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Die Wahrheit · 1899-07-01 · Heft 22 (1.7.1899) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 22 (1.7.1899)
Date
1899-07-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Die Wahrheit. Nr. 22. Die Sittlichkeit der Juden taxirt er sehr niedrig. Dass die christliche und jüdische Religion denselben sittlichen Untergrund haben, leugnet er positiv, ohne auch nur eine Spur eines Beweises zu geben. „Darauf, dass sie behaupten, auf solchem Boden erwachse eine Sittlichkeit der Juden, die in nichts hinter der christlichen Sittlichkeit zurückstehe, ist nicht viel zu geben." Er leugnet nicht, dass es Juden gäbe, „die sowohl durch den Rest alttestamentlichen Wesens als durch die Beziehungen zu Christen es zu einem Leben bringen, welches an das Ideale anstreift." Aber die Juden zeigten mehr Schatten als Licht. Dafür führt Plath zwei Beweise an: Erstens: So dürftige Religionsgrundlagen tragen im Allgemeinen das Gebäude göttlicher Lebensformen nicht. Und doch trägt die jüdische Religion die — christliche! Weiteres sagt Plath nichts, um die „Dürftigkeit" der jüdischen Religion darzulegen. Zweitens: Die Erfahrungen, die man mit den Juden gemacht habe, sprächen gegen sie. „Praxis und Literatur zeigen jüdische Persönlichkeiten beiderlei Geschlechts, die nach der Seite der Sittlichkeit höchst abstoßend sind." Das Wörtchen „Praxis" erläutert er durch die in nichts begründete Behauptung, der christliche Durchschnittsmensch stände sittlich höher als der jüdische. Wie er dieses Urtheil ohne Moral- und Kriminalstatistik finden konnte, ist uns unklar. Aus der Literatur führt er O. G l a ub r e ch t's Buch „Das Volk und sein Treiber" und Shakespeare's „Kaufmannvon Venedig" an. Oder die Hauptgestalten: Dort Hirsch und Jtzig, hier das „englischjüdische Kleeblatt Shylock, Jessika und Tubal." O. Glaubrecht's Buch hat die „Preuß. Lehrerztg." (Jan. 1894) als eines der schlimmsten antisemitischen Hetzwerke bezeichnet, indem es schrieb: „Das Gift des Antisemitismus wird durch solches Buch weiter verbreitet, als durch die schönste antisemitische Hetzrede." Seit wann wird solch ein Werk mit seinen auf's Schlimmste carikirten Juden als eine für das Judenthum maßgebende Quelle angesehen? Wer erkundigt sich bei Ahlwardt über den Ruf der Juden? Warum zieht Herr Plath nicht Nathan den Weisen heran, warum nicht den schüchternen jüdischen Gelehrten aus Freytag's „Soll und Haben?" Und nun zu Shylock. Sollte Herr Plath nicht zufrieden sein, dass die blitzsaubere Jessika mit einem Christen durchgeht und wahrscheinlich eine gute Hausfrau wird? Und Shylock — hier soll Herr Plath den berühmten Essay R. v. Jhering's Nachlesen — ist eine großartige Ausgestaltung des Rechtsgefühls. „Ich fordre das Gesetz" ruft Shylock aus, R. v. Jhering in seinem „Kampf ums Recht" (6. Ausl. Wien 1881) fährt fort: „Der Dichter hat mit diesen vier Worten das wahre Verhältnis des Rechts im subjectiven zu dem im objectiven Sinn und die Bedeutung des Kampfes ums Recht in einer Weise gezeichnet, wie kein Rechtsphilosoph es treffender hätte thun können. Mit diesen Worten ist die Sache mit einem Male aus einem Rechtsanspruch des Shylock zu einer Frage um das Recht Venedigs geworden. Wie mächtig, wie riesig dehnt sich die Gestalt des schwachen Mannes aus, wenn er diese Worte spricht! Es ist nicht mehr der Jude, der sein Pfund Fleisch verlangt, es ist das Gesetz Venedigs selber, das an die Schranken des Gerichts pocht — denn sein Recht und das Recht Venedigs sind eins; mit seinem Recht stürzt letzteres selber. Und wenn er selber dann zusammenbricht unter der Wucht des Richterspruches, der durch schnöden Witz sein Recht vereitelt, wenn er, verfolgt von bitterem Hohn, geknickt, gebrochen, mit schlotternden Knieen dahin wankt, wer kann sich des Gefühls erwehren, dass mit ihm das Recht Venedigs gebeugt worden ist, dass es nicht der Jude Shylock ist, der von dannen schleicht, sondern die typische Figur des Juden im Mittelalter, jenes Parias der Gesellschaft, der vergebens nach Recht schrie? Die gewaltige Tragik seines Schicksals beruht nicht darauf, dass ihm das Recht versagt wird, sondern darauf, dass er, ein Jude des Mittelalters, den Glauben an das Recht hat — man möchte sagen, gleich als wäre er ein Christ! — einen felsenfesten Glauben an das Recht, den nichts beirren kann, und den der Richter selber nährt; bis dann wie ein Donnerschlag die Katastrophe über ihn hereinbricht, die ihn aus seinem Wahn reißt und ihn belehrt, dass er nichts ist als der geächtete Jude des Mittelalters, dem man sein Recht gibt, indem man ihn darum betrügt."*) Auch rein literarhistorisch hätte Carl Plath Shylock nicht anführen dürfen. In Rom hätte sich seine Geschichte auch zutragen können, denn die Verfasser der zwölf Tafeln hielten es für nöthig, in Bezug auf das Zerfleischen des Schuldners (in partes seoare) von Seiten der Gläubiger ausdrücklich zu bemerken, dass sie hinsichtlich der Größe der Stücke freie Hand haben sollten. (8i plus rninusve seeuerint, sine krauäö esto!) Außerdem ist aber das Urbild Shylock's ein — Christ. Shakespeare hatte den Stoff zu seinem Drama einer Novelle des Giovanni Fiorentino entnommen. In dieser will der christliche Kaufmann Paolo Maria Secchi dem Juden Simson Ceneda ein Pfund Fleisch abschneiden. In den Gesta Romanorum befindet sich ebenfalls eine christliche Erzählung von einem Process ähnlicher Art. _ (Schluss folgt.) Zu Br. M. Layjerling's fiebrigstem Geburtstag. Ein Meister des Wortes und der Feder, ein Fürst im Reiche der Wissenschaft, feierte am 17. Juni in Budapest in größter Zurückgezogenheit und Bescheidenheit, die dem wahren jüdischen Gelehrten eigen ist, sein siebzigjähriges Geburtsfest. Es ist dies Rabbiuner vr. M. Kayserling, der mehr als ein Menschenalter in der vordersten Reihe der jüdischen Kanzelredner und Historiker steht, und dessen Name bereits vor Decennien einen Weltruf erlangt hat. Schon die Doctordissertation Kayserling's „Moses Mendelssohn's philosophische und religiöse Grundlagen mit Hinblick auf Lessing" lenkte auf sich die Aufmerksamkeit aller für Philosophie und Religion sich interessirenden Kreise und ließ in ihm den gediegenen Gelehrten vermuthen, zu dem er sich im Laufe der Zeit entwickelte. Seine späteren Werke sind ruhmvolle Monumente von unermüdlichem Fleiße, ausdauernder Arbeitskraft, preiswürdigen Schaffens und künstlerischer Sprachvirtuosität. In seiner „Geschichte der Juden in Spanien und Portugal" (1861—1864) erschloss Kayserling neue Quellen und bereicherte unsere Kenntnis über die Zustände der spanischen und portugiesischen Juden aus den verschiedenen Gebieten ihrer Thätigkeit, ihres Geisteslebens und ihrer socialen Stellung. Auf diesem Gebiete steht er als Geschichtsforscher und Pfadfinder unerreicht da, so dass die Juden Amerikas, anlässlich der vierhundertsten Jahreswende der Entdeckung dieses Erdtheiles, Kahserling damit betrauten, eine „Lebensbiographie Christof Columbus mit Hinweis auf den Antheil der Juden an den spanischen und portugiesischen Entdeckungen" zu schreiben. Die so betitelte Schrift ist im Jahre 1894 in mehreren Sprachen, auch im Hebräischen, erschienen. Als er, der jüdische Gelehrte und Rabbiner, zu diesem Zwecke nach Spanien gieng, dem Lande, von dessen Boden die Juden genau zur selben Zeit vertrieben wurden, als Amerika entdeckt wurde, um an Ort und Stelle das für sein Werk nöthige Geschichtsmaterial zu sammeln, wurde er von der Madrider Akademie der Wissenschaft, deren correspondirendes *) Diese Auffassung von dem gekränkten Rechtsgefühl Shylock's, wird jetzt in fast allen englischen Literaturgeschichten getheilt. 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