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Die Wahrheit · 1899-06-21 · Heft 21 (21.6.1899) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 21 (21.6.1899)
Date
1899-06-21
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 21. Die Wahrheit. Seite 11. übernommen wurde, schritten die Vorsteher der Cultusgemeinde, die Functionäre und die Familienangehörigen bis zur Praterstraße, wo der Leichenwagen bereit stand. Ein dichtes Menschenspalier zu beiden Seiten der Tempelgasse und Praterstraße bezeugte tiefergriffen dem Dahingeschiedenen die letzte Ehre. In schier endloser Wagenreihe bewegte sich der Trauerzug nach dem Centralfriedhofe. Dort angelangt wurde der Sarg unter Vorantritt des Vorstandes der Chewra Kadischah und des Bethausvorstandes in die Ceremonienhalle getragen. Ober-Cantor Singer sang das übliche H;izur tomim, und hieraus trat Ober-Rabbiner vr. Güdemann an die Bahre und zeichnete mit treffenden Worten das Leben und Wirken G o ld st e i n's, seine Bedeutung als Sänger und Cantor, und seinen großen Einfluss auf die Förderung der Andacht im Leopoldstädter Tempel. Nachdem der Redner seinen Nachruf, den wir in nächster Nummer wortgetreu wiedergeben wollen, mit den Worten adonoj nossau, adonoj lokach geschlossen hatte, stimmte Cantor Blatt, der mehr als zwei Jahrzehnte an der Seite Gold st ei n's gewirkt hatte, das Joschew besessen an. Der Gesang kam vom Herzen und drang zu Herzen, die Bewegung, die den Sänger bei seinem Vortrage ergriffen hatte, theilte sich auch der Trauerversammlung mit. Nach Beendigung dieses Psalm es trugen die Mitglieder des Bethausvorstandes die Leiche Goldstein's zur letzten Ruhestätte, die ihm an der Seite Sulzer's bereitet wurde. Der Chor sang unter der Leitung des Chormeisters Professor Sulzer den Psalm „Lellootme Kots ollauwer," und als die letzten Töne des herrlichen Psalmes verklungen waren, sprach Obercantor Singer im Namen der Cantoren einfach, schlichte, aber trotzdem wirkungsvolle Abschiedsworte dem großen Meister des Gesanges. Namens des Wohlthätigkeitsvereines „Montefiore" hielt noch Professor Nascher einen schwungvollen Nachruf. In dumpfem Klange fielen hierauf die Erdschollen aus den Sarg, nnd bald erhob sich ein Grabhügel über die sterbliche Hülle Josef Goldstein's. rra'XO'n Der Nihilist. Ein Z eitr o nt ciit aus dem russisch-jüdischen Leben. Bon Moritz Scherbe!. (Nachdruck verboten.) (15. Fortsetzung.) Deborah war Frau und somit auch neugierig; allein sie war auch mitfühlend genug, dass es sie drängte, zu erfahren, was für eine Bewandtnis es mit dem Unglücklichen habe. Dies wurde ihr jedoch nicht leicht, da der Aufgefundene von den Anwesenden umringt war. Man hatte bereits verschiedene Mittel angewandt, um den Erstarrten in's Leben zurückzurufen, aber bis jetzt vergebens. Nun improvisirten die Leute eine Lagerstätte, auf welcher Deborah alsbald den Verunglückten zu Gesichte bekam. Gleich im ersten Augenblicke schienen ihr trotz des matten Lichtes dessen Züge nicht fremd zu sein, und als sie einen Schritt näher an ihn herangetreten war, erkannte sie zu ihrem Schrecken in ihm den gesuchten Alexander, den Sohn ihres Estherchen. Indes war Deborah keine Frau, die sich lange von ihren Gefühlen, und mochten dieselben noch so gewaltiger Natur sein, beherrschen ließ. Sie trat an den Erstarrten heran, legte die Hand an sein Herz, und bald hatte sie herausgesunden, dass das Leben noch nicht entschwunden sei. „Jechiel, Jechiel!" rief sie nach ihrem Sohne, der sich aus der Schankstube entfernt hatte. Endlich kam dieser. „Weißt Du, wer es ist, der hier liegt?" rief sie, auf den Halbtodten hindeutend. Der Angeredete sah mit Erstaunen die heftige Erregung seiner Mutter. Ihm war der Erfrorene eine unbekannte Person. Er hatte Alexander schon seit Jahren nicht gesehen — und besonders in dem Zustand, in welchem er ihn jetzt erblickte, hatte er keine Ahnung, wen er eigentlich vor sich habe. „Nun, wer ist es?" fragte er mit einigem Interesse. „Mein Gott, es ist Alexander, der Sohn Estherchens, den wir eben suchen!" Einige Augenblicke wurde er wohl von dieser Mittheilung recht ergriffen; allein bald wich dieses bessere Gefühl der eisernen Gleichgiltigkeit, welche der Fanatiker dem Unglücke aller Derer gegenüber zu bewahren pflegt, die nicht glauben und denken, wie er. „Gottes Strafe" — sprach er mit einer gewissen Befriedigung. „Und was willst Du jetzt mit dieser Bemerkung, Jechiel? Willst Du ein Unmensch sein und ohne Gefühl und Empfindung einem solchen Unglücke gegenüber bleiben?" „Pah, Du siehst ja, dass wir uns Mühe gegeben haben, ihn wieder zu sich zu bringen. Du selbst hast ja gefunden, dass er noch lebt." — „Aber es muß etwas dafür gethan werden, dass er zum Erwachen kommt. Hier kann er nicht liegen bleiben. Du mußt mir helfen, ihn auf meine Stube bringen, und dort will ich an ihm thun, was mir die Menschlichkeit und das verwandtschaftliche Gefühl für ihn eingeben." — „Meinetwegen" — antwortete der Sohn und traf Anstalten, dem Verlangen der Mutter nachzukommen. Zehn Minuten darnach befand sich Alexander in dem Zimmer Deborah's unter ihrer mütterlichen Obhut und Pflege. Die alte Frau hatte die Genugthuung, den Sohn ihres Lieblings nach und nach sich erholen zu sehen. Alexander kam zu Bewusstsein und erkannte, wo und in welcher Pflege er sich befand. Dankbaren Herzens nahm er dieselbe entgegen. Mit dem Bewusstsein war aber noch nicht die Genesung gekommen. Wenn auch der Schlag des Bauern Alexander nicht schwer verwundet hatte, so waren doch die Folgen des Ueberfalles die allerbedenklichsten. Ein typhöses Fieber stellte sich ein, und drei lange Wochen rang das junge Leben hartnäckig mit dem Tode, bis es endlich als Sieger über denselben hervorging. 6. Kirr KHcrnrrkcrH-Abenb. Abraham Glanzberg, der Vater Fremma's, hatte bei seinen Kindern viel zur Erlangung einer umfassenden weltlichen Bildung aufgewendet, jedoch auch andererseits dafür gesorgt, dass es ihnen an religiösem Wissen nicht fehle, und jedes derselben besaß eine eingehende Kenntnis der heiligen Schrift und der jüdischen Geschichte. So waltete in diesem Kreise die tiefste Pietät für das ererbte jüdische Gesetz und alle diesbezüglichen Observanzen wurden noch mit großer Peinlichkeit befolgt. Man befand sich im Chanukah-Fest. Clara, die älteste Tochter des Hauses, war schon einige Wochen vor Beendigung der Vorlesungen auf Wunsch der Eltern heimgekehrt, und nun hatten diese alle ihre Kinder wieder im Hause vereinigt. Um den vom traulichen Chanukahlicht beleuchteten Familientisch sehen wir die beiden Gatten, umgeben von ihren Kindern, drei Töchtern und zwei Söhnen; denn auch der sonst am Tage starkbeschäftigte Arzt, Simon, der Aelteste des Hauses, hatte es sich nicht nehmen lassen, eine Stunde gemüthlichen Zusammenseins mit Eltern und Geschwistern zu feiern, und auch Fremma war vom Großvater gekommen, um keine Lücke in dem Ganzen des Familienbestandes zu lassen. Wenn auch Scherz und Frohsinn im Laufe des Abends die Oberhand behielten, so fand bei der Unterhaltung mitunter auch der Ernst seine Rechnung, und dies geschah besonders, als die Bedeutung des Chanukahfestes zur Sprache kam. Max, der Referendar, hatte den Ausspruch gethan, wenn auch die Hauptfeste des Judenthums in ihrem Fortbestände verbleiben werden, würde das schwerlich mit den Halbfesten der Fall sein, „die, wie man sieht, immer mehr an Gewicht und Bedeutung verlieren." — „Wenn sie ein historisches Ereignis zur Unterlage haben, werden sie fortbestehen", meinte Fremma. „Bist Du davon überzeugt, meine Tochter?" — fragte der Hausvater. _ (Fortsetzung folgt..

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