Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 21 (21.6.1899)
- Date
- 1899-06-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 21. Vorher müsste aber eine Umgestaltung des Rabbinatscollegiums vorgenommen werden, und dies vielleicht in der Weise, dass unter dem Vorsitze des Oberrabbiners ein engeres und ein weiteres Rabbinatscollegium — im ersten Falle aus den Gemeinderabbinern, oder einem Theil derselben, im zweiten Falle aus sämmtlichen Gemeinde- und Vereinsrabbinern — gebildet würde. Eine derartige Körperschaft besäße auch Ansehen genug, um in Fragen des Ritus, des Religionsunterrichtes rc. ein entscheidendes Votum abzugeben, und das Uebergewicht einer einzelnen Persönlichkeit wäre bei dem Austausch vieler Meinungen ausgeschlossen. Aengstliche Leute werden vielleicht in dieser Idee den Ansatz zu einer Hierarchie erblicken, aber abgesehen davon, dass sich diese Hierarchie selbst zu Zeiten, wo die Rabbiner viel mehr Einfluss in den Gemeinden hatten, nicht entwickelt hat, wäre uns eine kleine Dosis derselben gar nicht so schädlich. Freilich müsste man sich jene Personen, denen man das Amt eines Rabbiners anvertraut, genau ansehen und mit der in Wien geübten Praxis bei der Ernennung von Gemeinderabbinern brechen. Doch hievon und ähnlichen Dingen ein anderes Mal. Dr. Israel Hildesheimer. Em Gedenkblatt. *** Wenn je, kann wohl diesmal ohne Uebertreibung gesagt werden: in ganz Israel wird die Trauer um den am 12. Juni im 80. Lebensjahr in Berlin verstorbenen Rabbiner der orthodoxen Adass-Jsroel-Gemeinde und Rector des dortigen Rabbiner- Seminars vr. Israel Hildesheimer tief empfunden werden. Denn man kann getrost behaupten, so weit jüdisches Empfinden, jüdisches Leben reicht, in Ost und West, in Nord und Süd, in allen Ländern und Erdtheilen, kennt man den Namen Israel Hildesheimer, der an sich ein Programm bedeutete, und kennt man sein Wirken. Man muß nicht erst die Kämpfe innerhalb des Judenthums in den letzten Jahrzehnten verfolgt haben, um zu wissen, wer Israel Hildesheimer war. Aber freilich, ganz würdigen kann diesen seltenen Mann nur, wer Gelegenheit hatte, ihm näherzutreten. Man wird dem Verewigten weder völlig gerecht, wenn man ihn nur als den Führer der Orthodoxen in Deutschland würdigt, noch wenn man in ihm nur den glaubensstarken Mann und eiftigen Verfechter seines orthodoxen Glaubensbekenntnisses sieht. Die Beurtheilung dieser Wirksamkeit wird immer vom Standpunkt des Beurtheilenden in den verschiedenen in Betracht kommenden Fragen abhängen. Wie sonst, gilt auch hier der Satz, dass von der Parteien Hass und Gunst verwirrt, sein Charakterbild in der Geschichte schwankt; denn Israel Hildesheimer stand seit dem Beginn seiner öffentlichen Wirksamkeit im Kampfe der Parteien. Allerdings gilt dieser oft citirte Satz hier nur mit der Einschränkung, dass von Hass bei Israel Hildesheimer nicht die Rede sein konnte, denn, wenn von irgend Jemandem, kann von ihm mit vollem Rechte gesagt werden: er hatte Gegner, aber keine Feinde. Und das erklärt sich aus dem ganzen inneren Wesen eines Mannes. Daher wird vr. Israel Hildesheimer nur gerecht, der ihn als Menschen, als Charakter zu würdigen versteht. Auch seinen Gegnern, und es fehlte wahrlich nicht an solchen, rang er die größte Achtung ab, weil sie erkannten, dass sie es mit einem Manne zu thun haben, dem es heiliger Ernst um die Sache ist, der für das eintrat, was ihm tiefinnerliche Ueberzeugung war, der endlich bei aller Schärfe stets mit reinen und nie mit vergifteten Waffen kämpfte, der aber auch von blindem Fanatismus sich freihielt und eine Ausgleichung der Gegensätze anstrebte. Auch die Gegner mussten einen Mann hochachten, dem der Rabbinerberuf nicht die Kuh war, die ihn mit Butter versorgt, denn uneigennützig versah er sein Amt, der aber auch das Rabbinat weder „als Krone betrachtete, damit zu prangen, noch als Grabscheit, um damit zu prahlen", denn er war von einer geradezu rührenden Anspruchslosigkeit, der endlich sich nicht auf die Erfüllung von „aufhabenden" Amtspflichten beschränkte, denn er schuf sich in völliger Selbstentäußernng immer neue Aufgaben für sein Amt. Wie manche unserer Grandseigneurs auf Rabbinersitzen, die da meinen, weiß Gott was gethan zu haben, wenn sie ihre „formvollendeten" Predigten halten, wenn sie Trauungs- und Leichenfunetionen absolviren und dafür Sporteln einheimsen, sich aber einen Deut um die Gemeinde und ihre Mitglieder, soweit sie nicht ertragfähig und einflussreich sind, kümmern, die es insbesondere meisterhaft verstehen, sich die Armen und Beladenen vom Leibe zu halten, die sich nicht im Mindesten um den Jugendunterricht oder sonst einen Zweig der öffentlichen Angelegenheiten bemühen, weil dies nicht zu ihren vertragsmäßigen Aufgaben gehört, die aber gleichwohl das traditionell gewordene Epitheton „allverehrt" erhalten und beanspruchen, hätten von vr. Israel Hildesheimer lernen können und sollen noch lernen, worin die Aufgaben eines Rabbiners bestehen. Die drei Dinge, auf denen nach einem bekannten Ausspruch die Welt beruht, waren nach Jsr. Hildesheimer's praktisch bethätigter Ansicht vor Allem jene, die den Inbegriff der Aufgaben des Rabbiners bilden müssen - ü'nvn mny min. Mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit seinem ganzen Vermögen (dies Wort im eigentlichen und übertragenen Sinne genommen) diente er diesen Aufgaben. Die Selbstlosigkeit und Unermüdlichkeit, die er dabei bethätigte, wirkten beispiel- und mustergebend auf seine ganze Umgebung und Alle, die in seinen Bannkreis traten, und darin liegt nicht zum Geringsten der Schlüssel zum Verständnis seines Erfolges. Wer das unscheinbare, schwache Männchen sah, ahnte nicht, welche zähe Kraft ihm innewohne: man wusste nicht, soll man mehr die körperliche Rastlosigkeit oder die geistige Regsamkeit bewundern. Denn darin lag die wahre Größe des Mannes, dass er nicht nur große organisatorische Pläne fasste, sondern auch selbst Hand anlegte und unermüdlich, ohne Rücksicht auf körperliche Strapazen und Entbehrungen, für ihre Verwirklichung thätig war und auch die Kleinarbeit nicht scheute. Es ist gewiss nur ein Gebot der objectiven Gerechtigkeit, das Wirken eines in der Oeffentlichkeit thätigen Mannes von seinem Standpunkte aus zu beurtheilen. Nicht darauf kann es ankommen, ob wir mit Allem einverstanden sind, was er thut, sondern darauf, ob das, was er thut, im Einklang steht mit seinen eigenen Absichten. Und wenn jedes feste Eintreten für eine Ueberzeugung Achtung verlangt, so kann Israel Hildesheimer die volle Anerkennung nicht versagt werden, dass er jederzeit für sein Ideal unentwegt eingetreten ist: für die Vereinigung strengen Festhaltens an dem überlieferten Glaubensinhalt des Judenthums mit moderner Bildung und echter Wissenschaftlichkeit. Und wie er als Student in Berlin nicht nur dem Talmudstudium oblag, sondern philologischen, philosophischen und mathematischen Studien mit großem Eifer sich widmete, so hat er bis in sein Greisenalter das Interesse für diese Disciplinen sich bewahrt. vr. Hildesheimer war von einer geradezu bewundernswerthen Gelehrsamkeit auf allen diesen Gebieten, zumal auf jüdisch-theologischen, und besonders seine ersten Arbeiten zeigten, wie viel er auch literarisch-wissenschaftlich hätte leisten können, wenn er nicht dem Satz gehuldigt hätte: “ipyn an p-nan *6 npyan. vr. Israel Hildesheimer war vor Allem ein Mann der That, und zwar der rastlosen, unermüdlichen That. Sein ganzes Leben weihte er seinem Berufe — bis zur völligen Erschöpfung. So unermüdlich aber auch vr. Hildesheimer thätig war, so war er doch auch von großer Liebenswürdigkeit im persönlichen Verkehre, und er bethätigte vollauf die Lehre Schammai's. jeden Menschen (und wenn es' der ärmste Bittsteller war) freundlich aufzunehmen. In der Allen, die sie kannten, unvergesslichen Henriette Hildesheimer, gebornen Hirsch, besaß er eine ebenbürtige und geistesverwandte Gattin, und dieser edlen Frau muß