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Die Wahrheit · 1899-05-24 · Heft 18 (24.5.1899) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 18 (24.5.1899)
Date
1899-05-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 18. gaben, die an sich wohl vorübergehend sind, aber von Jahr zu Jahr das Budget belasten, entwickelt sich ein continuirliches, ein chronisches Deficit. Eine acute Erkrankung im Bilde einer chronischen. Statt nun diese Ausgaben überall einzuschränken, wo das momentane Bedürfnis kein besonders dringliches ist, statt alles Jene zu streichen, was nicht zu den wesentlichsten Aufgaben der Cultusgemeinde gehört, und überhaupt bei den Ausgaben stets die Einnahmen im Auge zu behalten, wird das freilich bequemere Mittel der Steuererhöhung gewählt. Wenn man das Budget der Cultusgemeinde und die diversen Sitzungsberichte mit einiger Aufmerksamkeit verfolgt, so scheint es, als ob geradezu ein Sport getrieben würde, um möglichst hohe Budgetziffern zu erreichen. War denn z. B. die kostspielige Restaurirung des Leopoldstädter Tempels ein momentan so dringendes Bedürfnis, und hätten der goldene Tempel, diverse andere Bauführungen und luxuriöse Adaptirungen nicht auf bessere Zeiten warten können? Aehnlich verhält es sich auch mit den zahllosen, übermäßigen Subventionen an Vereine und Vereinsbethäuser, deren Vorsteher und Mitglieder man bei guter Laune erhalten muß, damit sie zur Zeit der Wahlen die nöthige Arbeit leisten. Man scheut sich gar nicht, dies offen auszusprechen, und in einem jungst veröffentlichten Berichte eines Bethausvereines wurde mit Genugthuung constatirt, dass der Einfluss des Vereines sich besonders bei den letzten Cultuswahlen gezeigt habe, und sonderbarer Weise ist, wie in dem Berichte gemeldet wird, dem Vereinsvorftande aus diesem Anlasse auch ein Anerkennungsschreiben des Präsidenten der Cultusgemeinde zugekommeu. Die Finanzpolitik der Wiener Cultusgemeinde wird zuviel von Außen beherrscht und der Vorstand gibt sich der demagogischen Strömung, die sich überall breit macht, willenlos hin. Ursachen und Wirkungen dieser betrübenden Erscheinung und ihren Einfluss auf die verschiedenen Institutionen der Wiener Cultusgemeinde wollen wir in einem folgenden Artikel eingehender erörtern und nunmehr zum Schluffe wieder zu dem Eingangs erwähnten Rechenschaftsberichte zurückkehren. Nach Erstattung desselben gab der Referent seinem Bedauern darüber Ausdruck, dass die Gemeindemitglieder für den Rechnungsabschluss gar kein Interesse bekundet haben, trotzdem er durch volle 14 Tage zur öffentlichen Einsicht auflag. Wir finden dieses Bedauern nicht ganz am Platze; denn das Studium des Rechnungsabschlusses ist nicht besonders einladend, und es würde uns gar nicht wundern, wenn seitens der Gemeindemitglieder das Bedauern zum Ausdruck käme, dass die Finanzen der Cultusgemeinde ein so wenig erfreuliches Bild bieten und der Vorstand hiefür verantwortlich gemacht würde. _ Aus dem Wiener Nabdiuer-Semuar. Der in der letzten Nummer unseres Blattes gemeldete Vorfall am Wiener Rabbiner-Seminar, welchen wir genau nach den beim Rectorate der Anstalt eingeholten Informationen Wiedergaben, findet in der Oeffentlichkeit allgemein die strengste Beurtheilung. Selbst solche Kreise, die von dem Verdachte des Zelotismus vollkommen frei sind und dem Institute die wärmsten Sympathien entgegenbringen, vermögen nicht die vom Lehrkörper geübte Milde zu billigen, und auch wir müssen abermals unserer Ueberzeugung dahin Ausdruck leihen, dass cs im Interesse des Seminars geboten gewesen wäre, die beiden Zöglinge ohne Weiteres aus der Anstalt zur entlassen. Junge Leute, die durch frivole Verletzung der Religionsgesetze öffentliches Aergernis erregen, taugen nicht für den Beruf des Rabbiners. Aber abgesehen davon, schon die Thatsache allein, dass sie eine Nacht beim Kartenspiel in einem Kaffeehause verbringen, genügt, ihnen jenen sittlichen Ernst und jenes Pflichtgefühl abzusprechen, die zur Vorbereitung für ein geistliches Amt absolut nothweudig sind. Auch der Ort, an welchem die hoffnungsvollen Anwärter auf eine Rabbinatsstelle in Oesterreich ihrem Vergnügen nachgingen, verdient für die Beurtheilung ihrer Handlungsweise besondere Beachtung; sie spielten und rauchten nicht bei verschlossenen Thüren in einem Privathause, sondern in einem öffentlichen, von Nachtschwärmern vielbesuchten Locale, wo sie jeden Moment einer Ueberraschung gewärtig sein mussten. Dass ihnen da nicht ein einziges Mal während der ganzen Nacht das Bewusstsein ihres Unrechtes aufstieg, zeugt von solchem Leichtsinn und solch' lockerer Moral, die mit ihrem zukünftigen ehrwürdigen Berufe durchaus nicht vereinbar sind. Wenn schon am grünen Holze derartige Erscheinungen zu Tage treten, zur Zeit, da sich die Zöglinge noch im Banne der Anstalt befinden, was kann man dann erst von der Zukunft erwarten, wo sie aller beengenden Fesseln entledigt sind und Jeder seinen Schulchan Aruch sich selber zurechtlegen kann. Alle diese Gesichtspunkte hätte der Lehrkörper des Seminars in Erwägung ziehen und zu dem Schluffe gelangen müssen, dass solche Elemente von der Anstalt auszuschließen sind. Das gebot die Rücksicht auf die Ehre und den Ruf des Rabbinerseminars, dessen Schild rein und' fleckenlos erhalten werden muß, das gebot die Rücksicht auf die jüdische Religion, für deren Fortbildung und Erhaltung das Rabbinerseminar gegründet wurde. Es wäre gewiss ein Unrecht, die Anstalt für die Fehltritte der Zöglinge verantwortlich zu machen, in jeder Heerde gibt es räudige Schafe, aber die Pflicht eines fürsorglichen Hirten ist es, die räudigen Schafe zu entfernen. Die vom Lehrkörper geübte Milde wurde auch damit begründet, dass nur Einer der Verführer und die Anderen die Verführten waren. Doch dieses Argument können wir bei Leuten von zwanzig Jahren in solchen Dingen nicht gelten lassen. Da verführt sich Jeder selbst. Und das angewandte Strafmittel, die Studienzeit der jungen Leute um ein Jahr zu verlängern — um sie dadurch länger beobachten zu können — halten wir in diesem Falle für schlecht angebracht. Das wäre nur dann am Platze, wenn sie bei der Prüfung nicht ein genügendes Maß von Wissen gezeigt hätten, nicht aber, wo es offenkundig ist, dass ihnen die nöthige sittliche Basis fehlt. In einem solchen Falle müssen persönliche Rücksichten wegfallen, und auch der Hinweis auf die etwaige Erschwerung ihrer Militärdienstzeit bildet keine Ursache für eine mildere Auffassung. Im Uebrigen begreifen wir gar nicht, dass durch eine Ausschließung aus der Anstalt die ganze zukünftige Existenz der jungen Leute vernichtet sei. Wir sehen eben gar nicht die Nothwendigkeit ein, dass sie sich dem Rabbinate widmen müssen, sie mögen jeden anderen Beruf wählen, ihre Studien auf anderen Gebieten fortsetzen und dort ihre Lebensführung mit ihren Anschauungen über die jüdischen Religionsgesetze in Einklang bringen. Es zeigt dies von einer bedenklichen Unklarheit in der Erfassung der eigentlichen Aufgaben und Ziele der Anstalt. Das Rabbinerseminar ist keine Hochschule für jüdische Wissenschaft, sondern eine theologische Lehranstalt, wo ernste junge Leute, welche die Beschränkungen der Religionsgesetze zu achten gewillt sind, für einen geistlichen Stand erzogen werden. Eine derartige Anstalt darf nicht einen Moment den Verdacht aufkommen lassen, dass der Lehrkörper desselben Vergehen gegen Religion und Moral mit nachsichtigem Auge beurtheilt. Und gerade in der ersten Zeit, wo die Anstalt ohnehin mit allerlei Anfeindungen zu kämpfen hat, war die äußerste Vorsicht in der Behandlung eines derartigen Vorfalles zu üben und es musste jedem öffentlichen Aergernis mit aller Entschiedenheit und Würde begegnet werden. Hier heift es: prineiMs obsta, sero ineäielna xarutur! Darum hoffen und erwarten wir, dass der Lehrkörper des Rabbinerseminars zur Wahrung des Ansehens der Anstalt der wir eine gedeihliche Entwicklung vom Herzen wünschen mi> in

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