Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 18 (24.5.1899)
- Date
- 1899-05-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 18. zulegen und dergleichen. Im letzten Jahre hat das Comitä 230 neue Lehrlinge untergebracht, wodurch sich die Gesammtzahl seiner Schützlinge auf 679 erhöhte. Das Comits äußert sich sehr lobenswerth über seine Erfahrungen mit diesem Material. „Es ist zweifellos", heißt es da, „dass aus den ärmeren jüdischen Classen ein ehrsamer und gesunder Handwerkerstand hervorgeht, der seinen reichen Brüdern nur zur Ehre gereichen und der würdig sein wird, den englischen Namen zu tragen." Diese Arider Vereinsthätigkeit kostet auch viel Geld. Blos für die Unterbringung eines Lehrlings müssen durchschnittlich 15 Pf. St. bezahlt werden; ein Betrag, der vom Betreffenden nach Erlangung der Selbstständigkeit zurückbezahlt werden muß. Aber auch dafür bestehen Specialfonds. IV. Arbeitshaus für Mädchen. Hier erlernen jüdische Mädchen sticken, nähen und allerlei Handarbeiten, bekommen aber auch sofort einen Theil des Reinerträgnisses ihrer Arbeiten. Das mit der Leitung betraute Damencomitd beklagt sich jedoch über den noch immer zu geringen Besuch. Im letzten Jahre haben sich 46, im Jahre 1879 42 Mädchen gemeldet. Darum lesen wir im Bericht folgende Aufforderung: „Es erübrigt nur noch allen Jnteressirten in East- End, sowohl die Mädchen, die die Schule verlassen, als auch ihre Eltern auf die Vortheile des Arbeitshauses aufmerksam zu machen. Dann würden die Mädchen zweifellos diese Anstalt aufsuchen, die ihnen soviel Vortheile bietet in Bezug auf die Entlohnung und die gesunden Arbeitsverhältnisse." Lobenswertb ist die Thätigkeit des Sanitäts-Jnspectors, der 1080 Häuser 3047 Mal besucht hat, um ihren sanitären Zustand zu prüfen und eventuell von den Localbehörden Abhilfe zu verlangen oder um die Familien der Lungenleidenden mit den hygienischen Präventiv-Maßregeln vertraut zu machen. Der „Board of guardians“ hat ja das Verdienst, zuerst auf die. Gefahr der Tuberkulose unter der ärmeren Bevölkerung hingewiesen und auch im Jahre 1897 eine besondere Enquete darüber veranstaltet zu haben. Wenn wir das große Gebiet überblicken, auf dem sich der „Board ok guardians" zum Wohle der armen jüdischen Bevölkerung bethätigt, so werden wir uns nicht wundern, dass darauf im letzten Jahre 43.919 Pfund Sterling, also mehr als 500.000 Gulden verwendet wurden. Und man darf wohl ohne Uebertreibung sagen, dass die jüdische Armenpflege in London durch den Umfang ihrer Mittel, die Zahl ihrer Mitarbeiter, den Ausbau ihres Systems vereinzelt dasteht und nachahmenswerth wäre. Gehet hin und thuet desgleichen! Napoleon I. und die Juden. Von Dr. A. Feilchenfeld, Hamburg. (Fortsetzung.) Bei den drei letzten Fragen handelte es sich um die Gewerbe, die den Juden verboten seien, und die vielbesprochenen Bestimmungen des Gesetzes über den Wucher gegen Juden und Nichtjuden. Zuvörderst wurde die Meinung bekämpft, als ob die Juden durch ihr Religionsgesetz von gewissen Gewerben zurückgehalten werden, und dabei auf den bekannten (übrigens nicht stricte beweisenden) talmudischen Ausspruch hingewiesen, dass jeder Vater, der nicht seinen Sohn ein Gewerbe lernen lässt, ihn zum Räuberhandwerk großzieht. Bei weitem das Wesentlichste für die Zurückweisung judenfeindlicher Angriffe war aber die authentische Erklärung des vermeintlichen jüdischen Wuchergesetzes, zu der die beiden letzten Fragen Anlass gaben. Bei Beantwortung dieser Fragen ging man von dem Bibelverse aus, der den Juden verbietet, von ihren Stammesgenossen Zinsen zu nehmen, und man wies darauf hin, dass das biblische.Wort Neschech nicht Wucher, sondern Zins bedeute. Alsdann werden die Gründe für das biblische Verbot des Zinsennehmens unter Juden erläutert, das nur dazu gegeben worden sei, um die brüderliche Gesinnung unter ihnen zu stärken. Dieses Gebot der Mildthätigkeit, den Glaubensbrüdern zinsfreie Darlehen zu gewähren, konnte auf den Handelsverkehr mit fremden Nationen, die ihrerseits von den Juden die üblichen Zinsen verlangten, doch nicht gut übertragen werden. Die ganze judenfeindliche Auffassung der erwähnten Bibelstelle stützt sich auf eine Erklärung des Maimonides, der im Gegensatz zum Talmud hierin ein Gebot erkennt, von den Nichtjnden Zinsen zu nehmen. Mit dieser Ansicht steht Maimonides ganz vereinzelt da, während der Talmud an der Hanptstelle (die übrigens in der Antwort merkwürdiger Weise nicht erwähnt wird) — Baba Mezia, 70b — das Zinsennehmen von Fremden nur soweit gestattet, als der Jude dies zu seinem Lebensunterhalte braucht, an einer anderen Stelle (im Tractat Makkot) ausdrücklich empfiehlt, auch dem Nichtjuden ohne Zinsen zu leihen. Trotz dieses Thatbestandes haben doch die Judenfeinde die nicht anerkannte, allgemein bekämpfte Ansicht des Maimonides als geltend angenommen und zum Beweise für den Christenhass der Juden angeführt. Wie absurd es sei, dem berühmten Gesetzeslehrer eine Empfehlung des Wuchers zuzutrauen, wird in der Antwort gebührend hervorgehoben. Es wird besonders auf die biblischen Gebote der Nächstenliebe hingewiesen, die gerade die Bedrückung und Benachtheiligung des Fremden streng verpönen. In drei Sitzungen wurde die Berathung und Beschlussfassung über die eben mitgetheilten Antworten von der Versammlung durchgeführt. Die richtige Erkenntnis, dass es nicht gut sei, hohe Herren warten zu lassen, und der nahe bevorstehende kaiserliche Geburtstag hatte wohl die Deputatenzu schneller Erledigung ihrer Aufgaben getrieben. Der Geburtstag des Kaisers (15. August) gab ihnen Gelegenheit zu besonders feierlicher Kundgebung ihrer Loyalität. Die Deputirten zogen in Procession zur Synagoge, die mit Kränzen und Blumen reich verziert war. Den jüdischen Bräuchen zuwider hatte man eine Büste des Kaisers im Tempel aufgestellt und einen kaiserlichen Adler über der heiligen Lade angebracht. Ein Chor trug mit Orchesterbegleitung eine französische Dankes- Hymne für den Kaiser vor. Dann folgte eine glänzende Rede Furtado's, in der er seine Glaubensgenossen zum Patriotismus ermahnte, und hierauf predigten die drei angesehensten Rabbiner der Versammlung, Andrade in französischer, Segre in italienischer und Sinzheim in deutscher Sprache. Sinzheim hatte seiner Rede die Jesaianischen Worte zu Grunde gelegt: „Siehe da. mein Knecht, den ich halte, mein Erwählter, an dem' meine Seele Wohlgefallen hat; ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, dass er das Recht den Völkern verkünde." Als Sinzheim nach dem Schluss seiner Rede die Thorarolle aus der heiligen Lade nahm und ein Gebet für den Kaiser sprach, steigerte sich der Enthusiasmus der zahlreich versammelten Zuhörer, unter denen sich auch viele angesehene Christen befanden, auf's Höchste. Zurufe wie vivo l'owxereur oder die entsprechenden hebräischen Worte wurden in diesen Räumen gehört. Am Schluffe des Gottesdienstes wurden von drei jungen Damen Spenden gesammelt, deren Betrag an die Armen des Stadttheils ohne Unterschied der Confession vertheilt werden sollte. Durch bicjc Kundgebung fanden die Juden Gelegenheit, ihre patriotischen Gesinnungen in hellstes Licht zu setzen.