Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 21 (21.6.1899)
- Date
- 1899-06-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Die Wahrheit. Nr. 21. Probe sang, fand er solch' außerordentlichen Beifall, dass er sofort zum Cantor für den Leopoldstädter Tempel gewählt wurde. So ward Gold ft ein in noch jungen Jahren auf einen hervorragenden Platz gestellt, wo er die ihm von der Natur verliehenen Fähigkeiten in vollster Pracht entfalten konnte. Seine wunderbare Tenorstimme, damals noch mit dem ganzen Schmelz der Jugend ausgestattet, nahm Jeden gefangen, und bald hatte er sich den Ruf als einer der Ersten unter den Tempelsängern aller Zeiten erworben, den er auch bis an sein Lebensende glänzend bewahrte. Was Gold st ein für den Leopoldstädter Tempel bedeutete, ist noch in zu frischer Erinnerung, um eingehender erörtert zu werden, aber trotzdem darf nicht verschwiegen werden, dass sein herrlicher Gesang sich jederzeit als mächtiger Anziehungspunkt bewährte und den großen Tempelraum mit Andächtigen füllte. So hat er nicht nur im Dienste Gottes, sondern auch im Dienste seiner Gemeinde Großes geleistet. Es wäre aber ungerecht, wenn wir nur Goldstein's gesanglichen Fähigkeiten die gebührende Würdigung zu Theil werden ließen, es darf auch seine Bedeutung als Chasen nicht unterschätzt werden. Goldstein war der Erste, der den sogenannten jüdisch-polnischen Gesang in die moderne Synagoge einführte und auf diese Weise die Annäherung zum traditionellen Gesang wieder vermittelte. Zu jener Zeit, da Sulzer nicht nur in Wien, sondern im ganzen modernen Judenthum die Synagoge souverän beherrschte, war dies wohl ein Wagnis, aber er konnte es umso leichter unternehmen, als er an seiner Stimme, die in der Verquickung des alten und neuen Gesanges ihre größten Triumphe feierte, eine mächtige, nie versagende Stütze hatte. Nach dieser Richtung hat Goldstein Schule gemacht, und seine Verdienste um die Förderung des cantoralen Gesanges sichern ihm einen Ehrenplatz in der Geschichte des jüdischen Cantorates. Sein Name wird noch von den spätesten Geschlechtern mit Bewunderung genannt werden. Er ruhe in Frieden! Der letzte Lebenstag Goldsternes. Ueber die letzten Lebensstunden Josef Goldstein's wird uns Nachfolgendes berichtet: Goldstein fungirte Freitag Abends und Samstag Vormittags beim Gottesdienste mit gewohnter Meisterschaft und fühlte sich auch während des Tages ganz wohl. Gegen ali7 Uhr Abends verließ er in Begleitung feiner Frau seine Wohnung im Tempelgebäude, um sich, da noch Sabbath war, zu Fuß zur Südbahn zu begeben und nach Baden zu fahren, wo er seit Jahren den Sommer über wohnt. In der Zollamtsstraße, unweit des Gebäudes der Rettungsgesellschaft, bemerkte er zu seiner Frau, dass ihm übel sei. Diese ließ ihn auf einen Stein niedersetzen und wollte einen Wagen herbeiholen. Doch kaum hatte sie sich von ihm abgewandt, als er mit dem Rufe: „Mir wird schlecht!" zu Boden stürzte und sofort das Bewusstsein verlor. Frau Goldstein, völlig außer sich vor Schreck und Angst, ließ durch vorübergehende Personen die Rettungsgesellschaft, verständigen, deren Functionäre sofort zur Stelle waren und den Bewusstlosen in's Haus der Rettungsgesellschaft brachten. Dort, im Jnspectionszimmer, bemühten sich Chefarzt vr. CHarras mit den anderen Aerzten eine volle Stunde lang, Herrn Goldstein wieder zum Bewusstsein zu bringen. Es schien auch in den ersten Minuten, als ob diese Bemühungen von Erfolg sein würden. Goldstein reagirte auf die ihm applicirten Aetherinjectionen, öffnete die Augen und versuchte zu sprechen. Die Hoffnungen, ihn am Leben zu erhalten, erwiesen sich aber bald als trügerisch. Die Herzschwäche nahm rapid zu, es trat Agonie ein, und nach einer Stunde, ohne dass das Bewusstsein auch nur auf einen Moment zurückgekehrt wäre, erfolgte der Tod. Frau Gold stein, welche im ttefen Schmerze und händeringend vor dem Jnspectionszimmer geweilt hatte und nur immer einen Blick durch das Fenster in da« Gemach warf, in welchem ihr Gatte mit dem Tode rang, stürzte dann schmerzaufgelöst an der Leiche zusammen. Die Aerzte constatirten als Todesursache Herzlähmung in Folge einer allgemeinen Verkalkung der Arterien. Der Hausarzt des Verstorbenen, vr. Weinstock, der ebenfalls in die Rettungsstation berufen wurde, erklärte, dass schon vor zwei Jahren, als Ober-Cantor Goldstein in Baden einen Schlaganfall erlitt, dieses Leiden vorhanden war, und er habe immer ein jähes Ende^befürchtet. Den Kindern des Verstorbenen, die in Baden weilten, wurde sofort telegraphisch die Trauerbotschaft übermittelt. Die Leiche wurde noch SamStag Abends in die Wohnung gebracht, und Montag Vormittags nach Vornahme der rituellen Waschungen im Leopoldstädter Tempel aufgebahrt, wo Dienstag halb 11 Uhr Vormittags die Leichenfeier stattfand. Das Leichenbegängnis. Von der großen Popularität, deren sich Ober-Cantor Gold stein erfreute, zeigte die geradezu imposante Theilnahme an der Leichenfeier, welche die Cultusgemeinde Dienstag, halb 11 Uhr Vormittags, im Leopoldstädter Tempel für den dahingeschiedenen Sangesmeister veranstaltete. Der große schwarzdrapirte Raum war bis auf das letzte Plätzchen in der obersten Galerie dichtgefüllt, und tiefbewegt blickten Alle auf den Platz, von welchem aus die herrliche Stimme Goldstein's durch mehr als 40 Jahre erklungen war, und wo jetzt in schlichtem Sarge die sterblichen Reste ihres Lieblings ruhten. Die Stimmung der Trauerversammlung lässt sich am besten wiedergeben durch die Aeußerung eines Gemeindemitgliedes: „Mir dünkt, es sei heute Ti86ho beow". Unter den vielen Trauergästen bemerkten wir den gesammten Cultusvorstand und Bethausvorstand der Wiener Cultusgemeinde unter Führung des Präsidenten, kais. Rath Heinrich Klinger, den Beamtenkörper unter Führung des ersten Secretärs kais. Rath vr. Lieben, die Vertreter der türk. Gemeinde, erster Präses M. Russo, zweiter Präses Licco Adutt und Vorsteher Mazliach, die Vorsteher der Bethausvereine in den einzelnen Bezirken, und zwar die Herren Bettelheim, Schramek, Herm. Beck, Straßberger rc., den Präsidenten des Curatoriums der theologischen Lehranstalt Gustav Karpeles, den Rector vr. Schwarz mit dem Lehrkörper des Seminars, den Obmann des Vereines „Nächstenliebe", Weiner, den Obmann des Vereines „Montefiore" Armenrath Pollak, den Obmann des „Vereines zur Hebung der Gewerbe" S. Brod, Kammervirtuose Alfred Grünfeld, kais. Rath Wilhelm, vr. Bloch, viele Wiener Rabbiner, Vertreter zahlreicher Vereine und Humanitätsanstalten rc. Bei der großen Masse der Trauergäste ist es unmöglich, die Namen aller Persönlichkeiten anzuführen. Die Cantoren Wiens waren unter Führung des Vicepräsidenten des Cantorenvereines Obercantor Bauer corporativ im Ornate erschienen, und zwar die Herren Czuczka, Dünmann, Hirsch, Grünwald, Jurberger, Klüger, Kulka, Kirschbaum, Lemberger, Löwit, Pekarnik, Peterselka, D. L. Rotier, Rothwein, Rohmann, Schlesinger (Ottakring), Schlesinger (X. Bezirk), Schorr, Schwarz, Schleifer, Schreibstein, Seifert, Silbermann, ferner Obercantor Heller-Brünn, Cantor Regner-Mistelbach, Cantor Löwy-Mödling. Die Cantoren nahmen um den Sarg herum Aufstellung und nachdem präcise ^ll Uhr die Familienangehörigen Goldstein's in der ersten Bankreihe Platz genommen hatten, intonirte Obercantor Singer, assistirt von den Cantoren Blatt und Schiller und den vereinigten Tempelchören, das Sulzer'sche Requiem „aell Elohiin.“ In tiefer Bewegung klang die Stimme Singer's durch den weiten Raum, bald in mächtigem Forte, bald in fein abgetöntem Piano den Intentionen des Componisten und der eigenen Ergriffenheit folgend. Auch der Chor, der unter der umsichtigen Leitung des Chorleiters Heimann eine vollendete Leistung bot, sang mit Herz und Gemüth seinem dahingeschiedenen Meister den ergreifenden Trauergesang. Als dieser beendet war, trat Rabbiner vr. Schmied! an den Sarg, und mit den Worten „Jaussef enenno“ beginnend, schilderte er die Bedeutung Goldstein's als gottbegnadeten Sänger und den großen Verlust, den die Wiener Cultusgemeinde durch den Hingang desselben erlitten. Unter den üblichen Trauerpsalmen hoben hierauf die Cantoren den Sarg und trugen denselben bis zum Ausgang des Gotteshauses. Unmittelbar hinter dem Sarge, der an der Tempelpforte von den Gemeindedienern