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Die Wahrheit · 1899-07-01 · Heft 22 (1.7.1899) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 22 (1.7.1899)
Date
1899-07-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 22. Die Wahrheit. Seite 7. Znm jüdischen Synagogen-und Gememdeleben im Mittelalter. Von Leon Scheinhaus-Memel. Die Synagoge bildete im Mittelalter die allgemeine Centrale im Leben unseres Volkes. Rings umher begannen sich die jüdischen Wohnstätten zu gruppiren, und dieses war der Beginn der Gründe zu ihrem isolirten Wohnen in separaten Straßen innerhalb der christlichen und mohammedanischen Bevölkerung. Die Synagoge war es, die mehr und mehr das gesammte jüdische Leben, die gesummten Angelegenheiten der Gemeinde in sich aufnahm, auch bevor noch das Zusammenleben mit den Andersgläubigen für sie erschlossen war.*) Schon der heilige Tempel im Alterthum diente neben seiner Weihe auch zu manchen gesellschaftlichen Zwecken des Volkes, und dieses kennzeichnet sich uns besonders deutlich in den Tagen jener nationalen Erhebung, in der Makkabäerzeit, wo sich das Volk im Tempel zu Volkszwecken ebenso wie zu religiösen versammelte. In den Mauern des Tempels tagten politische Versammlungen, in seinen Hallen wurden Nothrufe aus dem Volke hörbar. Die Synagoge im Mittelalter war in manchen Beziehungen enger, beschränkter, in manchen aber weit ausgedehnter als der Tempel im Alterthum. Politische Angelegenheiten drangen in sehr seltenen Fällen in die Räume der Synagoge hinein, dagegen Erörterungen über die Angelegenheiten des inneren Volkslebens fanden da alltäglich den weitesten Raum. Zwar gesellten sich die Juden voll und ganz zu ihren Landesgenossen, in allen patriotischen Bewegungen zum Wohle des gemeinsamen Vaterlandes, wie es unsere Geschichte unzählige Male nachweist. In dem synagogalen Ritus aber, außer den Gebeten für den obersten Landesherren, ist für Politisches kein Platz gelassen. Auch ihre stets prekäre Lage verhinderte die Juden, in die politischen Parteikämpfe der Länder sich einzumischen. Nur sehr selten sind solche Gebete, meist localer Natur, angeheftet worden, die Zeichen einer einseitigen Stellungnahme beweisen. Fehlte den Juden der politische Stoff, so nahmen dafür die allgemein gesellschaftlichen Angelegenheiten großen Raum in ihrem Leben. Bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts standen die Juden nie hinter dem ringsum herrschenden allgemeinen Leben und Streben zurück; im Gegentheil, der Kreis der jüdischen Angelegenheiten war viel größer, mannigfaltiger, als der der Anderen, denn die Juden hatten eine allgemeine Religion, die kein politisches Centrum besaß, und dadurch bildete sich mit den Jahren ein unbeschränktes allseitiges Interesse untereinander, das weit über die engen Nahmen des Ghettos und des Landes hinaus Geltung hatte. Die Lust zum Wandern, die den Juden angeboren ist, und die sich durch die vielen Verfolgungen noch mehr entwickelte, förderte auch die Vergrößerung ihres Gesichtskreises; denn dadurch lernte der Jude aus irgend einem entlegenen Nest die Sitten und Gebräuche seiner Glaubensbrüder in fernen Landen kennen, dadurch wurde ihm jedes neue Ereignis der großen Welt bekannt. Wanderlehrer, durchziehende Prediger verbreiteten neue Gedanken, Kaufherren und Handwerker brachten von Ort zu Ort neue Maaren und neues Gewerbe an, herumfahrende Cantoren sangen *) In mehreren Punkten folgte ich dem hebräischen Aufsatz von D. Jelin in der Monatsschrift „Hafchiloah" (Juli 98), der das englische W erk: „I. Abrahams, Jewish Life in the Middle Ages“ skizzirt. immer neue Arien, es strömte neues Leben aus der Ferne zu. Zurückkehrende aus dem heiligen Lande erzählten mit Entzücken von dem Lande der alten Sehnsucht, und aufgeregte Kabbalisten kündeten schwärmerisch Wunderthaten von den Messiaffen, die hie und da auftauchten. Sie erhielten den Geist rege und weckten in den Herzen der Zuhörer die schlummernden Träume, die Träume einer hellen Zukunft, die die tief dunkle Situation der damaligen Gegenwart beleuchtete. Und in diesem Sinne war das Leben der Juden nicht beschränkt, trotzdem ihr Raum sehr beschränkt war. Während vieler Jahrhunderte ist ihnen jede freie Bewegung genommen worden, man kämpfte gegen sie mit aller Gewalt, die Bahnen der Welt für sie zu verschließen, und es half dennoch nichts, nichts alle furchtbaren Anstrengungen Jnnozents III., die Juden überhaupt außerhalb der Menschheit zu stellen, nichts die der blutigen Inquisition, nichts die schrecklichen Folgen des Schwarzen Todes, — sie waren alle nicht im Stande, die Juden an der Antheilnahme am Leben des Allgemeinen zu hindern. Für das allgemeine Leben selbst fehlte aber damals jedes Centrum; das wurde die Synagoge, die diese Lücke bei den Juden voll ausfüllte, denn dort centralisirten sich alle Angelegenheiten des gewöhnlichen Lebens, dorthin zogen auch alle zeitlichen Einflüsse und die sich immer erneuernden Eindrücke. So bildete sich die rrcmpn rop, das Unterlassen der Thoravorlesung in der Synagoge über jede Noth und Klage, bis die Gemeinde dem Kläger seine Sache wahrzunehmen zusagte,, und so wurde das Gotteshaus auch zum Platze der Vollziehung der Strafe für die, die gegen gute Sitte und religiöse Bräuche sich etwas hatten zu Schulden kommen lassen. Auch zum Aushang und zur Publication von Inseraten jeder Art bediente man sich des Gotteshauses. Dies ist selbst den europäischen Staaten bekannt gewesen, so dass sie sich dessen auch zu ihren Zwecken bedienten. Die englische Regierung nöthigte einmal die Juden, eine Annullirung ihrer Schulden von den Christen öffentlich in der Synagoge zu proclamiren, und in Rom musste man an jedem Vorabend des Versöhnungstages die Liste der den Christen im Laufe dieses Jahres gestohlenen Gegenstände in der Synagoge bekanntgeben, damit die Gemeinde vor Ankauf gewarnt werde. Neben Bekanntmachungen dieser Art, die allein ans Nöthigung geschahen, waren besonders zahlreich die freiwilligen Bekanntmachungen seitens der Gemeinde selbst. In vielen Orten war man gewohnt, jcdcn Sonnabend die Ergebnisse der Gerichtsverhandlung (p-rrr::) während der vergangenen Woche in der Synagoge anzuzeigen. In Italien war es Sitte, dass Jeder, der den Ort zu verlassen gedachte, es in der Synagoge anmeldete, damit die, die von ihm >*• was fordern, es wissen und vor seinem Fortzug einziehen; in anderen Orten war es üblich, bevor Jemand sein Grundstück verkaufte, es durch dreimalige Bekanntmachung in der Synagoge kundzugeben, weil sich vielleicht Personen finden, die Ansprüche unb Vorrechte beim pn n'2 erheben. Denn überhaupt zogen die Juden die Angelegenheiten ihres gewöhnlichen Lebens nicht aus dem Rahmen ihres Cultus hinaus und empfanden es daher nicht als eine Verletzung des heiligen Gefühls, wenn sie auch Angelegenheiten der Außenwelt mit in's Gotteshaus hineinbrachten. Selbstverständlich sind in den Kreis der Proclamationen außer Sachen geschäftlicher Natur in erster Reihe moralische Angelegenheiten ausgenommen, und dadurch war die Synagoge ein mächtiger Factor auch zur Hebung der guten Sitte unter dem Volke.

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