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Die Wahrheit · 1899-06-01 · Heft 19 (1.6.1899) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 19 (1.6.1899)
Date
1899-06-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Hesterr.-ungar. Gantoren-Ieitung. Nr. \% Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit". l9- Jahrg. Die istaeltt. Cultustieamten nach dem Inlnlimmsjahre. Vor einigen Jahren wurde im Sitzungssaale der Wiener- Israelitischen Cultusgemeinde ein Cantoreniag abgehalten, dessen Hauptaufgabe darin bestehen sollte, Mittel und Wege zu finden, um die materiale Lage der Cantoren, respective der Cultusbeamten zu verbessern. Letztere waren in ansehnlicher Zahl erschienen, und es schien so, dass es ihnen allen Ernstes darum zu thun sei, mit aller Kraft für die angeregte Sache einzutreten. Es wurde hin und her debattirt, die Einen sprachen von modernen synagogalen Gesängen, die Anderen vom „Nigen", wieder Andere vom einheitlichen Synagogengesang, aber vom N6rvu8 rorum, dem zu gründenden Pensionsfonde, sprachen blos zwei: Schreiber dieser Zeilen und Ober-Cantor Singermann-Troppau. Nun soll es gar nicht in Abrede gestellt werden, dass es viel angenehmer ist, über Synagogenmusik und dergleichen zu sprechen, — es erhebt den Geist, entflammt die Phantasie, setzt ein Gemüth voraus, das nicht von der Sorge um das tägliche Brod gequält ist, während umgekehrt gewöhnlich Beamte mit geringer Dotirung der Frage der Gründung eines Pensionsfondes nähertreten. Nicht unerwähnt darf bleiben, dass der „Oesterreichischungarische Cantoren-Verein" kein Mittel unversucht ließ, um die angeregte Sache zu realisiren. Es wurden kundige Assecuranzbeamte zu Rathe gezogen, welche berechneten, wie groß die Einzahlungen fein müssten, nach wie viel Jahren man mit einer partiellen Pensionirung bei so und so viel Mitgliedern beginnen könnte, mit einem Worte, die technische Grundlage wurde nach allen Seiten sichergestellt. Der mittlerweile verstorbene Präsident der Wiener Cultusgemeinde sagte seine thatkrüftigste Unterstützung zu, Alles war in schönstem Fahrwasser, und von den besten Hoffnungen erfüllt, trat man Tags darauf den Rückweg an. Mittlerweile ist es still geworden, die Hoffnung hat uns getäuscht, und wir gestehen heute resignirt: „Hab' mich all'weil vertröstet auf die Sommerszeit, und der Sommer ist gekommen, und ich bin noch so weit." Nun hieß es allgemein, dass das Jubiläumsjahr unseres Kaisers Anlass zu verschiedenen humanitären Institutionen geben wird. Das Jnbiläumsjahr kam, Humanitätsanstalten wurden gegründet, aber die israelitischen Cultusbeamten sagen wieder: „Hab' mich all'weil vertröstet rc." Also die jüdischen Cultusbeamten sind zu schwach, um etwas Ersprießliches zu leisten, die Gemeinden haben bis jetzt zu wenig Willenskraft gezeigt, und doch noch über solch' schwer realisirbare Gegenstände sprechen? Eitler Wahn! — Nein! bemerke ich und nochmals nein l Der Abgeordnete Roser hat schon mehr als 25 mal über die Abschaffung des kleinen Lottos als Quelle verschiedener Uebel gesprochen, seine Bemühungen waren bis jetzt noch von keinerlei Erfolg begleitet, aber der Mann erlahmt nicht und trotz der Heiterkeit, die sein jedesmaliges „Sicherheben" hervorruft, lässt er sich nicht abhalten, mit Wärme für die von ihm vertretene Sache einzustehen. Thatsächlich verlautet, die Negierung wende dieser Sache ihre Aufmerksamkeit zu, um Remedur zu schaffen. Gelingt es hier zu reformiren — und es wird gelingen — so werden wir Alle dem Herrn vr. Roser, der der gerechten Sache zum Siege verhalf, unsere Reverenz bezeugen. Nach dieser kleinen Abschwenkung kehre ich wieder zu meinem Thema, dem Pensionsfonde, zurück. Da die jüdischen Cultusbeamten zu schwach und die Gemeinden, nämlich die größeren, bis jetzt zu indolent waren, so sollen und müssen noch andere Wege gesucht werden, die auch dem jüdischen Cultusbeamten, diesem Plebejer der Beamtenschaft, die Bürde des Alters erleichtern würden. Einer der Hauptgründe, warum von keiner Seite für jüdische Beamte etwas geschieht, ist der, dass alle für ihre Interessen wirkenden Vereine und Vereinchen bis jetzt nicht gekannt sind, also keine Popularität genießen. Wie wäre es denn sonst möglich, dass Philantropen wie Baron Hirsch oder dessen hochherzige Gattin (Alehem Hascholom) dem Cantorenvereine oder dem Lehrervereine keinen Kreuzer widmeten? Es erscheint keine Zeitschrift, die jüdischen Interessen dient, ja fast kein Exemplar derselben, welche nicht von Humanitätsacten wohlhabender Glaubensgenossen berichten würde. Würde man aber Jemandem, der Herz und Mittel besitzt, Wohlthaten auszuüben, sagen, er möge auch den Cantorenverein bedenken, so würde man einfach zu hören bekommen: „Diesen Verein kenne ich nicht." Es ist also eine der schönsten Aufgaben namentlich der jüdischen Cultusbeamten in den Großstädten, nach der eben angedeutenden Richtung thätig zu sein. Lassen wir alle die particularistischen Bestrebungen bei Seite und denken wir nur an die Hauptsache: Stütze dem Alter, Bewahrung vor Demüthigung. So haben sich bis jetzt die Städte Wien, Brünn, Olmütz, Mähr.-Ostrau, Troppau, ich glaube auch Karlsbad, als mustergiltige Gemeinden gezeigt. In solchen Gemeinden sollte man dahin wirken, dass das Interesse kein locales bleibe, sondern dass diese materiell kräftigen und intelligenten Gemeinden, respective ihre wohlhabenden Mitglieder die Pensionscaffe für jüdische Cultusbeamte mit größeren Legaten bedenken. Es braucht nur ein Einziger eine namhafte Summe diesem Zwecke zuzuwenden, und das Uebel wäre behoben. Damit ist noch nicht gesagt, dass alle jüdischen Cultusbeamten wohlbestallte Pensionisten wären, aber der Umstand, dass der Anfang gemacht werden könnte, würde das ganze Prestige des Vereines heben, er würde sich immer mehr einleben und die lang entbehrte Popularität erlangen. Die Nothwendigkeit einer Pensionscaffe für jüdische Beamte kann nicht genug betont werden, nachdem man sieht, wie in den kleinen Gemeinden der Scheliach Zibbur darbt. Ehrensache der größeren Gemeinden und, ich betone, der reichen Mitglieder derselben sollte es sein, diese Armen der Aermsten wenigstens in ihrem Alter — kichlaus kauehenn — nicht darben zu lassen. Um dieses Elend theilweise zu beleuchten, will ich nur ein Beispiel anführen: Ich traf unlängst einen Fremden, der mich um Nachtherberge bat. Da ich sofort erkannte, dass ich es hier mit einem gedrückten Gemüthe zu thun habe, ließ ich mich mit dem Manne in ein Gespräch ein. „Wer sind Sie?" fragte ich. „Ich heiße so und so und war in £ 20 Jahre Cantor und Lehrer!" „Und jetzt?" fragte ich weiter. „Jetzt bin ich brod los", war die Antwort des

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