Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 19 (1.6.1899)
- Date
- 1899-06-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 19 Die Wahrheit. Seite 5. Die Friede»s-Cousemy. Ein allgemeiner Völkerfrieden soll anbrechen, und im Haag tagt die Conferenz aller bewaffneten Mächte, um den mit den schwersten Blut- und Geldsteuern auf der Scharfe des Schwertes erhaltenen Frieden in papierene Paragraphe zu fassen. Ob es diesem Areopag gelingen wird, der sich ewig gleichbleibenden Natur andere Gesetze vorzuschreiben und andere Triebe einzugeben, wollen wir der Zukunft überlassen. Höhnisch lächelnd erzählt die Vergangenheit, dass die im Jahre 1815 geschlossene „heilige Allianz", welche den ewigen Frieden anbahnen sollte und ebenfalls von einem russischen Kaiser Alexander I. angeregt wurde, sich nicht nur einer sehr kurzen Lebensdauer erfreute, sondern auch den Keim zur schärfsten Reaction und zur Knebelung der Völkerfreiheit legte. Es ist jedoch nicht Zweck dieser Zeilen, von den allgemeinen Aussichten der Friedens-Conferenz zu sprechen, wir wollen uns vielmehr nur damit beschäftigen, welchen Einfluss dieselbe im Falle eines glücklichen Gelingens auf die Lage der Juden in Europa und hauptsächlich in Oesterreich nehmen könnte. In dem von bekannter Seite so sehr gelästerterten Talmud heißt es: „Härter trifft den Menschen eine schlechte Zucht im eigenen Hause als die Kriegszeit des Gog und Magog." Als eine schlechte Zucht sind immerhin alle Jene zu bezeichnen, deren Handlungen nicht durch moralische Triebfedern, sondern durch Neid, Missgunst und Scheelsucht angeregt werden. Solche Menschen strengen fortwährend ihr Gehirn an, Macht und Mittel zu finden, um jene Mitbürger, die nicht in ihrem Fahrwasser schwimmen und auf die niedrige Stufe ihrer Gesittung hinabsteigen wollen, gewaltsam zu unterdrücken. Das Schädlichste bei diesen Leuten aber ist, dass sie ihre verwerflichen Thaten mit dem Glorienschein der Religion zu umgeben trachten und so Niedertracht, Bosheit und Gemeinheit als gottgefällige Eigenschaften darstellen. Was kann also einem Volke, bei dem eine solche Elaste von Menschen bestimmenden Einfluss hat, der äußere Frieden nützen? Sein Nachbar wird es wohl in Ruhe lassen, sein innerer Feind aber nicht. Die böswillige Brut wird es immer aus seiner Ruhe aufstören, und nie um Gründe und Ursachen verlegen sein, die schwache und wehrlose Minorität zu unterjochen. Man beginnt doch kein Haus vom Gesimse an zu bauen, sondern man muß zuvor einen festen Grund gelegt haben, wenn es für die Dauer feststehen soll. Die Mächte, die so sehr für den Völkerfrieden besorgt sind, mögen erst in ihren eigenen Ländern allen ihren Angehörigen, ohne Unterschied der Elaste und Confession, den Frieden sichern, dass Niemand, welchen Glaubens er auch sei, der bösen Clique, möge sie sich noch so heilig geberden, ausgeliefert sei und täglich und stündlich für sein Leben, für seine Habe und Ehre zu zittern brauche. In. Russland, von wo zum zweitenmale die Anregung zum Völkerfrieden ausgeht, wohnen bei fünf Millionen Menschen, die mitten im tiefsten Frieden noch ärger als Besiegte und Gefangene behandelt werden. Diese fünf Millionen werden, nur weil sie den einig einzigen Gott an beten und zur mosaischen Religion sich bekennen, als Menschen zweiter Elaste betrachtet, sie sind jeder Unbill, allen Chicanen sowohl von Seiten der Behörden als der Bevölkerung ausgesetzt, und erst vor kurzer Zeit wurde in Nikolajew ein Blutbad unter ihnen angerichtet und Viele durch Raub und Plünderung zu Bettlern gemacht. Aber nicht nur den eigenen jüdischen Unterthanen, sondern den Inden aller Länder wird von dieser friedenstiftenden Macht der unerbittliche Krieg erklärt. Christen, Mohammedanern und Heiden ist der freie Eintritt in's Czarenreich gewährt, um dort Handel und Gewerbe zu treiben, nur dem Juden werden die größten Hindernisse in den Weg gelegt. Die Ursache dieser Behandlung aber liegt durchaus nicht in den Geächteten, nur einzig und allein darin, dass diese keinen maßgebenden Schutz hinter sich haben, und gewiss würde es auch den Mohammedanern und sonstigen Glaubensangehörigen, die sich nicht zur russischen Kirche bekennen, so ergehen, wenn sie sich keiner autoritativen Macht erfreuten, die ihrem Bedränger jedes ihnen zugefügte Unrecht mit gleicher Münze vergelten würde. Und hier in Oesterreich? — Wohl muß noch immer von jedem gesetz- und rechtliebenden Menschen dem guten Willen der Negierung Anerkennung gezollt werden. Sie will es und sieht es recht gerne, wenn die jüdischen Bürger von ihren Missgönnern nicht verfolgt und ihrer im Schweiße ihres Angesichtes erworbene Habe nicht beraubt werden. Sie will es, aber welche Schutzmittel sind seit dem Aufblühen des Gesetz und Recht verachtenden Antisemitismus von der Regierung angewendet worden, dass die Juden nicht ungehindert, beschimpft, überfallen und ausgeraubt werden? Bei Plünderungen jüdischer Habe ist noch immer ausgiebige militärische Hilfe erst dann gekommen, wenn die Raubgier theilweise befriedigt wurde und viele jüdische Existenzen zugrunde gegangen waren. Und wer wird nicht mit einbekennen, dass ein solcher Zustand Krieg gegen die Juden bedeutet, ja nicht gegen diese allein, sondern gegen die ganze Staatsverfaffung. „Denn" — so sagt Plutarch — „Niemand erschüttert die Staatsverfaffung gleich anfangs durch ein grobes Verbrechen, aber wer es im Kleinen nicht genau nimmt, vernichtet auch allmählich die Sorgfalt für das Größere." Das sollten sich die Regierungen zu Herzen nehmen, und gerade jetzt, da die Friedensconferenz im Haag bestrebt ist, allen Völkern, also auch allen Menschen ohne Unterschied ihres Glaubens- Bekenntnisses, Friede, Ruhe und Sicherheit zu verschaffen. I. Jnfeld, Baden. 3nm Anträge t>. Lneger's. Vor Kurzem brachte Dr. Lueger im niederösterreichischen Landtage einen Antrag ein, es möge für eine ausreichende Heranbildung christlicher deutscher Aerzte gesorgt werden. Wir möchten Herrn vr. Lueger auf ein Wort aufmerksam machen, dass die „Germania" — gewiss kein philosemitisches Blatt — gelegentlich des Todes des als Juden geborenen Reichsgerichts-Präsidenten Simson brachte. Daselbst heißt es: „Als der bayerische Abgeordnete Völck den Präsidenten Sims o n einmal nach einer anstrengenden Sitzung frug, was er nun beginnen werde, soll Simson die Lectüre von zehn Seiten Homer, Völck dagegen für sich den Genuss von zehn Krügen Bier angezeigt haben." Wenn Lueger über die Tragweite dieser Worte Nachdenken wird, so wird er den arischen Studenten ebensolchen Fleiß, solche Ausdauer und ebensolche Hingebung für ihren Beruf an's Herz legen, wie es bei der Mehrzahl der jüdischen Studenten der Fall ist — und sein Antrag wird überflüssig sein. Oder sollte es eine Todsünde sein, den jüdischen Studenten als Muster hinzustellen? Dr. B. Jus Snlgarien. (Die Stimme Sulzer's über dem Balkan.) Wenn der große Sangmeister jetzt aufstände, der Sangmeister, welcher die Kindheit der Assimilation so herrlich bis zu ihrer Lebenshöhe begleitete, würde es ihm vielleicht nicht ganz genehm sein, zu erfahren, dass seine herrlichen Gesänge von Zionisten in Anspruch genommen werden, um den Gottesdienst in seinen Tönen zu erheben. Ein wunderliches Volk die Zionisten. Man denke sich, junge Leute, die stets dem näselnden Gesang (?) ihrer spaniolischen Vorbeter zu folgen pflegten, fühlten sich angeregt, ihrer Station eine edles Geschenk, das Gold ihrer Kehle zum Opfer zu bringen. Es drängt sich ihnen das Gefühl auf, dass ein Volk, welches vor 3000 Jahren bereits unsterbliche Hymnen dem Gott und Erlöser aus der ägyptischen Sclaverei sang, ein Volk, welches in mächtigen Chören den jvxt» Psalmodirte — eine so zwerghafte und kindische Gesangsweise in unserer sangesreichen und sangesfrohen Zeit in den Gotteshäusern noch aufrecht erhalte. Dank diesem aufrüttelnden Bewusstsein fand sich eine recht ansehnliche Zahl von jungen \