Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 21 (21.6.1899)
- Date
- 1899-06-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 21. Die Wahrheit. Seite 5. gedacht werden, wenn man das volle Verständnis für die reiche Thätigkeit Di'. Hildesheimer's gewinnen will. Sie verstand es im Vereine mit den vom selben Geiste erfüllten Töchtern und Söhnen, sein Haus zu einem gastfreundlichen zu gestalten, in dem verkehrt zu haben, Jeden mit dankbarer Erinnerung erfüllen muß. Es kann nicht Aufgabe dieser Zeilen sein, ein volles Bild der vielseitigen Thätigkeit des Verewigten zu geben, und noch weniger kann hier versucht werden,, sie vollauf zu würdigen; dazu bedürfte es eines Eingehens auf die neuere Geschichte des Judenthums nicht nur in Deutschland, sondern auch in Ungarn, denn achtzehn Jahre seines Lebens, und zwar die besten, hat er in Eisenstadt als Rabbiner gewirkt. Aber dazu reicht hier nicht der Raum, und dessen bedarf es hier nicht, wo nur kurz die Summe dieses reichen, ganz der Allgemeinheit gewidmeten Lebens gezogen und der Charakter des Menschen Israel Hildesheimer skizzirt werden sollte. — Die Daten seines äußeren Lebensganges sind ja bald gegeben. Er war geboren am 20. Mai 1820 in Halberstadt in Sachsen-Anhalt, wo er auch den ersten Unterricht erhielt. Er war dann Schüler Rabbiner Etlinger's in Altona, wo er jedoch neben den talmudischen Studien sich mit größtem Wer die Kenntnisse aneignete, die ihn befähigten, nach Halberstadt zurückgekehrt, in's dortige Domgymnasium einzutreten. 1840 bezog er die Universität Berlin und widmete sich, daneben die Talmudstudien eifrig betreibend, vornehmlich den Studien der Philosophie, der orientalischen und classischen Sprachen und der Mathematik, der orientalischen Sprache wegen ging er 1842 auch nach Halle, wo er mit Gesenius und Rüdiger auch in persönlichen Verkehr trat und 1844 auf Grund einer Arbeit „Ueber die rechte Art der Bibelinterpretation" zum Doctor promovirt wurde. Es darf hier eingeschaltet werden, dass Di'. Hildesheimer dieses intimere Verhältnis zur Wissenschaft und ihrer Pflegestätte, der Universität, bis in sein hohes Alter zu eigen blieb, so dass er noch als Greis ab und zu ein Collegium besuchte, und so auch in diesem Sinne beispielgebend auf seine Jünger wirkte. Rach Halberstadt zurückgekehrt, widmete er sich völlig uneigennützig der Verwaltung der dortigen Gemeinde, bis er 1851 nach Eisenstadt in Ungarn berufen wurde. Hier wirkte er bis 1869, wo er einem Rufe der Orthodoxen Berlins Folge leistete und an die Spitze der Adaß-Jisroel-Gemeinde trat. In den beiden Rabbinerstellungen richtete er sein Hauptaugenmerk auf den Unterricht und getreu der Lehre der Weisen war es sein Bestreben, „viele Schüler auszustellen." In Eisenstadt wie in Berlin gründete er Rabbinerschulen, aber er begnügte sich nicht mit der Gründung, sondern er widmete seine ganze Kraft diesen Schulen. Trotz großer, mit den abscheulichsten Mitteln der Verleumdung und des Hasses thätigen Anfeindung wusste er die Rabbinerschule in Eisenstadt zu erhalten, und das Rabbiner-Seminar in Berlin hat er nicht nur aus dem Nichts geschaffen, sondern unermüdlich war er thätig, durch persönliches Eintreten ihre Zukunft sicherzustellen. Bis vor wenigen Jahren noch machte er zweimal jährlich seine großen Actions¬ oder Agitationsreisen, um die materiellen Mittel für die Erhaltung der Schule aufzubringen; von den persönlichen Opfern, die er und die Familie für die Sache brachten, ganz zu schweigen. Soll hier noch von der wahrhaft großen persönlichen Verehrung gesprochen werden, deren sich Israel Hildesheimer bei Allen, die ihm ferner oder näher standen, erfreute, soll insbesondere der ehrerbietigen Dankbarkeit seiner Schüler hier gedacht werden? Sie konnte ihm nicht fehlen, denn jeder von ihnen hatte ihm nicht nur Belehrung und Beispiel, sondern persönliche Förderung zu danken, denn Israel Hildesheimer war, wiederum in wohlthuendem Gegensatz zu manchem anderen Schulhaupte, nicht nur Lehrer und Leiter der Anstalt, sondern vor Allem der wahrhaft väterliche Freund und Berather seiner zahlreichen Schüler: sie bildeten seine weitere Familie. Und wie er als Gatte und Vater von liebevollster Hingabe an die Familie war, so übertrug er diese Gesinnung auch auf seine geistigen Kinder. Und diese liebevolle Fürsorge empfand er auch für den geringsten seiner Glaubensbrüder und noch mehr für die große noaa; es gab keine größere oder kleinere Frage, keine größere oder kleinere Hilfs- oder Rettungsaction, die in Israel Hildesheimer nicht — und zwar nicht etwa nur den Mitunterzeichner eines Aufrufes — sondern den thatkräftigsten Mithelfer oder Organisator fand. Thatkraft und Willensstärke, Selbstlosigkeit und Uneigennützigkeit, Herzensgüte und Hilfsbereitschaft waren die hervorstechendsten Züge dieses seltenen Mannes, die ihn hoch emporhoben über seine Amts- und Berufsgenossen. Ihnen Allen, mögen sie in welchem Lager immer stehen, möge der Namen Israel Hildesheimer als leuchtendes Vorbild vor Augen schweben, denn wir Juden bedürfen gerade in unserer Zeit Männer der That, die aber vor Allem sich auch durch ein edles Herz und Bethätigung edler Gesinnung Hervorthun. Ihm selbst aber, Dr. Israel Hildesheimer, ist nicht nur ein Ehrenplatz in der Geschichte des Judenthums gesichert, sondern sein Name wird stets mit dankbarer Verehrung von Allen genannt werden, die ihn gekannt haben, und in weitesten Kreisen, nicht zum geringsten auch in Oesterreich-Ungarn, wird sein Hingang als persönlicher Verlust empfunden werden. : pa»n bv bzn Zur Geschichte der jüdischen Tradition. Bon Leetor I. H. Weiß. Frei aus dem Hebräischen bearbeitet von Dr. I. Kahan. (Fortsetzung.) Selbst unter dem frommen König Chiskia war es in dieser Beziehung nicht viel besser geworden. Wohl hat er den Götzendienst verdrängt und der Thora zu ihrem Rechte verholfen; wohl hat er sich ein großes Verdienst durch die Erhaltung namentlich der Spruchliteratur erworben — aber die alte Krankheit hat er nicht ausgerottet. Die erste That seiner Regierung war, den Opferdienst wieder herzustellen und den Priestern die Obhut der Religion anzuvertrauen. Dagegen eiferte Jesaja, der kein Vertrauen zu den Priestern hatte und die Pflege der Herzensfrömmigkeit und Gerechtigkeit höher stellte, als allen Opferdienst. Daher geißelt er die äußere Annäherung des Volkes an Gott durch Opfer und Feste, während das H e r z fern von Gott bleibe. Die Auffassung Jesaja's von den Gesetzen der Thora war offenbar eine andere als die der Priester und der falschen Propheten. Es steht auch fest, dass man damals manche Gesetze anders verstand als in den späteren Zeiten, namentlich hat man an den einzelnen Bestimmungen nicht gerade peinlich feftgehalten. Im ersten Jahre seiner Regierung hat Chiskia das Pessachfest erst im zweiten Monate feiern lassen, weil im ersten die Priester noch nicht rein waren und das Volk noch fern von Jerusalem weilte. Das entspricht vollkommen der Bestimmung der Thora. Aber Chiskia ließ auch im Anschluss an das Pessachfest ein siebentägiges Mazzothfest feiern, wovon in der Thora nichts erwähnt ist und worüber die rabbinische Ueberlieferung ganz anders entscheidet. Wie Jesaja, so eiferte auch Jeremia gegen die Verkehrtheit seiner Zeit, in welcher man sich über alle Gebote der Sittlichkeit hinwegsetzte, dann aber das Gotteshaus aufsuchte und glaubte, Gottes Wohlgefallen gewonnen zu haben — als ob das Gotteshaus eine Räuberhöhle wäre, eine Zufluchtsstätte für alle Verbrecher! Diebe, Räuber, Mörder und Ehebrecher — fasteten, brachte viele Opfer dar und glaubten, fromme, gottgefällige Menschen zu sein! Solche Verkehrtheiten konnte Jeremia nicht oft genug brandmarken. Opfer und Gesetze seien alle nur Mittel