Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 22 (1.7.1899)
- Date
- 1899-07-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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H I H £ 'M K ’M -m Seite 10. Die Wahrheit. Nr. 22. Ml staunenswerthes Gesangstalent. War es nicht eine besondere M k Gnade Gottes, dass er schon als Jüngling von dreinndzwanzig Jahren den ehrenvollen Ruf dieser größten Gemeinde der Juden- A! heit erhielt? Sein rascher Uebergang vom Leben zum Tode muss ebenfalls als eine Gnade Gottes betrachtet werden. Welch' :'M bitterer Schmerz ist es für einen Mann der Kunst, wenn er am Abend seines Lebens sich überflügelt sieht, und er, der damals Hi Gefeierte, in Vergessenheit geräth. Auf Goldstein aber kann ’*j man das Wort der Bibel anwenden: „Auf Deiner Höhe bist Du gefallen". Er kannte nur die Tage des Aufwärtssteigens, die Tage des Abwärtsgehens sind ihm erspart geblieben. So möge denn Dir, der Du so oft an offenen Gräbern ' gestanden und durch Deinen erhebenden Gesang die trauernden . Herzen aus der Tiefe des Schmerzes emporgerichtet, die Erde leicht sein, möge es Dir vor dem götrlichen Richter als ein großes Verdienst angerechnet werden, dass Du die wunderbare Gabe, M die Dir Gott verliehen, zur Verherrlichung Gottes benütztest und : Tausende Herzen zur Andacht und Gottesverehrung hingerissen hast." %- Grabrede des Herrn Oberrabbiners Dr. Güdemann. f' „Nun ruht er selbst entseelt an dieser Stelle, wo er so oft mit seiner seelenvollen Stimme die Todtenklage vorgetragen bat! Seinen Zeitgenossen wird er nicht aus dem Gedächtnisse schwin- . den. Wer ihn jemals an einem Sabbath oder Festtag, und besonders an den hohen Feiertagen die Gebete im Gotteshause - , vortragen gehört hat, der wird noch seinen Enkeln erzählen von -. dem merkwürdigen Manne, dessen Stimme in umgekehrtem Ver- - J hältnis zu seiner äußeren Erscheinung stand. Gott hatte ihn V klein geschaffen, aber aus der kleinen Persönlichkeit rang sich ein : Wohllaut hervor, der einen an die Schilderung der Offenbarung . erinnern konnte. „Der Posaunenschall" — heißt es dort — i „schwoll immer mächtiger und mächtiger an, Moses redete, aber die Stimme Gottes klang daraus hervor." So war es auch bei I- \ ihm. Ich habe seine Sangesknnst und ihre Wirkung auf die Zu- *. Hörer durch achtundzwanzig Jahre zu beobachten Gelegenheit '' gehabt. Es waren ihrer viele, vielleicht die meisten, die nur an ,den hohen Feiertagen das Gotteshaus aufsnchten, und auch dies mehr aus alter Gewohnheit, denn aus innerem Drange. Aber wenn der feierliche Glockenklang seiner Stimme bald mächtig und mächtiger anschwellend, bald wie in einem Silberfaden t\ leise dahinschmelzend über die tausendköpfige Zuhörerschaft hinzog, dann schmolz auch manches verhärtete Gemüth, und in . s der lautlosen Stille, die wie ein Bann auf der Gemeinde lag, . 7 hat sich wohl keiner jemals in solchen Augenblicken die Frage ' vorgelegt, ob ihm denn auch Sinn und Bedeutung der vorge- . tragenen Gebete verständlich seien. Er brachte sie Allen zum -. ~ Verständnis, sein Gesang war der beste Dolmetsch der heiligen! ' Gebetsprache, denn ein Jeder fühlte durch seinen Vortrag Herz : .i und Sinn zu Gott emporgehoben, und über dieses Verständnis ,|j hinaus gibt es kein besseres. Dies Verdienst ist ihm hoch anzurechnen; er unterdrückte durch seinen Vortrag das Verlangen nach Instrumentalbegleitung, die so viele Gemeinden zerklüftet ■ hat, und er hat dadurch unserem Gottesdienste seinen unbefleckten jüdischen Charakter erhalten. Nichts Bildliches, nichts Künstliches «; konnte auch den Zauber wecken, den seine Stimme hervorrief, M mit welcher er die Zuhörer hinriss und mit andachtsvollem Ver- M ständnis oder verständnisvoller Andacht erfüllte. Und noch ein 4-, anderes Verdienst wollen wir ihm gedenken, das ihm seinen Platz Lj in der Geschichte unseres Gottesdienstes für alle Zeiten sichern - wird. Er hat immer voll Bewunderung zu seinem großen Vor- -; j ganger, dem Mitgründer unseres Gottesdienstes, zu Sulzer, auf- . }\ gesehen. Er wollte ihn nicht übertreffen, nicht verbessern, sondern -ff' er setzte bei aller Eigenart seinen Stolz darein, im Sinne und 'Hk Geiste des unvergesslichen Meisters unseren Gottesdienst zu er- Ü halten. Und in der Behauptung dieses Stolzes kam ihm seine Bescheidenheit zu Hilfe. Er war wirklich bescheiden, und er durfte *:|1 es sein, weil er selbst ein Meister war. Als ein Wunderkind ist er vor fünfzig Jahren aufgetreten,, und er ist es im Grunde immer geblieben. Es lag etwas Kindliches, Anspruchsloses in ihm, .. was selbst das strenge Urtheil Schwächen gegenüber entwaffnete Nun hat er ausgerungen und ausgesungen, und ich rufe ihm im Namen der Tausende, die er erbaut und entzückt hat, in dankbarer Erinnerung die Worte nach, die er selbst so oft an dieser Stelle ansgerufen: „Gott hat ihn gegeben, Gott hat ihn genommen, der Namen Gottes sei gelobt". Verschiedene Vachrichten. Wien. Freitag, den 23. v. M. fand unter zahlreicher Betheiligung das Leichenbegängnis der Frau Helene Rufso statt. Die Verblichene war wegen ihres Wvhlthätigkeitssinnes und edlen Charakters in alten Kreisen bestens bekannt. Die Functionen versahen Rabbiner Päpo und Ober- Cantor Bauer. Austerlitz. In das Haus unseres allverehrten Tempelvorstehers Herrn Samuel Kollek ist tiefe Trauer eingekehrt. Vor kurzer Zeit hat den Schwiegervater desselben, Herr Leopold Strach, das Zeitliche gesegnet, und Montag, den 19. Juni ist die Mutter des Herrn S. Kollek im 86. Lebensjahre gestorben. Eine stille, fromme, gottergebene Frau, die mit grenzenloser Liebe an ihrem Sohne hing. Selbst anspruchslos, hatte sie ihre Freude daran, wenn sie sah, wie ihr Sohn stets in der Achtung und Liebe seiner Mitbürger stieg. Herr Rabbiner vr. Weiß hat bei dem Mittwoch, den 21. Juni stattgefundenen Leichenbegängnisse in einer trefflichen Rede diesen ihren Tugenden beredten Ausdruck verliehen. Die Trauerfunctionen versah Herr Ober-Cantor Schön mit dem Tempelchore. Zahlreiche Trauergäste begleiteten den Sarg bis an die letzte Ruhestätte. Friede ihrer Asche! Amsterdam. Unserem allverehrten Ober - Cantor, Herrn Jsaac H e y m a n n, ist eine seltene Ehrung und Auszeichnung von Seiten Ihrer Majestät der Königin zu Theil geworden. Ober-Cantor Heymann hat nämlich anlässlich der Krönungsfeste der jungen Königin am 31. August 1898 vier Psalmen componirt und dieselben unter dem Titel „Danklieder an Gott" nach der vorhergegangenen gebräuchlichen Anfrage der Königin gewidmet. Diese Compositionen sind bei den Krönungsfesten sowohl in den hiesigen Synagogen, als auch in Rotterdam ausgesührt worden. Als die Königin am 13. April d. I. ihren ersten gebräuchlichen Besuch hier in der Hauptstadt machte, wo sich die größten Männer Hollands zur Audienz meldeten, wurde auch Ober-Cantor Heymann, der im Ornate erschienen war, in besonderer Audienz empfangen. Ueber Aufforderung des Baron Tin dal trat er nach ehrsirrchtsvoller Verbeugung nahe an die Königin heran, die an ihn folgende Worte richtete: „Ich danke Ihnen nochmals herzlich für die Zusendung Ihrer schönen Compositionen, die ich mit Belangstellung (Interesse) empfing." Ober- Cantor Hey mann erwiderte, dass er sich glücklich schätze, vor Ihrer Majestät erscheinen zu dürfen, und hierauf sagte die Königin zum zweiten Male: „Herr Heymann, Sie können versichert sein, dass ich großen Preis auf Ihre Compositionen stelle." Ober-Cantor Heymann dankte für die ihm erwiesene Huld und verließ unter Glückwünschen Seitens der anwesenden Granden den Audienzsaal. Selbst die Hofbediensteten drückten ihm die Hände, mit dem Bemerken, dass sie einer solchen Ehrenbezeugung noch nicht beigewohnt haben. Diese Audienz wurde in allen holländischen Zeitungen und auch in ausländischen Blättern besprochen. Frankfurt a. M. Ueber das erfolgreiche Auftreten einer jungen Frankfurterin in Essen gelegentlich einer Ausführung der „Geisha" schreibt die „Rhein. Wests. Ztg.": „Fräulein Großkopf aus Frankfurt bot mit ihrer hellen, schmetternden Vogelstimme und dem püppchenhaften Spiel eine reizende Verkörperung des Geishacharakters." Fräulein Groß köpf ist die Tochter unseres allverehrten Ober-Cantors. Vakanzen. Sissek. Religionslehrer, Rabbiuats-Verweser, Secretär. Religions-Unterr. an Volks-u. Mittelschulen. 1000 fl., Normalwohn. Emolum. Zu besetzen 1. September. Offerte bis 15. Juli. — Norrköping (Schweden). Prediger und Religionslehrer., akad. geb., von liberal. Richtung. 2700 Kronen. Offerte bis 15. Juli an Vorsitzenden I. Philipson. — Hu lisch in (Deutsch!. O. S.). Vorbeter, Schächter, Balkare, Religionslehrer. 1200 Mark. Zu besetzen am 15. Juli. Wiesbaden. Ein Prediger, ein Vorsänger für Nebengottesdienst an den hohen Feiertagen. Honorar-Ansprüche und Referenzen an Simon Heß, Vorsteherder israel. Cultusgemeinde. — Frankfurt a. Main. Chasen u. Balkore. Orthodoxe Bewerber mit schöner Sttmme u. musikalischer Bildung senden Zeugnisse an den Vorstand der Synagogen - Gemeinde „Israel. Religionsgesellschast", vr. E. Rosenbaum, Vorsitzender, 36 Hanauer Landstraße. __