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Die Wahrheit · 1899-06-11 · Heft 20 (11.6.1899) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 20 (11.6.1899)
Date
1899-06-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Nr. 20. Die Wahrheit. unparteiisch ihres Amtes zu walten. Die zwei Präsidenten am obersten Gerichtshof blieben eine ständige Einrichtung bis in die spätesten Zeiten. Wenn nun Josaphat sick um die Thora große Verdienste erworben hat, so haben seine Nachfolger sein Werk nicht fortgesetzt. Joasch ließ sich in Allem vom Hohenpriester I o j a de leiten, ohne eigene sittliche Kraft. Sein Sohn A m a z i a war noch schlimmer. Beide hielten an der Religion nur zum Scheine fest, ihr Gottesdienst war nur äußerlich. Und das kam daher, weil sie es mit den Priestern hielten und nicht mit den Propheten. Daher verfiel am Ende der König sammt den Fürsten und dem ganzen Volke dem schlimmsten Götzendienste. Eine Wendung zum Befferen trat unter Usia, dem Nachfolger Amazias, ein. Gleich beim Beginne seiner Regierung suchte er den Rath des Propheten auf, und diese königliche Huld belebte den Geist der Propheten, welche von dieser Zeit an ihre Reden aufschrieben. Mit der Erstarkung des religiösen Geistes hob sich auch die Wohlfahrt des Landes und der Glanz seiner Regierung. Und wenn auch Amos den Judäern Unglück prophezeite, weil sie die Thora Gottes verschmäht und seine Gesetze nicht beachtet hätten, so kann sich das nur auf den Anfang der Regierung Usias beziehen, da das entartete Volk nicht auf einmal bekehrt werden konnte. Derselbe Amos hat auch seine Hoffnung auf das Reich Juda gesetzt, dass aus seiner Mitte der Helfer Israels erstehen werde, um diezusammengestürzteHütte Davids wiederaufzurichten. Ohne Zweifel gründete Amos seine Hoffnung auf Usias' Regierung. Aber diese Hoffnung ist nicht in Erfüllung gegangen. Das Volk war gerade durch die Wohlfahrt, welche ihm die glänzende Regierung Usias gebracht hatte, sittlich so entartet, dass Jesaia im Todesjahre Usias ein trostloses, verzweifeltes Bild von ihm entwerfen konnte. Nur ein kleiner Rest sollte gerettet werden, alles Uebrige müßte zugrunde gehen. — Aus Jesaias Strafrede (Cap. 1) erhellt danz deutlich, wie sich das Volk damals zur Religion stellte. Von Gott fielen sie ab und hingen den Götzen an; Recht und Gerechtigkeit wurden mit Füßen getreten — aber Opfer brachten sie nach wie vor! Die Werke der Religion wurden gewohnheitsmäßig geübt, aber der Geist der Religion war geschwunden. Gegen solche Verkehrtheiten eiferte Jesaia und erklärte, dass das nicht die Thora unseres Gottes sei. Er verlangt nicht viel Opfer, wünscht nicht, dass man vor Ihm erscheine und seine Vorhöfe ab trete. Ihr Opfer und ihr Räucherwerk sei ihm ein Greuel, auch Neumond, Sabbath und Feste seien ihm verhasst: Unthat vertrage sich nicht mit heiliger Versammlung und sei Gott unerträglich! Gott verlange: Reinheit des Herzens, Werke der Liebe und Gerechtigkeit. Dieselbe Erscheinung begegnet uns im Reiche Israel. Bei ihrem Abfall von Gott, bei ihrem Götzendienst und großer Sittenlosigkeit, haben sie doch aus Gewohnheit die Gesetze, namentlich die Opfer, Sabbathe und Feste beibehalten. Wenn dem nicht so wäre, wie könnte Hosea den Priestern vorwerfen, dass das Volk Sünden begehe, damit sie die Sühnopfer essen könnten (4, 8)? Das Volk verhöhnt er, dass es mit den Schafen und Rindern Gott suche, ihn aber nicht finde, da er aus ihrem Herzen gewichen sei! Und wie köstlich ist die Ironie des Propheten Amos, dass, die Israeliten kaum erwarten können, dass der Neumondstag und Sabbath vorüber wären, um — mit kleinen Gewichten und falscher Wage viel Geld einzunehmen! Bei ihrer Verworfenheit haben ste doch den Sabbath gehalten! Dasselbe Bild sehen wir also in den beiden Reichen: die Gesetze der Religion werden gehalten, ober ohne Neligiosiät! Auch A ch a s, der vollständig dem Götzenthum verfallen war, und die Greuel anderer Völker getreulich befolgte, hatte dennoch den Opferdienst und die anderen äußeren Religionswerke gewissenhaft gepfiegt (2 Kön. 16). _ (Fortsetzung folgt.) Napoleon I. und die Inden. Von Di>. A. Feilchenfeld, Hamburg. (Fortsetzung.) Frankfurt war, so viel ich sehe, die einzige Hauptgemeinde außerhalb des unmittelbaren französischen und italienischen Gebietes, die Vertreter zum Sanhedrin geschickt hat. In den Zeitungen hören wir ganz merkwürdige Sachen über die Betheiligung von Juden der entferntesten Länder am Sanhedrin; die betreffenden Berichterstatter sind aber wenigstens so vorsichtig, nur von der Absendung der betreffenden Deputirten, nicht von ihrer Ankunft in Paris zu reden. So heißt es in einem Pariser Bericht (des „Hamburger Correspondent" vom 14. Jänner 1807), dass drei Rabbiner aus Constantinopel nach Paris abgereist seien, um dieser Versammlung beizuwohnen. „Da es übrigens wahrscheinlich ist", so fährt der Bericht fort, „dass in dem Gefolge des persischen, an den französischen Kaiser abgeschickten Gesandten sich Juden befinden, so glaubt man, dass auch diese dem Sanhedrin beiwohnen werden." Man sieht hieran, zu welch' kühnen Kombinationen sich die Phantasie sensationslustiger Reporter verflieg. Zeit hatten sie allerdings zu allen möglichen Erfindungen; denn fast fünf Monate verflossen von der ersten Anregung durch die kaiserlichen Abgesandten bis zur Eröffnung des Sanhedrin. Am 3. Februar 1807 vollzog sich durch eine erhebende synagogale Feier, an der sich sowohl die Mitglieder der Deputirten-Versammlung wie die des Sanhedrin betheiligten, gleichsam die Uebertragung der Functionen von der alten Versammlung auf die neue. Denn begab sich der Zug nach dem Stadthause, wo der bisherige Sitzungssaal der Deputirten für das Sanhedrin ganz im altjüdischen Sinn eingerichtet war. Die Würden der neuen Versammlung waren durch Bestimmung des Ministers schon im Voraus vergeben. Zum Chef des Sanhedrin mit dem Titel Nassi war der fromme und gelehrte Rabbiner Dav. Sinzheim aus Straßburg ernannt worden; als Beisitzer traten ihm die beiden italienischen Rabbinen Segre aus Vercelli und Cologna aus Mantua, der erste unter dem Titel Ab Bet Din, der andere unter dem Titel Chacham zur Seite. Das Sanhedrin zeigte einen wesentlich anderen Charakter als die Deputirten-Versammlung, mit der es doch im innigsten Zusammenhänge stand. Während dort die Rabbinen durch Zahl und Ansehen nicht bedeutend hervorgetreten waren, war das Sanhedrin im Wesentlichen eine Rabbiner-Versammlung. Die fünfundzwanzig Laien, die aus der Deputirten-Versammlung in das Sanhedrin übergetreten waren, mußten sich mit den untersten Plätzen im Saale begnügen. Getreu dem Bestreben, möglichst die Formen des altjüdischen Sanhedrin nachzuahmen, hatte man die Sitze in einem Halbkreise geordnet, und zwar so,, dass der Präsident in der Mitte saß, zu seiner Rechten und Linken die. beiden Beisitzer, und an diese anschließend je eine Hälfte der Versammlung.

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