzung einer dem Gesetze nicht entsprechend ausgeschriebenen Ober- Lehrerstelle insolange zu inhibiren sei, bis der Verwaltungsgerichtshof in dieser Sache entschieden habe, abgewiesen wird, wird über Antrag der zweiten Section der Recurs an den Landesschulrath beschlossen. Namens der dritten Section beantragt Herr Baurath Ritter v. Goldschmidt einen Bericht über die 25jährige Thätigkeit des Spitals der israelitischen Cultusgemeinde in der Periode 1873 bis 1898 zu veröffentlichen. Im Sinne des Referenten-Antrages wird die Drucklegung beschlossen, sowie der hiefür erforderliche Credit bewilligt. Im Sinne des Antrages der dritten Section wird nach den Ausführungen des vorgenannten Referenten für die monatliche, beziehungsweise quartaliter stattfindende Unterstützung von 204 würdigen Armen im zweiten Semester 1899 der theilweise im Budget vorgesehene Betrag von fl. 8321*— liquidirt. Nach Erledigung von Personal-Angelegenheiten wird die Sitzung um x/29 Uhr Abends geschloffen. Wie«. (Befähigungsprüfung für Kindergärtnerinnen.) Der 31. Jahrescurs der ersten mit dem Oeffentlichkeitsrechte versehenen Privat-Bildungsanstalt für Kindergärtnerinnen in Wien, II. Bezirk, Schiffamtsgaffe 15, wurde durch die am 23. Juni unter dem Vorsitze des Herrn k. k. Landesschulinspectors vr. Karl Rieger abgehaltene Befähigungsprüfung abgeschlossen, bei welcher zwanzig Candidatinnen approbirt wurden, während eine zur Wiederholungsprüfung nach den Ferien zugelaffen wurde. Anmeldungen zur Aufnahme in den am 15. September beginnenden 32. Jahrescurs der Anstalt, aus welcher bis nun 797 Kindergärtnerinnen hervorgingen, werden bei' der Direktion entgegengenommen, bei welcher auch Prospecte erhältlich find. Jglau. (Stadtjubiläum und Festgottesdienst.) Anlässlich des elfhundertjährigen Gründungsfestes der Stadt Jglau veranstaltete die hiesige israelitische Cultusgemeinde am Freitag, den 23. Juni l. I., um 6 Uhr Abends, im festlich geschmückten und beleuchteten Tempel einen Festgottesdienst, bei welchem eine Abordnung der Stadtgemeinde-Vertretung mit den Herren Bürgermeister vr. Fritz Popelak und Vice-Bürgermeister Vincenz Jnderka an der Spitze, ferner die Herren Beamten der Bezirkshauptmannschaft, des Kreis- und Bezirksgerichtes, Herr Oberfinanzrath Hermann Kloß, Herr Gymnasial-Director Julius Wollner und mehrere Professoren der hiesigen Mittelschulen, das Presbyterim der evangelischen Gemeinde, das Officierscorps des hier garnisonireuden 81. Infanterie-Regiments und des 14. Landwehr-Bataillons, zahlreiche Stadtbewohner und viele Fremde anwesend waren. Der ehrwürdige Rabbiner vr. I. I. Unger hielt die sehr beifällig aufgenommene Festpredigt und feierte nach einer schwungvollen Würdigung des Stadtjubiläums den Frieden, der in Jglau zwischen den Confessionen herescht. Herr Obercantor David Weiß versah die cantoralen Functionen in erhebender Weise und wurde vom Tempel-Gesangsvereine unter der bewährten Leitung seines Obmannes, Herrn Gustav Hellmann, trefflich assistirt. Das Programm des Festgottesdienstes bestand aus folgenden Piecen: 1. Mali towu von Hirschl, 2. Psalm 150 von Sulzer, 3. Festpredigt, 4. Gebet für Seine Majestät den Kaiser und das allerhöchste Kaiserhaus, 5. Volkshymne, 6. Schlussgesang von Wallerstein. Olmütz. Am 18. Juni 1899 fand in unserem herrlichen, festlich erleuchteten Tempel die Confirmation statt. Dieselbe hat sich schon längst als ein erhebendes Fest nicht nur bei der betheiligten Jugend und ihren Angehörigen, sondern auch bei der ganzen Gemeinde hier eingebürgert. Bei dieser Feier waren die geehrten Vorstände der Gemeinde, die, wie immer, so auch diesmal, das regste Interesse bekundeten, fast vollzählig erschienen. Eine große Anzahl Gemeindemitglieder und viele Bürger unserer Stadt füllten das Gotteshaus, das zu diesem Zwecke noch besonders prachtvoll geschmückt war, und lauschten mit geistig gehobener Stimmung den aus Kindermund so herzlich entströmenden Worten der Begrüßung an die Anwesenden, der klaren Beantwortung der gestellten Fragen aus der Glaubenslehre, dem begeisterten Vortrag des Glaubensbekenntnisses, besonders aber dem tiefgefühlten, rührenden Dank an die Eltern. Der Rabbiner vr. B. Oppenheim hielt dann die Ansprache an die Confirmanden, die er zu diesem Acte vorbereitet hat, und ermahnte sie in kurzen aber markigen Worten zum treuen Festhalten an dem Glauben ihrer Väter, zur gewissenhaften Pflichterfüllung, zur steten Dankbarkeit gegen Eltern und Lehrer. Der gesangliche Theil wurde vom Herrn Obercantor Schlesinger in wirkungsvoller Weise geleitet. Am selben Tage fand die Trauung der Herrn Leonhard Brach, Sohnes des Malzfabrikanten Herrn Herrmann Brach, mit dem Fräulein Louise Pollak, Tochter des Herrn Samt Pollak, k. k. Hofspediteurs, statt. Herr Rabbiner vr. B. Oppenheim vollzog den Trauact. Nikolsburg. Anlässlich des Ablebens des unvergesslichen Rabbiners Israel Hildesheimer “rr? fand hier am 25. Juni eine Trauerfeier statt. Nach dem Mincha-Gebete bestieg Se. Ehrwürden Herr vr. Feuchtwang die Kanzel und gab in einer geistvollen Rede ein Bild von der nimmermüden Thätigkeit seines einstigen Lehrers. Unter Thränen und Schluchzen beendete er seinen tiefempfundenen Nachruf. Hierauf trug Herr Obercantor Adolf Neufeld mit seiner klangvollen Stimme das „LI mol6 racliamim“ vor. Mit dem Mairiw-Gebete endete die Feier, und tiefergriffen verließ die Gemeinde das Gotteshaus.