Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 18 (24.5.1899)
- Date
- 1899-05-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Hesterr.-ungcrr. Kcrrrtoren-Ieitung. Nr. ^8. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit". 19- Iahrg. Indische Melodien Im „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" war ein Discussionsabend der Frage der jüdischen Melodien gewidmet. Rabbiner vr. Ackermann aus Brandenburg a. H., der vor Jahren bereits in seiner Schrift „Der synagognle Gesang" (Winter und Wünsche's Anthologie) dieser Frage zum erstenmale wissenschaftlich nühergetreten war, hielt den einleitenden Vortrag. Redner knüpfte nach einer allgemeinen Einleitung an das Gedächtnis Steinthal's an, der nicht lange vor seinem Heimgang einen Aufruf zur Sammlung und Sichtung der jüdischen Melodien hatte ergehen lassen und damit eine Fülle neuer Meinungen, Discussionen, Projecte hervorrief. Diese vielfachen Meinungen z. B. über das Verhältnis des polnischen Chasanus zum deutschen, über den Einfluss der fremden Melodien, über die Aehnlichkeiten der katholischen Liturgie u. s. w. legte I)r. Ackermann nach einander dar und nahm zu denselben Stellung. Die Grundlage seiner Vorführungen aber bildete das namentlich von Breslau in seiner jüngst erschienenen Schrift erörterte Princip der Originalität unserer Synagogenmelodien. Auf der einen Seite stimmte Redner der Ansicht Breslauer's durchaus zu, dass nämlich jegliches Merkmal einer äußeren Originalität bei den Synagogenmelodien verschwinde, und zwar deshalb, weil alle Charakteristika derselben auch bei den Musiken anderer Völker sich finden, daher als Zeichen der Ursprünglichkeit gerade für die jüdischen Gesänge nicht zu halten vermögen. Anderseits wies Redner ausführlich das entschiedene Vorhandensein einer Art Originalität in dem Sinne nach, als zahllose unserer Melodien ohne Zweifel aus unserer Mitte hervorgegangen seien, Schöpfungen jüdischen Geistes und jüdischer Gemüthstiefe darstellen. Allerdings werde der Forscher wiederum misstrauisch angesichts der ungeheueren Ausdehnung, welche die Einführung fremder, außerjüdischer Melodien in den Gottesdienst aufwies; so komme es, dass ohne Zweifel die äußere Originalität unserer Gesänge eine mehr als fragwürdige sei. Redner trat dann der Meinung entgegen, als ob uns diese Erkenntnisse ein Recht gäben, nun schlankweg mit einer gewissen Nichtachtung von unseren Melodien zu reden. Man dürfe nicht vergessen, dass wichtiger als die äußere die innere Originalität sei, die sich darin ausspreche, dass zahllose unserer Synagogengesänge mit dem innersten Empfinden des fühlenden Juden verwachsen seien und ein Element religiöser Erhebung darstellen, das aus unserem Gottesdienst überhaupt nicht mehr entfernt werden kann. Redner wies an einigen Beispielen aus Wagner's Musikdramen nach, wie diese innere Ociginalität, die dem Gefühlsinhalt des Textes gerecht wird, durch äußere Anklänge an fremde Tongänge nicht im Geringsten alterirt wird. Allerdings sei zur Wahrung dieser inneren Originalität in erster Linie die Erhaltung der hebräischen Gebetstexte nothwendig, während durch Uebertragung unserer Melodien auf deutsche Texte gerade das Original-Jüdische verloren gehe, das eben von dem altehrwürdigen Klang der hebräischen Gebetssprache nimmermehr zu trennen sei. Dabei enthalte die von anderer Seite gerügte und kritisirte Thatsache, dass unsere Melodien nicht immer mit den zugehörigen Texten übereinstimmen, gerade ein Element der V o l k s t h ü m l i ch k e i t. Denn unsere Weisen geben ebenso wie die Strophenlieder zahlreicher Volksgesänge stets nur die A l l g e m e i n st i m m u n g des Textes wieder, ohne jeder einzelnen Gedankenregung nachzugehen. Besonders ausführlich behandelte I)r. Ackermann die Frage des Zusammenhanges unserer Recitationen mit der altchristlichen Liturgie, wie sie sich im gregorianischen Gesang erhalten habe. Redner begründete eingehend die hohe Wahrscheinlichkeit der Hypothese, dass wir in der synagogalen und in der katholischen Liturgie zwei getrennt nebeneinander hergehende Traditionsketten vor uns haben, die beide aus einen gemeinsamen Quell, nämlich auf die altjüdische Recitationsart zurückgehen, wie sie schon in der Tempelzeit Brauch war. Die von Oscar Fleischer in seinen „Neumenstudien" gewonnenen Resultate hat Ackermann geschickt verwerthet und in ihrer Bedeutung für die vorliegende Frage vollauf gewürdigt. Eine Anzahl Melodiebeispiele, namentlich der süddeutschen Recitationsart entnommen, erläuterte die Behauptungen des Redners, der somit zwischen Breslauer und Kirschner eine vermittelnde Stellung einnimmt. In den Discussionen sprachen Musikdirector William Wolf und Cantor Friedmann. Gemeinde- und Vereinsbote. Wie«. Die israelitische Allianz zu Wien hält Donnerstag, den 25. Mai 1899, um 6 Uhr Nachmittags, im Saale der israelitischen Cultusgemeinde, I., Seitenstettengasse 4, II. Stock, die 26. ordentliche General-Versammlung. Tagesordnung: 1. Bericht über die Thütigkeit des Vereines im Jahre 1898. 2. Bericht über die finanzielle Gebahrung im Jahre 1899. Wahl von fünf Vorstands-Mitgliedern mit vierjähriger Functionsdauer (8 6 der Statuten). Die Reihe zum Austritte trifft die Herren: vr. M. Güdemann, David Ritter v. Gutmann, Wilhelm Pappenheim, Leopold Trebitsch, Donat Zifferer. 4. Wahl eines Vorstandsmitgliedes mit Ijühriger und eines Beirathes mit Zjähriger Functionsdauer. 5. Etwaige Anträge der p. t. Mitglieder (tz 8 d. Stat.). Wien. Am Sabbath «w: '2 hat Herr Lector Friedmann bei Besprechung des Wochenabschnittes im Beth-Hamidrasch Veranlassung genommen, die Angriffe eines hiesigen Blattes gegen seine Person in würdevoller, aber energischer Weise zurückzuweisen. Er warf einen kurzen Ueberblick auf sein Leben und seine Lehrthätigkeit und rief das äußerst zahlreiche Auditorium zu Zeugen auf, dass jene Angriffe jeder Grundlage entbehren. Seine geistvollen und den Stempel der Wahrheit tragenden Worte wurden mit lautem Beifall ausgenommen. Wien. (Humanitärer Geselligkeits-Verein „Rudolfsbund".) Am 13. Mai fand in S p itz er's Cafo „Dogenhof" (Clnbzimmer) die X. ordentliche General-Versammlung statt. Bei Beginn derselben gedachte der Obmann Herr Josef P o l l a k der Ereignisse im Vorjahre, insbesondere des jähen Todes der vielgeliebten Kaiserin. Die Versammlung erhob sich zum Zeichen der Trauer von den Sitzen. Auch der Wohlthäterin Baronin Hirsch-Gereuth gedachte er in warmen Worten, mehreren mit Tod abgegangenen Vereinsmitgliedern hielt er einen warmen Nachruf. Dem Vorstände wurde pro 1898 das Absolutorium ertheilt. Bei den Neuwahlen wurden die alten Functionäre wieder-, die Herren Di'. Max Weiß, Haller, Gottesmann und Thorn neugewählt. Heuer werden wieder wie alljährlich im Sommer Kegelabende veranstaltet. — Tag und Ort werden den Mitgliedern bekanntgegeben werden. Gäste willkommen. j