Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 19 (1.6.1899)
- Date
- 1899-06-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 19. Männern bis in die Dreißig hinauf und 'kleine herzige Kerlchen bis zu Zwölf hinunter zusammen, um den Tempelgesang zu pflegen. So groß war der Andrang, dass cs angezeigt schien, diese Zionssänger und -Sängerchen in zwei Chöre zu theilen. Die einen heißen „Zion", die anderen „Bne Zion". Erstere recrutiren sich aus der Schuljugend, eventuell auch Handelsbeflissenen, letztere aus Handwerkern. Aber auch die Vorsehung kam diesem idealen Streben hilfreich entgegen. So wie die Zionsbewegung nur durch Anregung nur weniger Aschkenasim in Fluss gerathen konnte, so fand diese musikalische Bewegung ihre Existenzmöglichkeil nur dadurch, dass wir hier einen musikalisch begabten Zionisten in der Person des Herrn Rothschild aus Agram haben, welcher die Einschulung der Chöre übernahm und in einer sehr kurzen Frist den Sabbath-Gottesdienst choralisch abhalten konnte. An dieser Stelle sei diesem braven, freiwilligen Chormeister und Dirigenten der Dank aller Jener gesagt, welche von dieser neuen Gebetweise erwarten, dass sie das Wunder vollzieht, das von Betern verwaiste Gotteshaus zu füllen. Die Erscheinung des Chorgottesdienstes entbehrte nicht ihres exotischen Anstriches, indem der Vorbeter (Chasan) nach Minhag Sefard betete, während die Aussprache die altpolnische geblieben und der Chor in der deutschen Sprache respondirte. Unserem Vorbeter gebührt Lob und Anerkennung, dass er sich selbst beherrschte und seine Mesinai-Weisen dem Chor anzupassen verstand. Es versteht sich von selbst, dass es Sulzer war, der gesungen wurde — und so leben die Geister seiner Töne zwei Decennien nach der Verewigung des Meisters auf einem von der Cultur fernab gelegenen Wellwinkel wieder auf. Die neuen zionistischen Chöre werden ihre Repertoirs nur aus jüdisch-nationalen Quellen schöpfen, überhaupt alle modernen Zionsgesänge zum Vortrag bringen, um auf diese Weise jüdische Festlichkeiten überhaupt zu ermöglichen und das jüdische Gefühl durch die Macht des Gesanges zu beleben. Vorläufig Hallen sich die Spaniolen noch abseits von der so ganz unschuldigen Reform auf dem Gebiete des Gottesdienstes und gestatteten dem zweiten Chor nicht eine Synagoge zur Abhaltung desselben. Allein die Zeit drängt, und die Verhältnisse erheischen es gebieterisch, dass das neuzubauende große Gotteshaus, als der Consistorialtempel der Juden in Bulgarien, allen modernen Anforderungen entspreche, da kann der alttürkische Gesang, richtiger Sinsangweise, nicht mehr auf der Tagesordnung stehen. Das Fürstenhaus in Bulgarien, wie die Regierungen haben das Recht auf Abhaltung von nationalen Feierlichkeiten seitens der Juden, und da kann die spaniolische Gemeinde, Landeshauptgemeinde, den bulgarischen Behörden nicht zumuthen, durch die jüdischen Gebete an die türkische Zeit unliebsam gemahnt zu werden. Unser menschenfreundlicher Fürst Ferdinand hat in Wien Gelegenheit genug gehabt und genommen, den gehobenen Sulzer'schen Gottesdienst zu vernehmen. In seiner Residenzstadt Sofia kann ihn eine derartige melodische Reminiscenz aus Wien angenehm berühren. Heute findet die erste Trauung mit Chorgesang im deutschen Gotteshause statt. (Zur Rabbinerwahl.) Es verdrießt uns fast, die Feder einzutauchen, um auf diese chronische Krankheit — Rabbinerwahl genannt — zurückzukommen. Wir thun es doch, um Anfragen, die von verschiedenen Seiten an uns gestellt wurden, wenigstens im Allgemeinen zu erwidern. Wir haben schon früher darauf hingewiesen, dass das Consistorialstatut vielen Anstoß erregt und zum Nachdenken über die Hegemoniegelüste der Macher von Sofia anregt, weshalb sich viele Gemeinden in Stillschweigen hüllen. Es lässt sich noch nicht absehen, wann die Vertreter der drei Consistorien in Sofia erscheinen werden, um das Statut durchzuberathen, wann ferner die Regierung dasselbe bestätigt und die Wahl des neuenGrand-Rabbins vorgenommen werden könnte. Störend in den ganzen Gang der Rabbinatswahl greift auch der Umstand des Cabinetswechsels, der eine ganze Verschiebung der Kräfte, eine Zersetzung der bis nun bestandenen legislativen und gouvernementalen Kreise und eine Umgestaltung zu anderen Verbindungen herbeiführte. Erst galt es, die Wahl in die Sobranje, jetzt wiederum die der Gemeinderäthe durchzufühl en, daun die der Handelskammer — natürlich müssen die Neuwahlen der israelitischen Gemeinde-Repräsentanzen folgen. Die Frage dtv "öi bzw ispa ab 'vi 'v beschäftigt nunmehr alle Gemüther. Die Erwartung, dass bei diesem allgemeinen Umbau in den Verwaltungskörperschaften neue Männer an's Ruder gelangen, lässt die zionistische Partei nicht ruhen. Gar Vieles haben die Zionisten in der Konferenz in Philippopel getadelt, gar Vieles besser zu machen sich vorgenommen. Es handelt sich darum, die nöthigen Angriffs- und Stützpunkte für die neuorganisirende Thätigkeit zu gewinnen. Vielleicht gelingt es ihnen, aus diesem allgemeinen Tohuwabohu als Sieger hervorzugehen. Vorläufig steht der Minister Radislawow noch auf sehr schwankender Basis. Die außerordentliche Sobranje steht vor der Thüre. Gelingt es dem Ministerium, ein halbwegs glimpfliches Darlehen abzuschließen, dann erst wird man von einer neuen Epoche liberaler Regierung, von einer Besserung der Zustände im Allgemeinen, wie der Juden insbesondere, sprechen dürfen. Es ist höchste Zeit, dass die 40.000 jüdischen Seelen, welche einerseits im Dunkel und Dickicht der Unwissenheit einherschreiten, anderseits auf den Fittigen des französischen Zeitgeistes in das entgegengesetzte Lager einer unjüdischen äußersten Assimilation fortgetrieben werden, unter die Hände von intelligenten, noch gutjüdisch gesinnten Männern gelangen, auf dass die Geistesschwachen erstarken, ihr in Abnehmen begriffener Charakter wieder das altehrwürdige Nackenfest erhalte, da sonst schlimme Dinge kaum sich abwenden ließen. Auch unsere Alma in der A. I. U. möge ihr Assimilationssystem abschütteln, wie nicht minder die von ihr in jenem Geiste erzogenen Leiter und Lehrer ihrer Schulen. In Sofia happert es stets mit der Auswahl ihrer Schulleiter — das Maß der Sünden ist zum Ueberfließen voll — Caveant consules. Dr. S. Napoleon I. und die Zudem Von vr. A. Feilchenfeld, Hamburg. (Fortsetzung.) Außer der französischen Consistorialverfassung sollte aber auch noch ein anderes Resultat der Berathungen und Beschlüsse der Deputirtenversammlung gewonnen werden. Der Kaiser wollte nämlich — wie er der Versammlmtg durch besondere Abgesandte in der Sitzung vom 18. September 1806 kundthun ließ — eine gewisse Garantie dafür besitzen, dass die in den Antworten ausgesprochenen Grundsätze in Zukunft auch ganz befolgt würden. Er wünschte die Antworten in Entscheidungen umgewandelt zu sehen, die in den Augen aller Juden eine den Bestimmungen des Talmud gleichstehende Geltung haben sollten. Zu diesem Zwecke schlug derKaiser vor, ein großes Sanhedrin zusammenzuberufen und in ihm eine Behörde zu erneuern, die im Stande wäre, feste Normen für die jüdische Glaubens- und Sittenlehre aufzustellen und das jüdische Gesetz von allen falschen Auslegungen zu reinigen. An Zahl der Mitglieder und in den äußeren Formen sollte es ein Abbild des alten Sanhedrin der Einundsiebzig darstellen, das einst im Tempel zu Jerusalem getagt und Gesetzesentscheidungen von allgemeiner Giltigkeit für Israel gegeben hatte. Zwei Drittel der Mitglieder sollten Rabbiner sein; dazu traten noch 25 Laien, die von der Deputirtenversammlung aus ihrer eigenen Mitte gewählt wurden. Diese Versammlung hatte überhaupt die Constituirung des großen Sanhedrin vorzubereiten, insbesondere den bevorstehendenZusammentritt desselben allen Synagogen Europas anzuzeigen. In dem Aufruf, den hiernach „die Versammlung der Abgeordneten der französischen und englischen Israeliten" am 24. Tischri — 6. Oktober an ihre Glaubensgenossen in den ver-