Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 19 (1.6.1899)
- Date
- 1899-06-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 19. soll. Man darf nicht der Gefahr leben, dass Jene, die heute den Boden urbar machen, den Garten pflanzen, Reben ziehen und Thiere züchten, morgen durch einen Ferm an aus dem mühselig erworbenen Besitz verjagt werden, wie es so oft in Russland und Rumänien geschah. Die Nothwendigkeit der Coloniegründungen zeigt eben, dass selbst im vorgeschrittenen Europa, bei der Morgenröthe des zwanzigsten Jahrhunderts, eine Judenverfolgung möglich ist — wie noch im fernen Morgenlande, wo nicht nur die Laune, die Charaktereigenschaft des jeweiligen Herrschers, sondern auch der Einfluss der fremden Mächte, der Mönche, Geistlichen und religiösen Vereine zu befürchten sind, wenn nicht Sicherstellung erlangt und eine Repräsentanz für die stets exponirten jüdischen Interessen geschaffen wird. Darüber kann nicht zweierlei Meinung herrschen, sondern über den Noäus proetzäenäl — nun, über den könnte man doch in ruhiger, von gegenseitiger Achtung getragener, leidenschaftsloser Discussion verhandeln, ohne das Misstrauen in die unteren Schichten zu werfen, ohne unseren Feinden das Schauspiel moralischen Zerfieischens zu geben. In der jüdischen Presse soll es nicht wie in der Wiener Gemeindestube zugehen und an die Stelle von Raisonnements, Verdächtigungen und Beleidigungen treten — sie sei mit Ausschluss persönlicher Rivalitäten und Gehässigkeiten, dem inneren Frieden, den verschiedenen Hilfsbestrebungen, den gemeinsamen Zwecken und Interessen gewidmet; sonst übt sie Verrath am eigenen Volke l Teplitz, 24. Mai. Leo Herzberg-Fränkel. Die jüdische Rationalität. Von vr. I. Kahau. Dass es eine deutsche, czechische, polnische und weiß Gott was noch für Nationalitäten gibt, weiß Jeder, der auch nur irgend einem Winkelblättchen seine geistige Nahrung verdankt. Und jeder Mensch weiß auch genau, welcher Nation er angehört, obwohl weder die Reinheit das Stammes feststeht, noch die Muttersprache irgendwie dafür maßgebend sein kann. Der Jude aber, dessen Stamm unter allen anderen am reinsten geblieben ist, darf keine Nationalität haben. Mit großer Gelehrsamkeit hat man es vielfach unternommen, den Beweis zu führen, dass der deutschredende Jude der deutschen, der czechischredende Jude der czechischen Nationalität angehöre — beileibe aber nicht der jüdischen! Ich kenne mehrere Polen, welche ausgezeichnet deutsch, wohl auch französisch und englisch sprechen, die sich aber schönstens für das Compliment bedanken würden: sie gehören nicht der polnischen Nation an. Woher diese sonderbare, der Stimme der Natur hohnsprechende Erscheinung? Der moderne Jude, welcher urtheilslos genug ist, die jüdische Nation für m i n d e r w e r t h i g zu Hallen, weil sie unter den anderen Nationen minderberechtigt ist, und der wohl gar die Erzväter für mythische Persönlichkeiten hält, hat jedenfalls seine Gründe, wenn er seine jüdische Nationalität einfach leugnet und sich und Anderen einreden will, er gehöre etwa der deutschen Nation an, wobei er aber t.n der Regel höchstens sich selbst täuschen kann. — Aber der fromme Jude, dem das *Dmrn nna ein Glaubensartikel ist, dessen heilige Schriften, dessen tägliche Gebete in unzähligen Variationen die Ewigkeit des jüdischen Volkes, der Nachkommen Abrahams, Jstraks und Jacobs betonen; der fromme Jude, der immer sich nur^an den Gott seiner Väter wendet, dem das fror, dass Verdienst seiner Vorfahren eine unentbehrliche Stütze seines Goüj- Vertrauens ist — wenn ein solcher Jude die jüdische Nationalität leugnet, so könnte es als unlösbares Räthsel erscheinen, wenn wir nicht wüssten, dass auch ein frommer Jude — verschroben denken kann! Weil nämlich die Kinder Israels eine Religion haben, welche auch andere Völker haben können, und weil jeder Bekenner der jüdischen Religion, wenn auch ungenau, Jude heißen kann, so gehört der Nachkomme Israels und Judas — nicht zur jüdischen Nationalität, es gibt also überhaupt keine jüdische Nationalität, sondern nur eine jüdische Religion! — Wem dies zu toll erscheint, dem kann nicht gut unrecht gegeben werden. Während nun der Zionismus in seiner Betonung der jüdischen Nationalität allen Juden, die sich als solche nicht zu erkennen geben wollen ein Dorn im Auge ist und alle jenen Rabbiner zu natürlichen Gegnern hat, welche in der christlichen Predigtliteratur mehr Bescheid wissen, als in der jüdischen Nationalliteratur und deren ganze Weisheit in der Nachahmung fremder Gebräuche und Pastoralen Gebahrens besteht; so ist die Gegnerschaft der frommen Juden völlig unbegründet und beruht höchstens auf dem Trugschluss, dass die officiellen Vertreter des Zionismus mit der Grundlage des Zionismus, der jüdischen Nationalität identisch sei. Jene wollen sie aus religiösen Gründen nicht anerkennen, und stellen deswegen diese in Abrede. Sollte in diese Geistesfinsternis kein Licht gebracht werden können? Von der ganzen zionistischen Literatur dürfte wohl kaum ein zweites Werk geeignet sein, die Lächerlichkeit der Modernen bloßzulegen und den Jrrthum der Frommen klar zu machen, wie die jüngst bei M. W. Kaufmann in Leipzig in zweiter Auflage erschienene Schrift von M. Heß „Rom und Jerusalem", welche wir getrost das Hohelied der jüdischen Nationalität nennen dürfen. Die classische Sprache, der hohe philosophische Standpunkt, das warme jüdische Herz, welches dem Verfasser die Feder führte, geben dem Werke einen eigenen Reiz und verschaffen dem Leser einen eigenartigen Genuss. Mit welcher Begeisterung spricht er, welcher der allermodernste Deutsche hätte sein können, von seinem, von dem jüdischen Stamme? Wie erquickend ist sein jüdischer Trotz, wenn er den Namen Moses adoptirt und nur bedauert, dass er nicht — Jtzig heiße! Wie verächtlich spricht er von den jüdischen Reformatoren, welche ihre theatralischen Vorstellungen zum Besten geben und Alles, was 'an die jüdische Nationalität erinnert, aus Lehre und Cultus beseitigen! Wie warm tritt er für die hebräische Sprache und für — das orthodoxe Judenthum ein, welches nur von Hohlköpfen verspottet werde! „Kein altehrwürdiger Gebrauch," so ruft Moses Heß aus, „sollte mir abgeschafft, kein hebräisches Gebet verstümmelt, oder nur in deutscher Uebersetzung vorgetragen werden, kein Festtag, kein Sabbath verkürzt, oder gar auf einen christlichen verlegt werden."*) Und das spricht ein Mann, der in Spinoza die höchste Offenbarung des jüdischen Genius erblickt! Man kann eben überzeugter Spinozist sein und dabei mit Inbrunst die Gebetworte sprechen: Heil uns, dass wir Juden sind! Und das ist der größte Triumph der jüdischen Nationalität! — *) Ja, für den vielgeschmähten Opfercultus weiß unser Autor eine Lanze einzulegen. — „An und für sich," sagt er, „enthält der Opfercultus, wie er in der Bibel für den auserwählten Ort vorgeschrieben ist, durchaus nichts der Humanität Widerstrebendes. Den scheußlichen Menschenopfern der Völker gegenüber, welche die Israeliten von allen Seiten im Alterthum umgeben hatten, war er im Gegentheil der schönste Sieg der Humanität. — Aber freilich," fährt er fort, „der Opfercultus ist seit achtzehnhundert Jahren nicht mehr Mode; darum schämen sich dessen unsere neumodischen Jude n."