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Die Wahrheit · 1899-06-21 · Heft 21 (21.6.1899) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 21 (21.6.1899)
Date
1899-06-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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/ Hesterr.-ungar. Gccnloven-Ieilung. Nr. 2\. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit". \% Iahrg. Josef Goldstein Obercantor der israelitischen Cultusgemeinde, Wien. Gestorben am 18. Juni 1899. Josef Goldstein war ein gottbegnadeter Mensch, im Leben wie im Sterben. Ihn hat die Natur mit der herrlichen Gabe des Gesanges ausgestattet, die göttliche Vorsehung hat ihn in eine hervorragende Wirkungssphäre geleitet, das seltene Glück ist ihm zu Theil geworden, säst ein halbes Jahrhundert an heiliger Stelle Gottes Lob und Preis zu verkünden, und die Gunst seiner Gemeinde, die er auf den Flügeln seines unvergleichlichen Gesanges zur Andacht leitete, ist ihm bis zum letzten Athemzuge treu geblieben. Auch sein plötzlicher Tod, so herb und bitter er von seiner Familie und seinen zahlreichen Freunden und Verehrern empfunden werden mag, erscheint uns als Gnade Gottes. Er kannte nicht die Beschwerden und Leiden, die Enttäuschungen und Kümmernisse des alternden, nicht mehr vollgiltigen Künstlers, und es blieb ihm erspart, Andere an jener Stelle Lorbeeren pflücken zu sehen, wo er so oft gefeiert und bewundert wurde. Mitten im Wirken und Schaffen ist sein Lebensfaden abgerissen, der liederreiche und sangesfrohe Mund ist plötzlich verstummt, und ungetrübt bleibt die Erinnerung an den großen Zionssänger, der mit Josef Gold st ein dahingeschieden ist. Das Walten eines gütigen Geschickes lässt sich nicht verkennen, wenn wir seinen Lebensweg überblicken. Josef Gold stein ist geboren am 27. Mürz 1837 zu Kecskemet. Sein Vater, der bekannte Schmelke Chasen, war Cantor in Neutra, und der kleine Josef wirkte schon als sechsjähriger Knabe im Chore mit. Hier lernte er alle damals üblichen Gesänge und damit war der Grund zu seiner Vorliebe für den Synagogalgesang gelegt. Schon im zarten Kindesalter hatte er einen bitteren Kelch zu leeren. Er war erst zehn Jahre alt, als ihm der Vater durch den Tod entrissen wurde. Zehn unmündige Kinder und eine hilflose Witwe beweinten den herben Verlust ihres Ernähres. Elend und Noth waren jetzt in der zahlreichen Familie eingekehrt; daher musste es der Mutter als ein Sonnenstrahl erscheinen, als der Cantor von Banowitz den stimmbegabten Sohn an Kindesstatt zu sich nahm. Bei diesem Manne sollte der kleine Josef, auch seine weitere Ausbildung erhalten, doch es trat der umgekehrte Fall ein, indem er den Cantor in allen vom Vater erlernten Weisen unterrichtete. Aber die schleckte Behandlung, die ihm hier zu Theil wurde, trieben ihn bald hinweg. Bei Nacht und Nebel entwich er seinem Pflegevater und kehrte zur Mutter zurück. Wie grämte sich die arme Frau, als sie den Sohn, den sie so gut versorgt wähnte, plötzlich zurückkommen sah. In Neutra erhielt er jetzt die Cantorstelle, die früher sein Vater bekleidet hatte. Auch die Schule musste er besuchen, und da er gravitätisch mit Cylinder und langem, schwarzen Rock einherschritt, hatten seine Mitschüler vor ihm heillosen Respect. Heitere Intermezzos gab es da häufig genug, wenn sein Lehrer im komischen Zweifel sich darüber abquälte, ob er den zehnjährigen Cantor mit „Du" oder „Sie" tituliren solle. Für die Familie G o l d st e i n's war eine bessere Zeit angebrochen, denn sein Einkommen konnte zur Erhaltung derselben hinreichen. Aber den jungen Sänger duldete es nicht zu Hause, er war sich dunkel seiner künftigen Größe bewusst und dies trieb ihn an, Kunstreisen zu unternehmen. So bereiste er, überall enthusiastisch ausgenommen, ganz Ungarn und kam auch nach Wien. Als er hier im polnischen Tempel vorbetete, war die Begeisterung eine so große, dass die Zuhörer, die Heiligkeit des Ortes vergessend, sich zu lautem Beifall hinreißen ließen. Nach dreijährigen Wanderungen kehrte. G oldst ein nach Neutra zurück, woselbst ihn eine langwierige Krankheit befiel. Nach der Genesung mutirte seine Stimme, doch gelang es ihm damals, auch mit wenigen Mitteln zu singen. Bald darnach wandte er sich nach Böhmen und genoß in Prag den ersten Musikunterricht bei Cantor Körner, welcher nachher in Smichow amtirte. Von diesem Zeitpunkte erkannte er die Wichtigkeit eines gründlichen Studiums der Musik und beschloss, um dasselbe nicht unterbrechen zu müssen, sich auf seinen Reisen von einem tüchtigen Musiker begleiten zu lassen. Die enthusiastische Liebe der galizischen Juden für Gesang sollte er in recht drastischer Weise kennen lernen. Er hatte in Krakau mit außerordentlichem Erfolge vorgebetet. Als er nach dem Gottesdienste in dem Hause des damaligen Rabbiner Meises bei verschlossenen Thüren einige Pwcen vortrug, wurden von den außenstehenden „Patrioten" die Thüren eingebrochen und G o l d st e i n, immer und immer wieder zum Singen genöthigt, musste, da er den begeisterten Enthusiasten nicht anders entkommen konnte, sein Heil in der Flucht durch's Fenster suchen. In seinem 15. Lebensjahre wurde er als Cantor nach Neusatz berufen, woselbst er zwei Jahre verblieb. Mittlerweile hatte sich seine Tenorstimme zu außerordentlicher Kraft und Schönheit entwickelt und er erhielt ein Engagement im Pester Theater. Ein Kunstfreund, Namens Moriz Adle r, wurde jetzt der Förderer seines Talents. Derselbe ließ ihn durch Professor Marchesi ausbilden. Gold st ein erhielt nun einen Ruf an die Wiener Hofoper, folgte diesem aber nicht und nahm ein Engagement als erster Tenor nach Florenz an. Auf der Reise aber, von Heimweh überfallen, kehrte er in Padua um. Im Leben eines jeden Menschen spielen Zufälligkeiten eine große Rolle, und so war eS vielleicht auch bei Goldstein ein glücklicher Zufall, der seinem späteren Wirken eine bestimmte Richtung gab. Auf der Rückreise von Italien berührte er Wien, und als er hier den Bau des neuen Tempels seiner Vollendung entgegengehen sah, erwachte in ihm die von frühester Jugend an gehegte Liebe zum Cantorenstande und er bewarb sich um die Cantorstelle für den Leopolostädter Tempel. An dem genialen Prediger vr. Jellinek hatte der geniale Sänger einen eifrigen Fürsprecher, und als er beim damaligen Präses der Gemeinde, Herrn v. Sychrowsky, im Beisein des Gesammtvorstandes zur ä

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