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Die Wahrheit · 1899-06-01 · Heft 19 (1.6.1899) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 19 (1.6.1899)
Date
1899-06-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 19. Die Wahrheit. Seite 7. schiedenen Ländern Europas erließ, wird das große Ereignis gebührend gefeiert. „Was unsere Vorfahren seit einer langen Reihe von Jahrhunderten nicht gesehen, was wir in unseren Zeiten zu erleben nicht hoffen konnten, erscheint jetzt vor den Augen der erstaunten Welt." Von Napoleon heißt es dann weiter: „Dieser wohlthätige und tröstende Genius will jeden erniedrigenden Unterschied zwischen uns und seinen anderen Unterthanen aufheben; sein durchdringender Blick wusste in unserem mosaischen Gesetzbuche die Grundsätze von Festigkeit und Kraft zu entdecken, die noch heute Bewunderung verdienen. . . Darum hat er in seiner Weisheit ein großes Sanhedrin nach Paris zusammenberufen, das keinen anderen Zweck hat, als uns zu unseren alten Tugenden zurückzuführen und unseren heiligen Glauben in seiner ganzen Reinheit zu erhalten." Die jüdischen Brüder in anderen Ländern Europas werden in dem Aufruf aufgefordert, angesehene Männer als Deputirte nach Paris zu schicken, damit sie durch ihren Rath den Aussprüchen des Sanhedrin mehr Ansehen und Gewicht verleihen. Der Aufruf war in vier Sprachen (französisch, deutsch, italienisch und hebräisch) abgefasst und scheust an die bedeutendsten jüdischen Gemeinden in den verschiedenen europäischen Ländern geschickt worden zu sein. Als Termin für die Constituirung der Versammlung war der 8. Marcheschwan — 20. October angegeben.*) Der Zusammentritt des Sanhedrin verzögerte sich jedoch durch die ernsten politischen Ereignisse, die im letzten Viertel des Jahres 1806 die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Eine Woche nach der Ankündigung des Sanhedrin durch die kaiserlichen Commissäre war der Kaiser bereits — wie wir aus den Tagesblättern jener Zeit entnehmen — seinen vorausgeschickten Garden zur Armee nach Mainz nachgereist, um den Krieg gegen Preußen zu führen. Bald erdröhnte der Kanonendonner von Jena (14. October) und ließ die inneren Angelegenheiten des französischen Reiches noch mehr in den Hintergrund treten. Mit welch' fieberhafter Spannung die Pariser Judenheit die kriegerischen Ereignisse begleitete, sehen wir aus dem Umstande, dass sie sich schon am 22. October zur Feier des Sieges von Jstna mit den dort anwesenden Deputaten in ihrer HauptsynagW lletsammelte und weit früher als in den christlichen Kirchen einen Dankgottesdienst abhielt. Der officielle „Moniteur" hatte an diesem Tage noch nicht einmal das Bulletin der Schlacht gebracht. Die Juden hatten eben besonderen Anlass, mit den Kundgebungen ihrer Loyalität nicht zu säumen. Aber gerade das starke Hervorkehren französischen Nationalgefühls — man könnte fast sagen: eines französischen Chauvinismus — bei den Juden von Paris und den dort versammelten fremden Deputirten musste die Israeliten anderer Länder von der Betheiligung an dem großen jüdischen Convent zurückhalten, zu dem sich das Sanhedrin nach dem Wunsche seiner Urheber *) In einem Wiener Exemplare des Aufrufs, in deutscher Sprache, mit beigeschriebener hebräischer Uebersetzung, das mir von meinem Freunde, Herrn Dr. S. Frankfurter in Wien, gütigst zur Verfügung gestellt wurde, findet sich in einer Fußnote die Bemerkung, dass das angegebene Datum nicht die letzte Frist sei, und dass auch die später Kommenden ebenso wohl ausgenommen werden würden, als hätten sie sich zur bestimmten Frist eingestellt. Diese Bemerkung darf uns nicht auf zu geringen Sinn für Pünktlichkeit in der jüdischen Versammlung schließen lassen, sondern ist wohl nur aus der richtigen Erkenntnis hervorgegangen, dass der im Ausruf angegebene Termin nicht werde eingehalten werden können. gestalten sollte. In den Staaten, die unter Napoleon's Botmäßigkeit standen, besonders im Gebiete des Rheinbundes, wurde zwar dem Zusammentritt des Sanhedrins mit hohen Erwartungen entgegengesehen. Von der Entsendung von Deputirten aber hielten sich auch fast alle Gemeinden dieser Länder, zumeist wohl aus Scheu vor den hohen Spesen, zurück, die ihnen dann zur Last gefallen wären. Nicht jede Gemeinde konnte, wie die von Frankfurt am Main, die Kosten von 2750 Gulden aufbringen, die — nach Ausweis der bei den dortigen Gemeindeacten liegenden Quittungen — für die Frankfurter Deputirten aufgewendet wurden. Und doch war selbst in dieser reichen Gemeinde, wie aus den Gemeindepapieren von 1807 hervorgeht, durch notarielle Acte Protest dagegen eingelegt worden, „dass die Kosten für die Deputation nach Paris mit 1 Gulden vom 1000 als Zuschlag zur Schatzung zu erheben sei", und der Vorstand hatte sich entschließen müssen, diese außerordentliche Umlage auf 1f2 Gulden vom 1000 zu ermäßigen und auch dies als freiwillige Beiträge zu quittiren. Aus dieser Angabe in den Gemeindepapieren*) sehen wir jedenfalls, dass die Gemeinde Frankfurt bei dem Sanhedrin in Paris vertreten war, und nicht blos ein dortiger Verein, der allerdings seine besonderen Vertreter nach Paris gesandt und schon vorher die Deputirtenversammlung in einer begeisterten Adresse begrüßt hat.**) Außerdem war nur noch die Separatgemeinde Adat Jeschurun in Amsterdam bei dem Sanhedrin vertreten. Die Frankfurter dürften wohl durch die Nachbarschaft der damals französischen Gemeinden Mainz und Bingen, sowie durch die politische Stellung ihres damaligen Landesherrn, des Fürsten-Primas Dalberg, der ein großer Bewunderer Napoleon's war, zur Betheiligung am Sanhedrin veranlasst worden sein. Der Eine der beiden Frankfurter Gemeindedeputirten war der Rabbiner Salamon Prier, der 1847 im Alter von fast 90 Jahren gestorben ist; der Andere soll, wie mir von dort mitgetheilt wird, der gleichfalls hochangesehene R. Beer Adler gewesen fein. (Fortsetzung folgt.) Gemeindebote. Wien. (Aus der Plenarsitzung des Cultusvorstandes vom 24. Mai 1899, unter dem Vorsitze des Präsidenten, kaiserlichen Rath H. Klinger.) An Spenden sind eingelaufen: Aus den Sammelbüchsen im Tempel Seitenstettengasse: Für die Armenanstalt fl. 101-401/2; für die Chewra Kadischa fl. 73-00; fürarme Kranke fl. 6-—; von Herrn Carl Marschall für bedürftige Wöchnerinnen fl. 500-—; von Herrn Hermann Kohn anlässlich des Hinscheidens seiner Frau Nanette für das Waisenhaus fl. 50-—, für das Versorgungshaus fl. 25'—, für die Chewra Kadischa fl. 25-—, zusammen fl. 100 —; von Herrn Carl Heinrich Sichel für Arme fl. 15-—; Anonymus durch Herrn Verwalter Bäcker für das Alterversorgungshaus fl. 8-—; von Herrn Adolf Jellinek für das Blinden-Justitut fl. 20-—, für das Äaubstummen-Jnstitut fl. 20'—, für das Altersversorgungshaus fl. 20'—, für das Waisenhaus fl. 20 —, für die Armenanstalt fl. 20'—, zusammen fl. 100'—. Im Einlaufe befindet sich ein Dankschreiben des Herrn Dr. Grünfeld für das ihm anlässlich seiner silbernen Hochzeit über Veranlassung des Präsidiums zugekommene Gratulationsschreiben. Der Präsident nimmt Anlass, das anwesende Vorstandsmitglied, Herrn Dr. Grünfeld, auch mündlich nochmals zu *) Ich verdanke ihre Kenntnis der freundlichen Mittheilnng des Herrn Rabbiners Dr. M. Horowitz in Frankfurt am Main. **) Vgl. Bran, Gesammelte Actenstücke :c. p. 377 und 393, Graetz, Geschichte der Juden, XI., 293

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