Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 20 (11.6.1899)
- Date
- 1899-06-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. wurde dem „Deutschen Volksblatt" von einem Gewährsmann und Gesimlungsgenosseu aus Polna gesendet, doch zweifellos nur in der Absicht, um zu Feindseligkeiten gegen die Gesammlheit aufzureizen. Die in dem Artikel enthaltenen Nachrichten sind aber nach der vorliegenden Note der Staatsanwaltschaft auch falsch. Es wurde angeführt, dass noch zwei Juden, ein Schächter aus einem nahen Orte, der sofort vrrhastet wurde, und ein Unbekannter an dem Morde betheiligt waren. Die Untersuchung hatte aber bisher keinen Anhaltspunkt dafür ergeben, dass der unter dem Verdachte des Mordes in Haft befindliche Hülsner Mitschuldige hatte; ebenso unwahr ist es, dass eine zweite Verhaftung in dieser Strafsache vorgenommen wurde. Unter der Nachwirkung solcher beunruhigender Gerüchte werden Ste'-ne lebendig und zerklirren die Fenster der Judenwohnungen. Der ganze Artikel stelle sich als eine im Dienste der Judenhetze gezüchtete Ente dar. Uebrigens wäre, von allen diesen Erwägungen abgesehen, das „Deutsche Volksblatt" zu eonfisciren gewesen, weil es durch seinen Bericht einer gerichtlichen Untersuchung vorgegriffen hat. Der Gerichtshof gab dem Einsprüche nicht statt mit der Begründung, dass das Blatt in ostentativer und auffälliger Weise unwahre Nachrichten zu dem Zwecke publicirte, um das Märchen vom Ritualmorde im Gedächtnisse seiner Leser aufzusrischcn und gegen die Juden zu hetzen. Heimweh. Erzählung von Eduard Kulte. (6. Fortsetzung.) Er schätzte den jungen Nlann nach Gebühr, und wer hätte den tüchtigen, wackeren und rechtschaffenen Sohn des Ochsenhändlers besser zu würdigen gewusst als er, und er bedauerte es in Wahrheit, wenn er es auch nur scherzweise ausgesprochen hatte, dass Joffes nicht als Christ geboren worden; unter den gegebenen Umständen aber war an eine Verbindung des jungen Mannes mit seiner Tochter Marie nicht zu denken, und er liebte seine Tochter zu sehr, als dass er in Bezug auf ihre Zukunft sich nicht hätte den ernstesten Besorgnissen hingeben sollen. Als ein Mann, der gerne Klarheit in all' seine Angelegenheiten brachte, war er da in eine höchst unklare, verzweifelte Situation unscheinbar nach und nach hineingerathen. Die Sache war ihm förmlich über den Kopf gewachsen, und er war nicht geneigt, mit Entschiedenheit vorzugehen und einen gewaltsamen Bruch herbeizuführen. — Marie aber war gegen seine Vorstellungen taub; so wie sie seinerseits in Güte und Ruhe gemacht wurden, so wusste sie ihrerseits ohne die Ehrfurcht vor dem Vater aus dem Auge zu verlieren, denselben in Ruhe und Güte auszuweichen und jeder bestimmten Erklärung oder Zusage aus dem Wege zu gehen. Gar manchmal hatte es der Vater ihr bereits vorgehalten: aber so sag' mir doch, Marie, wo das nur hinaus soll? Ihr könnt Euch ja doch nicht bekommen! Er wird in der „Gaffe", aus der er stammt, eine reiche Partie machen, er wird sich ein reiches Judenmädchen zum Weibe nehmen, und Du wirst da sitzen und wirst jammern. Besser früher, als später; besser Ihr trennt Euch jetzt freiwillig, als dass später eins vom andern verrathen und betrogen wird' Was einmal sein muß, was sich nicht ändern lässt, was will man dagegen thun! — Auf solche väterliche Ermahnungen hatte Marie gewöhnlich nur eine Antwort: Du kennst ihn nicht Vater, ich kenn' ihn besser! — Und sie hing sich an ihn und streichelte und hätschelte den Alten so lange, bis er wieder stille ward und sie gewähren ließ. Es war dem Vater nicht entgangen, dass auch Görg, der reiche Bauerssohn, auf seine Tochter ein Auge geworfen habe, und der Görg, wenn er sich auch in keiner Weise mit dem da drüben aus der „Gaffe" vergleichen ließ, war doch immerhin für Marie nach seiner Meinung eine annehmbare Partie und wäre ihm schon ganz recht gewesen, wenn er nur gewusst hätte, wie es anzustellen sei, Marie mit ihren offenen Augen dahin zu bringen, dass sie au einem Görg Wohlgefallen finde, solange sie Gelegenheit hatte, ihn mit Jossef zu vergleichen. Nr. 20. Eine schwierige Sache das! Da mit Marien nichts auszurichten war, so erwies es sich eigentlich als Nothwendigkeit, mit Jossef selbst über die Sache ernstlich zu sprechen. Marie ist ein Mädchen, und ihre Liebe verschleiert ihr den Blick in die Zukunft; Jossef aber ist ein Mann, er muß Verstand genug übrig behalten, der Sache klar in's Gesicht zu sehen und bei gewonnener Einsicht auch Kraft genug, zu entsagen und Marie zur Entsagung zu bewegen. Dies war ein wohl durchdachter Plan und konnte nicht fehlschlagen; denn ihm werde sie gewiss folgen! Aber wer sollte mit ihm sprechen? Der Vater selbst fühlte das Peinliche der Situation zu sehr schon im Vorhinein, er hätte die Unterredung darum lieber einem Anderen anvertraut. Einem Andern, ganz recht! Aber wem? Einem Augenblick lang dachte er an Honza, der als Geselle mit dem Sohn des Ochsenhändlers in gar manche Berührung kam; der konnte die Sache vielleicht auch auf eine geschickte Art einleiten und an den Mann bringen; allein es war dem ehrlichen Niederhuber auch nicht entgangen, dass Honza dem Inden nicht eben mit freundlichem Blicke begegnete, und die Furcht stieg in ihm auf, der Geselle könnte die Aufgabe in einer für Jossef verletzenden Weise ausführen, und das wollte er durchaus nicht; er wollte die Angelegenheit lösen, aber in Ruhe und Gute und ohne Beleidigung. Brigitte war freilich auch noch da, die alte Magd, die Marien nach dem Tode der Mutter erzogen hatte; aber wer kann wissen, ob der alten Brigitte zu trauen war? Dass sie Marien liebte, wie eine eigene Tochter liebte, daran war freilich kein Zweifel; aber gerade weil sie sie liebte, so konnte sie sich leicht verleiten lassen, Marien das Geheimnis ihrer Sendung an Jossef zu verrathen, und dann war ja alles umsonst und schade für jedes Wort! So standen die Dinge im Hause des Fleischhauers Niederhuber, in derselben Zeit, da Jossef wegen der ihm zu Hause gemachten Vorwürfe die Flucht ergreifend, sich auf dem Wege nach dem Dorfe befand. Er ging in traurigen und trüben Gedanken, in Bangnis des Herzens und tiefer Beklommenheit. Zu ihr eilte er, zu Marien; an ihre Brust wollte er sich werfen, an ihrer Brust wollte er sich ausweinen, bei ihr wollte er sich Erlösung holen von der Pein, die ihn erfüllte — bei ihr Licht und Klarheit, die ihm herausleuchten sollte aus der Finsternis, von der seine Seele umnachtet war. Ach — seufzte er aus tiefster Brust — wie ist mir weh und warum ist der Mensch zu solcher Qual und solchem Weh auf dieser Welt! Die Sonne sank im Westen nieder und vergoldete die Landschaft mit den letzten Abschiedsstrahlen. Wie oft hat mir dieses Bild das Herz gerührt, und die Freude hat mich durchströmt und sich in mein Inneres ergossen mit solcher Gewalt, wie wenn sie anderswo gar keinen Raum mehr gehabt hätte; und jetzt ist es umgekehrt, jetzt ist es so mit der Traurigkeit! Ach, wenn es heute der letzte Abend war', an dem ich die Sonne untergehen seh'. So wie sie niedersinkt, so ist auch meine Freude und mein Glück niedergesunken. Ja, die Sonne! sie wird morgen Früh dort auf der anderen Seite wieder heraufsteigen; aber mein Glück und meine Freude steigt nicht mehr wieder herauf. Er wendete, indem er dieses dachte, den Blick nach jener Himmelsgegend, wo die Sonne am anderen Morgen wieder emporsteigen werde, und es bot sich seinen Augen ein neues nicht minder erhebendes Naturspiel dar; die roth beleuchtete Mondesscheibe trat im Osten herrlich und majestätisch über den Horizont empor. Auch dieses entzückende Bild konnte er nur mit Wehmuth betrachten. Wie schön ist die Welt! wie schön! wo der Mensch keine Macht und Gewalt über sie hat. Sollte das wahr sein, wie ich es einmal gehört Hab', dass da droben auf dem Mond auch solche Wesen existiren, die sich lieben und hassen, die sich das Leben gegenseitig verbittern, und glücklich sein könnten, wenn sie sich besser verstehen möchten! Ich kann mir das nicht denken. (Fortsetzung folgt.) Die Wahrheit.