Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 20 (11.6.1899)
- Date
- 1899-06-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Geflerr.-ungcrr. Kcrntoren-Ieitung. Hr. 20. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit". 19. Jakrg. Ein Srief Lmil du Lois-lleymond's. (Zur Schächtfrage.) Die Herren Liebermann von Sonnenburg und Genossen haben vor Kurzem wieder einmal die Frage des rituellen Schlachtverfahrens bei den Israeliten im deutschen Reichstage aufgerollt. Natürlich spielte dabei die Thierquälerei eine große Rolle, und die Thierschutzvereine mussten den Antisemiten Vorspanndienste leisten. Zu wiederholten Malen hat man auch den Flamen unseres großen, unvergesslichen Physiologen Emil dn Vois-Reymond in dieses widerwärtige Getriebe hineinzuziehen versucht. Freilich stets mit dem entgegengesetzten Erfolg, als ihn die Antisemiten voraussetzen wollten. Vielleicht wird die Veröffentlichung eines Briefes, den der genannte Berliner Forscher am 12. August 1887 an Herrn v. Stempel (hier, Nollendorfstraße 5) gerichtet hatte, dazu beitragen, wenigstens in einem gewissen Sinne Klarheit zu schaffen. Es heißt in dem Briefe: „Die Handvoll Leute, welche die sogenannte antiviviseelionistische Bewegung eingeleitet haben, und — England ausgenommen — damit auf dem Sande sitzen geblieben sind, haben sich nun durch Denunciren des Schlichtens als einer Thierquälerei an den Antisemiten eine Hilfstruppe zu schaffen gesucht. Ich habe schon wiederholt in dieser Beziehung an mich ergangene Anfragen gerade in dem Sinne beantwortet, wie Sie selber in Ihrem Briefe thun, nämlich, dass die plötzliche gewaltige Anämie (Blutleere) des Gehirns bei höheren Wirbelthieren unzweifelhaft mit Bewusstlosigkeit einherschreitet, wie dies ja auch schon vielfach von Physiologen und Aerzten Denjenigen erwidert wurde, welche das Köpfen von Verbrechern für grausam erklärten. Die Zuckungen, welche nach dem Durchschneiden der Halsgefäße bei Säugethieren auftreten, sind ein weiterer Beweis dafür, welche (nach Kußmaul's und Tenner's Entdeckung) stets die Anämie des Mittelgehirns begleiten, und Bewusstlosigkeit ist die constante Begleiterscheinung der Epilepsie so sehr, dass Epilepsie in ihrer niedersten Form, als petit mal, nur noch in vorübergehender Bewusstlosigkeit sich äußert. Bei Hühnern, denen die Carotiden (Halsschlagadern) durchschnitten worden, wird es nicht anders sein. Die Zuckungen von solchen Hühnern, denen, wie Sie berichten, nach italienischer Art der Kopf abgerissen wird, können nicht mehr vom Mittelhirn ausgehen, aber die ungeheuere Verletzung des Halsmarkes reicht wohl aus, um sie zu erklären. ..." Einige weitere Bemerkungen in dem Briefe interessiren nicht und bleiben daher unveröffentlicht. Worauf es einzig und allein ankommt, ist die klare durch du Bois-Reymond abgegebene Bestätigung der allgemein bekannten physiologischen T h a t s a ch e, dass die durch den Halsschniit erzeugte „gewaltige" Blutleere des Gehirns „Bewusstlosigkeit" zur unbedingten Folge hat, und dass demgemäß von einer Thierquälerei bei diesem Schlachtverfahren durch den mit einem haarscharfen Messer geführten Halsschnitt absolut keine Rede ist und sein kann. Gemeinde- und Veremslwte. Wien. Letzten Sonntag, um die vierte Nachmittagsstunde, hielten, so wird uns berichtet, vor dem Tempel der Cultusgemeinde in der Seitenstettengasse mehrere Wagen, und denselben entstiegen ein Brautpaar und einige Hochzeitsgäste. Zn ihrem größten Erstaunen fanden aber die Angekommenen die heiligen Tempelhallen versperrt, und weit und breit war kein Functionär zu entdecken. Die Braut, eine arme Friseurin, fiel vor Aufregung in Ohnmacht, und auch die Hochzeitsgüste wussten nicht, was nun zu beginnen sei. Boten und Wagen wurden hin und hergesandt und endlich nach nahezu dreistündigem Warten erschien Herr- Rabbiner vr. Bach aus Ottakring, durch dessen Vermittlung das Brautpaar mit einiger Verspätung in den Hafen der Ehe einlaufen konnte. Wir geben nur die einfache, uns berichtete Thatsache wieder und enthalten uns jeder weiteren Bemerkung, da wir erwarten, dass der Cultusvorstand diejenigen Personen, welche an dem höchst ärgerlichen Vorfall Schuld tragen, zu treffen wissen wird. Wien. Vom Vorstande der israelitischen Cultusgemeinde Wien wurden in diesem Monate folgende Stiftungen ausgeschrieben: Die Andreas Feigl'sche Witwenstiftung", acht Plätze ä fl. 52.—, die „Josef Spitzer'sche Stiftung" für des Ernährers beraubte Familien, drei oder vier Plätze zusammen fl. 124°—, die „Rosalie Pollak'sche Stiftung" für ein blindes Mädchen oder eine blinde Frau, ein Platz fl. 38'—. Sämmtliche mit dem Einreichungstermine bis 30. Juni 1899; ferner: Das „Max Ritter von Pfeiffer'sche Stipendium" für einen Studirenden der Rechte des zweiten oder eines höheren Jahrganges ein Platz fl. 210'—, mit dem Einreichungstermine bis 16. Juli 1899. Näheres bei der israelitischen Cultusgemeinde Wien (I., Seitenstettengasse 4). Wien. Der „Allgemeine hebräische Sprach-Verein" in Wien eröffnet mit Anfang des nächsten Studienjahres 1899/1900 folgende unentgelrliche Curse für Erwachsene (2—3 Mal wöchentlich): l. Cnrs für Anfänger: Lesen, Schreiben, Elemente der Sprache und Grammatik, ll. Cnrs für Fortgeschrittene: Lesung und Erläuterung aus „Könige", „Zeitgeschichte" und Sprechübungen. 111. Elementareucs für Mädchen. IV. Literargeschichtlicher Abriss: Galerie berühmter Männer der Lehre und That in Israel, um und seit der Zeit der Unterdrückung durch die Römer, deren Leben und Einfluss (Cyclus von Vorträgen über die „Tanaim" durch 1)r. Kahn einmal die Woche für Jedermann), Zeit und Ort werden dem Bedürfnis und den Verhältnissen angepasst. Anmeldungen nur mittelst Correspondenzkarte mit genauer Angabe der Adresse und des zu frequentiren gewünschten Curses sind schon jetzt zu richten an das Vorstands-Mitglied Dr. Leopold Kahn, Hof- und Gerichts-Advoeat in Wien, 11., Obere Donaustraße 47, damit über die Loealfrage entschieden nnd jedem sich Meldenden die Frequenz-Legitimation rechtzeitig zugeschickt werden kann. Bei demselben Herrn oder beim gefertigten Vorstands-Mitglied kann auch der Beitritt als 'Mitglied des Vereines (Mindestbeitrag 1 Krone jährlich) durch Correspondenzkarte angezeigt werden. M. Friedmann, Lecror, II., Novaragasse 32. Waidhofen a. d. Thaya. Bei den neulich stattgefundenen Cultuswahlen wurden folgende Herren gewählt: a) in den Ausschuß : Josef Pollak, Markus Singer und Max M. Singer in Waidhofen a. d. Thaya, ferner Adolf Schidloff in Zwettl, Sigmund Weidmann in Schrems, Ignaz Lederer in Vitis und Sigmund Stukhart in Heidenreichsteiu; d) als Ersatzmänner: Wilhelm Stukhart, Ignaz Stukhart und Samuel Goldstein in Waidhofen und Max Wotitzky in Windigsteig: e) als Vertrauensmänner : Josef Hirschkron in Dobersberg, Albert Hirschkron in Schrems, Leopold Kollmann in Waidhofen und Hermann Sinaiberger in Groß-Siegharts. Der verdienstvolle Herr Josef Pollak, welcher schon seit drei Jahren mit aufopfernder Energie und gründlicher Sachkenntnis an der Spitze der Gemeinde steht, wurde wiederum zum Cultusnorsteher, ebenso Herr Markus Singer zum Stellvertreter wiedergewählt. Raab. Zwei Säulen der hiesigen israelitischen Cullusgemeinde wurden nacheinander zu Grabe getragen: Cultus- Chef Herr Ignatz Stadler und Gemeinde-Cassier Herr Leopold Salzer. Ersterer war zugleich Casfier der Chewra-Kadischa, und Letzterer, welcher schon vor Jahren als Oberlientenanl der Linie quittirte, Präses des Sandik- und Nichnm-Avelim-Vereines und