Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 19 (1.6.1899)
- Date
- 1899-06-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung." Nr. 19. Mannes; „die Gemeinde ist zu schwach, um mich weiter zu erhalten und andere Gemeinden weisen mich ab, nachdem ich das 40. Lebensjahr überschritten habe." In demselben Momente empörte sich mein Innerstes, und ich hatte nur ein Vornehmen, nämlich alle Diejenigen, welche sich dem Amte eines jüdischen Cultusbeamten widmen wollen, zu warnen, lieber andere Erwerbszweige aufzusuchen, um der Demüthigung und der hoffnungslosen Zukunft zu entgehen. 2Bir müssen also, bevor wir jüdisches Beamtenmaterial großziehen, zuerst für ihre theilweise Altersversorgung bedacht sein. Nachdem die kleinen Gemeinden nicht können — von ihren Beamten nicht zu sprechen — und die großen als solche nicht viel gethan haben, gibt es nur ein Mittel und das ist: Wohlthäter im großen Stile für diese eminent wichtige Sache zu interessiren. Vereiusbote. Wie«. Die „Israelitische Alianz zu Wien" hielt Donnerstag, den 25. Mai, 6 Uhr Nachmittags, im Sitzungssaale der israelitischen Cultusgemeinde ihre 26. ordentliche Generalversammlung ab, welche in erfreulicher Weise Heuer sehr zahlreich besucht war. Nach Begrüßung der Anwesenden erstattete der Präsident, Herr David Ritter v. Gutmann, den Bericht über die Thätigkeit des Vereines im Jahre 1898. Der umfangreiche Bericht, von dessen Verlesung Abstand genommen wurde, verweist nach einigen allgemeinen Betrachtungen über die überall zu Tage tretende judenfeindliche Bewegung auf die verschiedenen Hilfsactionen der „Allianz" im abgelaufenen Jahre und zu Beginn des heurigen Jahres. Die Excesse gegen die Juden in Prag, die Plünderungen in Galizien, die Borislawer Affaire, die Bedrückungen der Juden in Rumänien und Russland erforderten ausgiebige Hilfeleistungen, die durch die eigenen, wohl bescheidenen Mittel der „Allianz" und durch Spendensammlungen ermöglicht wurden. Trotz dieser außerordentlichen Belastung des Budgets konnte die „Allianz" ihre ungeschwächte Aufmerksamkeit dem Erziehungs und Unterrichtswesen zuwenden, und wurden zahlreichen Gemeinden, Cultus- Schulvereinen und sonstigen Vereinen Subventionen zur Förderung ihrer Zwecke ertheilt. Nach Erstattung des Berichtes wurden fünf Vorstandsmitglieder mit vierjähriger Functionsdauer, u. zw. die Herren: Dr. M. Güdemann, David Ritter v. Gutmann, Wilhelm Pappenheim, Leopold Trebitsch, Donat Zifferer wiedergewählt, und ein Vorstandsmitglied, Herr Theodor Cohn, und ein Beirath, Herr Sigmund Trebitsch, mit einjähriger Functionsdauer neugewählt. Bei Punkt 5 der Tagesordnung lobt Dr. Theodor Herzl den vom Secretär Dr. Friedrich S. Krauss verfassten Bericht der „Allianz" als eine ausgezeichnete literarische Leistung und bringt hierauf die zionistische Bewegung zur Discussion; er appellirt auch an die Versammlung, dass die „Allianz" sich gegenüber dem Zionismus nicht ablehnend verhalten möge. Der Präsident erwiderte hierauf, dass die Ausführungen des Redners, insoferne es sich um werkthätige Bekundung der Sympathie für das Land der Urväter handle, selbstverständlich seien, und die „Allianz" nach dieser Richtung bisher auch viel gethan habe. Ueber Anfrage des Commerzialrathes Neustadt! gibt Dr. Herzl über die Ziele und Zwecke des politischen Zionismus Aufschluss, der eine rechtlich gesicherte Grundlage vor Durchführung großer Colonisattonen für nothwendig halte. Herr Jork Steiner schildert seine auf einer 14tägigen Reise durch Palästina gewonnenen Erfahrungen und sieht im Gegensätze zu Dr. Herzl fast in jedem einzelnen Colonisten eine Rettung des jüdischen Nationalvermögens. Architekt Marmorek richtet heftige Angriffe gegen den Vorstand der „Allianz", wird aber durch das allgemeine Missfallen der Versammlung zum Abbruch seiner Ausführungen gezwungen. Wir können den Bericht nicht schließen, ohne dem Bedauern Ausdruck zu leihen, dass dieser ohne jede Neclame, aber still und überaus segensreich wirkende Verein viel zu wenig Unterstützung seitens unserer Glaubensbrüder findet. Und bemerkenswerth ist auch die Thatsache, dass das Wirken der „Allianz" fast nur durch die Unterstützung seitens der vielgeschmähten reichen Juden ermöglicht wird, während die Mittelkreise und die Gemeinden — bei dem minimalen Jahresbeiträge von fl. 3'— sich in unverzeihlichem Jndifferentismus fernhalten. Von 16.000 im letzten Jahre ausgesandten Circularen hatten nur 200 einen Erfolg und nur 10% der jüdischen Gemeinden zählen zu Mitgliedern der ..Allianz." Im Hinblicke auf die allgemeinen traurigen Verhältnisse ist es Pflicht eines jeden wahren und aufrichtigen Juden, dem Cultur- und Hilfswerke des „Allianz" fördernd beizustehen. Wien, 26. Mai. (Verein zur Abwehr des Antisemitismus.) Im Saale des Wissenschaftlichen Club fand vorgestern die Jahresversammlung des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus statt. Der Präsident Baron Suttner hatte den Thätigkeitsbericht in einer kurz vorher stattgefundenen Versammlung bereits erstattet und hiebei constatirt, in welchem Maße der Verein Angesichts der tristen Verhältnisse in Wien in der Entfaltung seiner Propaganda eingeschränkt werde. Reaction, Demagogenthum, eine bedauerliche Verrohung des öffentlichen Geistes, niedrige, brutale Gesinnungsweise führen eine zügellose Herrschaft über die Massen; die Elemente, die berufen wären, den Kampf gegen die heute am Ruder befindliche Gesellschaft zu führen, fühlen sich angewidert von all' diesem Treiben und verurtheilen sich selbst zur Unthätigkeit. Heute ist der Verein gezwungen, eine zuwartende Haltung einzunehmen; wann die Wendung zum Besseren eintreten wird, wer könnte diese Frage beantworten? Vielleicht wird der Jndifferentismus, der die gutgesinnten Kreise beherrscht, bald weichen, und dann wird es wohl gestattet sein wieder zu hoffen. In der Versammlung, deren Vorsitz Vicepräsident Dr. Freiherr von Seiler führte, wurde die Frage aufgeworfen, ob es nicht angezeigt sei, das Wirken des Vereines einer Reform zu unterziehen. Ein Redner verwies auf den Charakter der c'ommunalen Machthaber, auf die Vergewaltigung der jüdischen Lehrer und Beamten, auf den schnöden Rechtsbruch, der damit begangen, auf den Bruch des von ihnen beschwordnen Eides auf die Staatsgrundgesetze, der damit gegeben sei. Alan scheue sich nicht, gegen das Gesetz zu amtshandeln, man untergrabe jede Autorität und geberde sich umso schamloser, als die Staatsbehörde sich nicht darum zu bekümmern scheine, was in Men vorgeht. Seitens anderer Redner wurde die Verlogenheit der antisemitischen Hetzer in der Polnaer Mordaffaire gekennzeichnet. Vorstandsmitglied Engel empfahl, die fortschrittlichen Vereine zu einem Kartell zu vereinigen, um eine zielbewusste Action zu ermöglichen. Er theilte mit, dass seit einigen Tagen an den Straßenecken Placate affichirt sind, in denen nackt und gerade auf die Beschwerde „des Lucian Brunner" hingewiesen und dabei versucht wird, etwas dem Verwaltungsgerichtshofe anzuhängen. Diese Placate befänden sich auch am Gebäude des Bezirksgerichtes und eines Polizei-Amtsgebäudes in der Leopoldstadt. Der Polizeirath habe die Entfernung der Placate von diesen Stellen zugesichert, bis heute aber befänden sie sich noch dort. Der Vorsitzende schloss die Versammlung mit der Zusicherung, dass der Vorstand die gegebenen Anregungen sorgfältig in Erwägung ziehen werde. Verschiedene Vachrichten. Wien. Sonntag, den 4. Juni, 1lti2 Uhr Nachmittags, findet im Cultnstempel, XVI. Bezirk, die Trauung des Frl. Valerie K o h n, Tochter des Herrn Simon K o h n, mit Herrn Rudolf F ü r st statt. Wien. Freitag, den 19. v. M. wurde der langjährige Börsebesucher, Herr Salamon S u s ch n y, ein Bruder des verewigten Cantors Suschny in Budapest, zu Grabe getragen. Der Heimgegangene erfreute sich ob seiner liebevollen Persönlichkeit und seines großen Wohlthätigkeitssinnes allgemeiner Achtung und Verehrung. Er-war von aufrichtigem Conservatismus beseelt und blieb am Sabbath und den sonstigen israelitischen Feiertagen der Börse fern. An der Leichenfeier betheiligten sich mehrere Vereine, welche der Dahingeschiedene unermüdlich werkthätig förderte, ebenso auch zahlreiche Freunde und Bekannte. Nach der ergreifenden Recitation der Trauergebete durch Obercantor Schorr hielt Herr Kanitz dem Verblichenen einen Nachruf, in welchem er seine edlen Charakter- und Herzenseigeuschaften schilderte. Möge sein Andenken gesegnet sein!