Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 19 (1.6.1899)
- Date
- 1899-06-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19. Die Wahrheit. Seile 11. \ Wie». Samstag, den 28. Mai, 10 Uhr Vormittags, fand unter Anwesenheit der Damen und Herren des Curatoriums und zahlreicher Gäste die Jahresprüfung der Zöglinge des israelitischen Blindeninstitutes statt. Die ausgezeichneten und staunenerregenden Leistungen der Zöglinge brachten dem Jnstitutsdirector Heller und dem gesammten Lehrkörper vielfache wohlverdiente Anerkennung. Besonders ergreifend war der geradezu seelenvolle Gesang des Zöglingchores, der unter Leitung seines Gesangsmeisters Obercantor Singer mehrere Piecen in vollendeter Weise vorttug. Boskowitz. Nach dreimonatlichem Krankenlager starb hier vor einigen Tagen Herr Jacob Freiwillig im Alter von 66 Jahren und wird derselbe von vier erwachsenen Söhnen betrauert. Er ruhe sanft! Leitmeritz. Donnerstag, den l l. Mai, ist der Rabbiner und Religionslehrer der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde, Se. Ehrwürden Herr Joachim Wittenberg, der 20 Jahre mit seltener Berufstreue hier gewirtt hatte, nach langem schweren Leiden im Alter von 59 Jahren gestorben. Noch am selben Tage wurde der Cultusvorstand zu einer Trauersitzung einberusen, an welcher auch der Obmann und Ausschuss der hiesigen Chewra-Kadischah theilnahmen. Der Cultusgemeinde-Vorsteher, Herr Sig. Engl, brachte nach Eröffnung der Sitzung mit tiefbewegter Stimme die Trauer der Gemeinde über oas Ableben des sehr beliebten Seelsorgers zum Ausdruck und nach Aufnahme eines Trauerprotokolles wurde über das Leichenbegängnis Beschluss gefasst, welches den Verdiensten des Verklärten angemessen, würdig und imposant gestaltet werden sollte. Bei dem Leichenbegängnisse, welches am 13. v. M. um 2 ‘/2 Uhr Nachmittags stattfand, waren die Gesammt-Borstände der israelitischen Cultusgemeinde und der Chewra-Kadischa Leitmeritz, der israelitische Frauen-Wohlthätigkeits-Berein, geführt von der Präsidentin Frau Julie Heller, anwesend; ferner waren die Stadtgemeinde und alle politischen Behörden in Leitmeritz durch Deputationen vertreten. Die Gymnasial- und Realschüler sammt beiden Directoren und mehrere Professoren, sowie die Volks- und Bürgerschüler gingen dem Conducte voran. Am Sarge hielt im Hause Herr Obercantor und Religionslehrer H. Erzberg eine das Leben und Wirken des Dahingeschiedenen kennzeichnenden Rede, worauf derselbe das 1osoüe^v-d6886ss6r ergreifend recitirte. Hierauf widmete Herr Cantor S. Glaser aus Theresienstadt dem Verblichenen als Freund einen Nachruf. Auf dem Friedhofe hielt Se. Ehrwürden Dr. Julius Reach, Rabbiner aus Randnitz, eine tiefergreifende Trauerrede, und am offenen Grabe sprach der Cultusgemeinde-Vorsteher, Herr Sig. Engl, folgende warme und rührende Worte: „Als Vertreter der israelitischen Cultusgemeinde in Leitmeritz tritt an mich die schmerzliche Pflicht heran, von Dir, theurer Todter, im Namen Deiner Gemeinde Abschied zu nehmen; von Dir, der Du so lange Zeit unser Hüter und Wächter gewesen. Was Du uns warst, wurde bereits aus beredterem Munde geschildert, mir bleibt nur übrig, Dir den Dank Deiner tiefbetrübten Gemeinde in's Grab nachzurufen; den Dank dafür, dass Du niit seltener Gewissenhaftigkeit Deine Berufspflichten erfüllt hast und uns stets ein treuer Berather warst. Selbst dann, als schon Deine Kräfte anfingen Dich zu verlassen und Du bereits den Todeskeim in Dir verspürtest. Nun bist Du von uns geschieden. Deinen Körper müssen wir der Erde übergeben, aber Deine Lehren, Dein Andenken, sie werden bei uns fortleben und bestehen. Ruhe in Frieden, Theuerer, schlummere sanft!" Arad, 25. Mai. Der Chordirector der hiesigen Gemeinde, Herr Professor A. Grünzweig, der vor Kurzem unter Theilnahme der gesammten Bevölkerung unserer Stadt sein Doppel-Jubiläum feierte, wurde von Sr. Majestät durch Verleihung der Civilmedaille für vierzigjährige treue Amtsthä'.igkeit ausgezeichnet. Gestern erhielt Herr Grünzweig eine Vorladung zum Bürgermeisteramte, woselbst ihm durch den Bürgermeister die Medaille und ein Anerkennungsschreiben des Ministerpräsidenten Szell überreicht wurde. In seiner Ansprache bemerkte der Bürgermeister Folgendes.': „Auch wir christliche Bürger sind stolz, dass gerade Sie der Erste hier sind, der diese Medaille erhielt." Auch die israelitische Gemeinde von Arad fühlt sich durch die seltene Auszeichnung ihres hochverdienten Beamten geehrt. Szenitz. Samstag, den 20. Mai, erregte eine Barmizwah-Feier des Sohnes des hiesigen Advocaten vr. Max Natzler in der ganzen Gemeinde öffentliches Aergernis, das durch rechtzeitiges energisches Eingreifen des Herrn Rabbiners, der an diesem Tage ostentativ den Tempel nicht besuchte, leicht hätte vermieden werden können. Es war in der Gemeinde bekannt, dass der Sohn des Herrn vr. Natzler in der jüdischen Matrikel mit der Bemerkung „nicht beschnitten" eingetragen war. Der Vater bestand nun darauf, seinen Sohn im Tempel aufrufen zu lassen, und ließ ihn durch den Religionslehrer für diesen Act vorbereiten. Der Knabe wurde nun auch zu Mincha aufgerufen, worüber ein Scandal entstand, der zur Störung des öffentlichen Gottesdienstes ausartete. Hamburg. Ein hervorragendes Mitglied unserer Gemeinde, Herr M. W. Hinrichsen, feierte vor einigen Tagen seinen siebzigsten Geburtstag. Bei dieser Gelegenheit kam die große Sympathie und Verehrung, deren sich Herr Hinrichsen in weitesten Kreisen unserer Stadt erfreut, in hervorragendem Maße zum Ausdruck. Herr Hinrichsen ist bereits seit mehr als drei Jahrzehnten in den wichtigsten Ehrenämtern thätig und hat sich als Mitglied der Handelskammer und der Hamburger „Bürgerschaft", der gesetzgebenden Körperschaft unseres Gemeinwesens, außerordentliche Anerkennung erworben. Speciell die Interessen des Hamburgischen Handels hat Herr Hinrichsen im Plenum wie in den verschiedensten Ausschüssen der Bürgerschaft stets in sachkundiger und energischer Weise vertreten. Seine anerkannte Sachkenntnis und Ueberzeugungstreue sicherten seinem Worte stets Beachtung und Würdigung, und namentlich in Angelegenheiten des Zollwesens hat er vor wie nach dem Anschlüsse Hamburgs an den deutschen Zollverein sehr erfolgreich gewirkt. In den Jahren 1868—71 vertrat Herr Hinrichsen den 4. Hamburgischen Wahlkreis im Norddeutschen Reichstage, sowie im Zollparlament. Auch die Interessen seiner Glaubensgenossen hat Herr Hinrichsen mit Eifer und Hingebung wahrgenommen. Im Vorstände der deutschisraelitischen Gemeinde, dem er seit langen Jahren angehört, hat er sich namentlich den Wohlthätigkeits - Bestrebungen in hervorragendem Maße gewidmet. Außerhalb des Vorstandes war er besonders im Comito für die russischen Juden thätig, das vor einigen Jahren so vielen verttiebenen russischen Glaubensbrüdern eine neue Heimat zu schaffen sich bemühte. Er ist noch heute Vorsitzender des Hamburger Local-Comitö's der „Alliance israälite universelle“. Einem so verdienten Manne wurden, wie natürlich, an seinem Ehrentage viele Ovationen bereitet. Außer zahlreichen privaten Freunden und Verehrern gratulirten der Vorstand der Hamburger Bürgerschaft, eine Deputation der Handelskammer, sowie Abordnungen des Gemeinde- Vorstandes und der verschiedensten Gemeinde-Institute. Im Namen des Senats erschien der greise Bürgermeister Herr vr. Versmann, der zugleich dem langjährigen persönlichen Freunde seine Glückwünsche darbrachte. Dem hochverdienten Manne, der sich großer körperlicher und geistiger Frische erfreut, wird hoffentlich noch eine recht lange und erfolgreiche Wirksamseit im Dienste des Gemeinwohles beschieden sein! vr. .V. P. Heimweh. Erzählung von Eduard Kulke. (5. Fortsetzung.) Was wollten sie aber thun, es blieb ihnen nichts übrig, als den unbequemen Gesellen zu dulden. Eines tröstete sie Beide, wenn ihnen die Freundlichkeit, mit der Marie dem Ochsenhändler entgegenkam, unangenehm in die Augen stach, eines tröstete sie: Er ist ja doch nur ein Jude und heiraten kann er sie halt doch nicht! Heiraten! Und hatten die Beiden, von denen hier die Rede war, hatten Jossef und Marie noch niemals an die Schranke gedacht, welche die menschlichen Meinungen und Einrichtungen zwischen ihnen aufgerichtet hatte? Wohl haben sie daran gedacht, aber nicht frühzeitig genug; sie dachten daran zu jener Zeit, da ihre Herzen einander bereits beim bloßen Anblicke entgegenpochten, und da es zu spät war, den Gedanken mit Nutzen auszudenken. Scherzweise pflegte der alte Niederhuber, wenn der kleine Kreis so fröhlich beisammen war, wohl hie und da auf eine Verbindung anzuspielen, vergaß aber nicht auch die Unmöglichkeit derselben betonend auszusprechen. Schade! — sagte er so einmal in seiner natürlichen Art sich zu geben — Schade, dass Du kein Christ bist, Jossef! meine Marie möcht' gut für Dich passen! Ein Jossef und eine Marie gehören ja ohnehin zusammen, das sehen wir ja auch im Evangelium! Marie wurde bei solchen Worten über und über roth und verließ die Stube, Jossef aber ließ den Kopf sinken, wie Einer, der auf eine gestellte Frage keine Antwort zu geben weiß. Solche Momente waren wohl geeignet, die beiden jungen Leute aus ihrem Traume ein wenig wachzurütteln und sie daran zu erinnern, dass sie sich in einer Welt von festgefügten Satzungen, von feststehenden Ordnungen befinden, die Keiner ungestraft überspringen könne; waren sie aber wieder allein, sahen sie sich Aug' in Auge, fühlte sie den Druck seiner Hand, fühlte er den Hauch ihres Athems, dann war Alles, Alles um sie her vergessen, die Welt mit ihren Einrichtungen und Meinungen, mit ihren Ordnungen und Satzungen; Alles, Alles, sogar sich selbst vergaßen sie, und in solcher Selbstvergessenheit, in solcher Aufwallung zweier jugendlicher Herzen, wenn er sie da an seine Brust drückte, und sie ihre beiden Arme um seinen Nacken schlang, und in einem glühenden Kusse ihre beiden Seelen ineinander rannen, da feierte die Liebe, dieses reine und echte Gefühl im Herzen der Menschen, das sich nicht kümmert um Meinungen und Satzungen einen herrlichen Triumph über allen den Firlefanz, den die Menschen seit Jahrtausenden her zu ihrer eigenen Qual sich aufgerichtet und aufgeschichtet haben. Der alte Niederhuber, der den schönen Bund zweier Seelen durch seine unschuldigen und wohlwollenden Scherze eher begünstigt und gefördert als gehemmt hatte, fing allmälig doch an, den Ernst der Sache härter und drückender zu empfinden, als er es anfänglich zu ahnen vermocht hatte, und das that ihm weh, aufrichtig weh. (Fortsetzung folgt.)