Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 22 (1.7.1899)
- Date
- 1899-07-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. Die Wahrheit. Seite 5. Mitglied Kayserling seit Jahren ist, in einer Ehrensitzung feierlichst empfangen. In dem großangelegten Werke „Sfardim" (1859) macht uns Kayserling mit den herrlichsten romanischen Poesien der spanischen Juden bekannt. „Menasse Ben Israel" (1866) ist eine lebenstreue Schilderung dieses Helden, der sich um die Wiederaufnahme der Juden in England die größten Verdienste erworben hat, sowie eine objective Würdigung der literarischen Thätigkeit desselben. Das „Handbuch der jüdischen Geschichte und Literatur", welches Kayserling zu Schulzwecken schrieb, hat in der deutschen Ausgabe bereits die siebente Auflage erlebt und ist in's Ungarische, Englische, Polnische, Italienische, Schwedische und Russische übertragen worden. „Moses Mendelssohn", enthaltend Ungedrucktes und Unbekanntes von ihm und über ihn, ist eine literarhistorische Zeichnung ersten Ranges, in welcher der jüdische Sokrates ebenso wie in der ersten Arbeit Kayserling's in seiner ganzen Lebensgröße, mit all' seinen Eigenheiten und Anschauungen vor uns erscheint. Diese beiden, gleichnamigen Schriften Kayserling's haben große Beachtung gefunden und werden in der Mendelssohnliteratur sehr häufig benutzt. In dem Werke „Jüdische Frauen in der Geschichte, Literatur und Kunst" erscheinen in lebenswarmer Schilderung, in kurzen, markanten Strichen alle jüdische Frauen, die sich durch tugendhaftes Streben oder durch ihren Geist in der Geschichte aller Juden hervorgethan haben. Ist dieses Buch schon wegen des Stoffes, der in demselben zum ersten Male in so erschöpfender Weise behandelt wird von großem Interesse, so wird die Lectüre zu besonderem Genuss. Außer den bis nun genannten veröffentlichte Kayserling auch folgende biographische Werke: „Der Dichter Ephraim Kuh", ein deutscher Schriftsteller, Mendelssohn's und Lessing's gemeinsamer (Freund, der für die socialen Rechte der Juden tapfer kämpfte (1876); „A. W. Meisel", ein Lebens- und Zeitbild (1891), eine treue Lebenszeichnung des rühmlichst bekannten Pester Rabbiners und Vorgängers Kayserling's; „Gedenkblätter jüdischer hervorragender Persönlichkeiten" (1892); „Die jüdische Literatur von Mendelssohn bis auf die Gegenwart" (1896); „Ludwig Philippsohn's", eine Biographie, in welcher Kayseiling Proben von Philippsohn bis nun unveröffentlichten Dichtungen vorführt. In spanischer Sprache schrieb Kayserling ein bibliographisches Wörterbuch: „Biblioteca Espanola — Portugueza — Judaica" (1890); in derselben Sprache edirte er eine Sammlung von Sprichwörtern, die unter den spanischen Juden seinerzeit gang und gäbe waren. Lobenswerth ist die Arbeit „Das Moralgesetz des Judenthums in Beziehung auf Familie, Staat und Gesellschaft", welches im Jahre 1892 ohne Namen des Autors erschienen und dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund seinerzeit als Quellennachweis für die berühmten „fünfzehn Grundsätze der jüdischen Lehre" diente. Ebenso bereicherte Kayserling mit seinem zweibändigen Werke: „Bibliothek jüdischer Kanzelredner" die homiletische und exegetische Literatur, während er mit seiner Broschüre „Zur Schüchtfrage; ist Schächten eine Thierquälerei?" in der Vertheidigung einer rituellen Frage große Dienste leistete. Mit seinen Aufsehen erregenden Flugschriften, welche Kayserling ebenfalls in der Schweiz drucken ließ, kämpfte derselbe tapfer und muthig nicht blos für die Emancipation der dortigen Juden, sondern auch für die Organisation der dortigen Gemeinden. Die periodische Presse wusste stets seine literarische Mitarbeiterschaft zu schätzen. „Das deutsche Museum", „Frankl's Monatsschrift", „Steinschneider's hebräische Bibliographie", „Die Revue des etudes juifes", „Die Wertheimerischen Jahrbücher", alle veröffentlichten werthvolle Producte seiner glanzvollen Feder. Für „Pierer's Lexikon der Wissenschaft" schrieb er die auf die jüdische Wissenschaft bezughabenden Artikel, ferner war und ist er noch immer einer der beliebtesten Mitarbeiter der „Philippsohn'schen Zeitung des Judenthums". Wir können nicht unterlassen, im Namen aller Freunde der jüdischen Literatur und Kanzelredner, in deren Dienst Kayserling bis nun mit großem Eifer und Erfolg thütig war, den Wunsch auszusprechen: Möge es diesem greisen, wahrhaft jüdischen Gelehrten gegönnt sein, noch recht lange im Vollbesitze seiner Kraft und Geistesfrische ein sorgenfreies, thatenreiches Leben zu genießen. B u d a p e st, den 18. Juni 1899. O. Geyer. Napoleon I. und die Juden. Von Dr. A. Feilchenfeld, Hamburg. (Schluss.) So verliehen Furtado und Sinzheim durch ihre Reden den Berathnngen des Sanhedrin, die eigentlich nichts Positives mehr zu schaffen hatten, doch einen interessanten Inhalt. Die Provinzgeistlichen aber, die sich durch die Ehre, Sitz und Stimme in einer solchen Versammlung zu haben, genug gehoben und befriedigt fühlten, lauschten andächtig den Worten der Führer, und machten ihnen dann keine Schwierigkeit, als es galt, die vorgelegten Thesen einmüthig anzunehmen. Sicherlich war es gut, dass sich nicht zu große Redelust zeigte, da leicht eine unbequeme Aeußerung hätte fallen können, und überdies die kaiserlichen Commissarien zur Eile drängten. Adressen und Deputationen von Gemeinden des Auslandes hielten auch die hohe Körperschaft nicht zu lange auf. In der zweiten Sitzung wurden Zustimmungs-Kundgebungen der jüdischen Gemeinden zu Dresden und Neuwied verlesen, darauf drei Deputirte der „Adat Jeschurun" in Amsterdam eingeführt. Diese hielten, jeder in einer besonderen Sprache, der eine französisch, der zweite deutsch, der dritte (ein geborener Pole) hebräisch, Begrüßungsreden an die Versammlung. Der Präsident antwortet ihnen hebräisch und ladet sie ein, an der Ehre der Sitzungen theilzunehmen; die Versammlung sei durch ihre Anwesenheit tief gerührt. Die holländischen Deputirten waren allerdings von der passiven Rolle als Zuhörer, die ihnen damit zugewiesen war, nicht sehr erbaut. (Vergl. Graetz, S. 298/99.) Noch geringer war die Betheiligung der Deputation von Frankfurt a. M., die erst in der letzten Sitzung des Sanhedrin ihre Beglaubigungsschreiben übergab, und daher nicht viel mehr als die Schlussrede Sinzheim's und die feierliche Verabschiedung des Sanhedrin mit anhörte.*) Bis zum 9. März, also in vier Wochen, hatte das Sanhedrin seine Aufgabe erledigt. Nachdem Schluss desselben trat die Deputirten-Versammlnng wieder zusammen und blieb noch bis Anfang April constituirt. Ihre Arbeiten s) Die Frankfurter Herren kamen aber dadurch wenigstens noch einigermaßen auf ihre Kosten (resp. auf die ihrer Auftraggeber), dass sie an den nachfolgenden Sitzungen der Deputirten-Bersammlung theilnahmen und in einer derselben die Zustimmung ihrer Gemeinde zu den Beschlüffen der Sanhedrin kundgeben dursten.