Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 22 (1.7.1899)
- Date
- 1899-07-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Redaction n. Administration: Wien, 11/(, Novaragafse 27. K. k. österr. Postsparcassa Check-Conto Nr. 846.251. Inserate 10 Kreuzer Per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar. naßhänAlge füt Milche Erscheint jeden achten Tag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Bezugspreis: Ganzjäljrig.st. Halbjährig.fl. 3.— Für Lultusbeamte: Ganzjährig.fl. 5.— Für Ausland: Ganzjährig.12 Mark 6 Rubel oder 16 Frcs. Nr. 22. Wien, 1. Juli 1899. Inhalt: An unsere Leser! — Die Judenfrage in einem „Evangelischen Volkslexikon." (Schluss folgt.) — Zu vr. M. Kayserling's siebzigstem Geburtstag. — Napoleon I. und die Juden. — Zum jüdischen Synagogen- und Gemeindeleben im Mittelalter. — Gemeinde- und Vereinsbote. — Josef Goldstein. — Verschiedene Nachrichten. — Aufruf. — Feuilleton: Heimweh. (8. Fortsetzung.) An unsere Leser! Mit dem (. Juli tritt „Dir Wahrheit" das dritte Quartal des Jahrganges z899 an und es fei uns bei diesen: Anlasse gestattet, unserer Freude darüber Ausdruck zu verleihen, dass unser bisheriges publicistisches Wirken, unser muthiges Eintreten für die Interessen des Iudenthumes und unser freies und objectives Urtheil in den verschiedenen fragen des jüdischen Gemeinde- und Vereinslebens so vielfache Anerkennung gefunden hat. Indem wir nun die geschätzten Leser zum weiteren Abonnement auf „Dir Wahrheit" einladen, ersuchen wir, den pränumerationsbetrag mittelst Poss-Chrck> rrsp. Poss-AnivrilUNg in den nächsten Tagen an uns einzusenden und ächten zugleich an alle unsere Leser und Freunde die Bitte, uns Adressen Von Glaubensgenossen nntZUtheUrn, welche noch nicht Leser unserer Zeitschrift sind. Möge es sich jeder Freund der „Wahrheit" angelegen sein lassen, in seinen Areisen dahin zu wirken, dass unser Blatt in allen Familien Eingang finde, welche Sinn und Herz für das Iudenthum und Interesse an seinem Gedeihen haben. Me Weöcrcliorr. Ne Äudenfrage in einem „Evangelischen Volkslexikon". Zur Orientirüng in den socialen Fragen der Gegenwart liat der Evangelisch-sociale Central-Ausschuss für die Provinz Schlesien soeben ein „Evangelisches Volkslexikon" serausgegeben, das auch lieferungsweise zu beziehen und gewiss die Haupt-Wissensquelle für Lehrer, Pastoren rc. darzustellen bestimmt ist. Auch die Judenfrage ist ausführlich behandelt, und zwar von einem Herrn CarlPlath. Wenn man die Quellennachweise zu seinem Essay übersieht, so fällt es angenehm auf, dass er die specisisch antisemitischen Schriften der Agitatoren Fritsch, Böckel rc. nicht anführt, sondern neben R. Andree und Herm. Wagener stehen Jellinek und Stern und auch die Schriften der Judenmission. Trotzdem muß man zu der Ueberzeugung gelangen, dass die Judenfrage hier bei aller scheinbaren Objectivität doch nur vom Standpunkte der alten Vorurtheile behandelt worden ist. Aber des Verfassers ruhige Sprache und der Ort seiner Ausführungen verlangen eine ausführliche und ruhige Beantwortung. Dem evangelischen Standpunkt des Verfassers zufolge ist die Lösung der Judenfrage nicht zu erwarten, so lange es Juden gibt. „Voraussichtlich steht ihre Lösung bis zum Ende aller Tage aus, soll heißen, dass die Völker, welche auf der Erde wohnen, mit ihr zu thun haben werden, so lange es Juden außerhalb der christlichen Kirche gibt." Für ihn besteht eine „Lösung" der Judenfrage also unzweifelhaft in der Taufe. Obschon Niemand für die Thaten seines Bruders, Vaters, Sohnes verantwortlich ist, obschon nach dem hübschen Gedichte Edwin Bormann's „Silberstein's" nicht an der Kreuzigung Christi theilgenommen haben, obschon die Geschichte längst die Motive zu dieser imseligen That analysirt hat, — dieser evangelische Christ wirft sie den Juden noch heute vor. „Silberstein's waren nicht dabei!" wiederholen wir. Und dennoch ruft Carl Plath aus: „Wer biblisch denkt, sieht das Volk der Juden als die unmittelbaren Nachfolger der unglückseligen, verblendeten Menschen an, welche das schauerliche Wort: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!" ausriefen und an dem größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte, der Kreuzigung des menschgewordenen Sohnes Gottes, den wesentlichsten Antheil nehmen." Carl Plath sagt selbst, die Juden, „einst das gesegnetste Volk unter allen Nationen, sind jetzt das unglücklichste." Und doch weiß sein liebevoll christliches Herz nichts von Sühne? von christlicher Vergebung, Nachsicht, Milde, wenn man einen Augenblick lang diePlath'sche Voraussetzung zugibt, dass der L-chnittwaarenhändler Silberstein in Kattowitz und der Schneider Levy aus Posen für die Kreuzigung Christi, die vor 56 Generationen stattgefunden, verantwortlich sind.