Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 18 (24.5.1899)
- Date
- 1899-05-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 18. ermuntern, die schweren, ungefügen Ruder zu heben und in's Wasser zu schlagen. Mit unendlichem Lärm und hitzigem Streite legen endlich die Boote an einem kaum einen Meter breiten Saum an, wo die Hafenpolizei uns zur Douane führt. Der Jude aber, den das historische Bewusstsein, den die unverwüstliche Hoffnung seines unglücklichen Stammes hier den Fuß an's Land setzen lässt, er sieht nichts von dem Gedränge der arabischen Boote, die sich mühen, einander zu überholen, er hört nichts von dem Geschrei und Rusen des Schiffsvolkes und der Bootsleute, von den Befehlen, die in allen Zungen ertönen. Wenn er später einmal den Ort wieder betritt, er erinnert sich nicht, ihn je gesehen zu haben. Aber er sieht in einem einzigen Blicke die ganze hoheitsvolle und gewaltige Vergangenheit des israelitischen Volkes, sieht seine klägliche Gegenwart, all' den Druck und die Knechtschaft, die seit Jahrtausenden auf Israels Söhnen lastet, sieht aber auch zugleich in diesem einen einzigen Blicke die ganze hoffnungsreiche, strahlende Zukunft der jüdischen Nation. Und wenn allen Nationen, die der europäischen Cultur erschlossen sind, Palästina das Land ist, welches fast der gelammten gesitteten Welt das Licht des Glaubens gab, das Land, das von einer höheren Macht dazu bestimmt war, die Weltanschauung einer Welt zu schaffen, so begreift man die Gefühle vielleicht, die den Reisenden bei der Landung in Jaffa beschleichen. Dem Juden aber, der mit bangem Herzen und mit freudig klopfender Brust den Fuß ehrfurchtsvoll auf diesen Boden setzt, ist es noch mehr, unendlich mehr als ein heiliges Land: es ist sein historisches Vaterland. Hier ist es, wo zuerst der Ahne auf eigenem Boden saß, wo die historischen Wunder geschahen, die ihn zu einem Volke wandelten, und wo er jene Cultur schuf, die unerreicht dasteht von allen Völkern und in allen Landen. Hier zuerst und hier allein hat jener gewaltige Culturbau, der sich Moses' als seines Stifters rühmt, die Wirklichkeit gekannt, auf diesem Boden haben die Dichter und Denker, die Sänger und Propheten gelebt, deren Größe wir ahnen, wenn wir in den uraltheiligen Büchern forschen, die uns unter der Bibel ehrwürdigem Namen überkommen sind. Es ist noch derselbe klare Himmel, der sich über dem Haupte Josuahs und seiner Mannen gedehnt hat. Es sind noch dieselben Berge, die den Klang der hohen Lieder vernommen haben. Und wenn wir der Helden gedenken, die für Israels Freiheit und Größe gestritten, Sauls und Jonathans und Davids, der Tausende von den Helden Judas und den Jünglingen Israels, auf diesen Feldern war es, wo sie freudig dem Tode in's Antlitz schauten, wenn es galt, die Freiheit und der Väter Sitte zu schirmen vor dem Joche der Fremden. Jene weite Ebene, die sich vom Meere dehnt bis zum Gebirge Juda und die Berge, die das Land durchziehen, von dem fernen Norden bis zum äußersten Süden, sind die glorreichen Schlachtfelder, auf denen jüdisches Blut geflossen, jüdische Kämpfer gesiegt haben und jüdische Heldenkraft der Uebermacht endlich unterlegen ist. _ (Fortsetzung folgt.) Heimweh. Erzählung von Eduard Kulke. (4. Fortsetzung.) Während hier das Mädchen den Bruder gegen die ihm aufgezwungene Partie in Schutz nahm und den Eltern ihre Meinung von der Sache klar und bündig auseinandersetzte, wanderte Joffes mit traurigen Gedanken im Gemüthe den Feldweg auf ein benachbartes Dorf hinaus, einen Weg, den er oft gegangen allein und mit dem Vater, in lustiger und auch in trüber Stimmung, aber niemals mit solcher Bangnis im Herzen, wie diesmal. Und was beschwerte ihm denn das Herz so sehr? Jossef war ein stiller, sinnender Mensch. Schon als Knabe zeigte er ein träumerisches Wesen. Mit dem Lernen wollte es bei ihm niemals recht vorwärts; der Lehrer beklagte sich oft über seinen harten Kopf, in den nichts hineingehen wollte, und so hatte ihn der Vater fiühzeitig aus der Schule entfernt und in sein Geschäft genommen. Das Geschäft des Vaters, ein ziemlich ausgebreiteter Ochsenhandel, war so recht nach dem Sinne des Knaben. Er hatte es hier nicht mit todten Waarenballen zu thun, die man in jbie Kisten hineinpackt und ans den Kisten wieder herauspackt, die man in das Gewölbe oder in das Magazin hineinstopft, und aus dem Magazin oder Gewölbe wieder herausnimmt, die man auf den Markt führt und vom Markte wieder heimbringt; er hatte es hier mit einer Waare zu thun, die ein Lebendiges war, wie er selbst, die sich regen und bewegen konnte, wie er, die ihren Hunger stillte, wie er; mit einer Waare, der, wie er es oft erfahren, eine fürchterliche, entsetzliche Kraft innewohnte, eine Kraft, die groß genug wäre, eine Welt zu vernichten, wie ihm seine vielbelesene Mutter selbst gesagt. Unb diese Kraft sah er gebändigt von einem Knaben, unterthan sich selbst, sein Ruf genügte, dieses merkwürdige Stück Natur zu leiten und zu führen, wohin er wollte. Dies waren Betrachtungen, die er oft im Stillen anstellte, und die ihm das Geschäft seines Vaters äußerst anziehend erscheinen ließen. So ging er denn, nachdem er der Schule mit Lust den Rücken gewendet, mit noch größerer Lust an die Aufgabe, die der Vater ihm anvertraute. Er ging mit dem Vater auf den Markt, gab genau Acht auf die verschiedenen Eigenschaften der gehörnten Thiere, die er als Vorzüge oder als Mängel kennen lernte, und wonach sich der Werth und der Preis derselben richtete. In wenig Jahren verstand er diese Dinge so gut, dass er manche älteren Händler, die sich auf eine langjährige Erfahrung viel zugute thaten, oft beschämte, und dass selbst der Vater, der in diesen Dingen ein viel gewiegter Mann war, bei jedem Einkäufe das Urtheil des Sohnes hörte und bei gar manchem Geschäftsabschlüsse diesem das letzte Wort ließ. So ging es fort, und Jossef erfreute sich bald in der ganzen Umgebung des Rufes, dass er ein sehr verständiger Geschäftsmann sei. Auch hatte er in seinem Benehmen etwas Leutseliges und Gewinnendes, so dass Käufer sowohl als Verkäufer gerne mit ihm zu thun hatten. Sie kannten ihn, sie wussten, es gAte bei ihm die Maxis: leben und leben lassen! Und es ließ sich mit ihm immer eher fertig werden, als mit einem andern, ohne dass er selbst dabei zn kurz kam. Dies brachte es mit sich, dass sämmtliche Fleischhauer aus der ganzen Umgebung ihre Ochsen bei ihm kauften, und so war er auch in den verschiedenen Fleischbänken der umliegenden Ortschaften ein gern gesehener Gast. Nirgends aber hielt er sich lieber auf, als in dem Dorfe, dem er eben jetzt zuschreitet. Auf den andern Dörfern, kam er allein, oder mit seinem Vater dahin, suchte er seine Geschäfte so rasch als möglich abzuwickeln, um entweder zurück nach Hause oder nach einem andern Dorfe, wohin ihn Geschäfte riefen, seinen Schritt.zu lenken. Hier aber bei dem Fleischhauer Niederhuber schien er niemals große Eile zu haben, hier ließ er sich oft gemächlich nieder, nachdem das Geschäft längst abgemacht war, und an ein Weilerwandern oder an's Nachhausegehen schien er häufig gar nicht zu denken. Und wie sollte er auch. Er musste keine Augen im Kopfe gehabt haben, wenn ihn des Niederhuber's schlankes Töchterlein, die blauäugige blonde Marie, nicht angezogen ünd festgebannt hätte. Der Fleischhauergeselle Honza, der zu der Tochter seines Meisters wie zu einem Stern am Himmel emporblickte, an dessen mildem Lichte sich der arme Mensch wohl erfreuen, nach dem er aber niemals die Hände begehrlich emporstrecken darf, sowie Görg, der reiche Bauerssohn, der Marien schon mit ganz -anderen Augen ansah, mit Augen, in deren Blick sich die Begehrlichkeit schon deutlich genug aussprach, sie beide waren über den Sohn deS Ochsenhändlers nicht im Unklaren, wenn sie zu ihrem Aerger bemerken mussten, mit welcher Freude er dasaß und sein Auge auf der schönen Gestalt der Fleischhauerstochter ruhen ließ, und hätten ihn oft gerne tausend Meilen von da weggewünscht, wenn er sich eben breit machte und keine Anstalt traf zum Weitergehen. (Fortsetzung folgt.)