Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 17 (16.5.1899)
- Date
- 1899-05-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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„ Mesteryeichisch-ungarische Lantomn-Zeitung. " Nr. 17. Seite 10. verbindet, Gleichgiltigkeit isolirt, Liebe vereinigt (353). Die Lehre von der Nächstenliebe und Menschenfreundlichkeit bildet bei den Juden eine ganze Literatur (351). Nicht die Werke, sondern das Gefühl der Liebe, aus. dem heraus sie erfolgen, ist das eigentlich Ethische und Höchste (356). Jede der ethischen Ideen: Recht, Billigkeit, Liebe hat selbständige Bedeutung; aber alle dienen zugleich der höchsten Idee, derjenigen der Vereinigung (353). Die Zusammenschließung der Geister und Seelen zur Einheit ist Ziel der Sittlichkeit, alle Ethik muß sich zur Socialethik entwickeln (358). Dass der rabbinische Geist von diesem Gedanken geleitet wurde, ergibt sich aus der schier unerschöpflichen Behandlung der Idee des Friedens (359). Gleichwohl ist jenes erhabene Ziel nur schwer zu erreichen. Vollends ist die messianische Zukunft, die Erhebung aller Völker zur sittlichen Einheit des Menschengeschlechtes, noch ein sehr hoch und ein fern liegendes Ideal (361). Aber ein Ideal, sagt Lazarus, einmal als solches in einer menschlichen Seele erdacht, kann niemals wieder aufhören, ein Ideal zu sein; im Gemüthe der Menschen muß es als eine Hoffnung gehegt, immer mehr erläutert und befestigt werden. Es muß eben im Geiste der Menschheit als ein Ideal allezeit leben und leuchten, die Willenskraft wecken und zu rüstiger, sieghaft ringender Thätigkeit treiben. Das Ideal entbehren, heißt auf den Werth des Lebens und der Geschichte verzichten. Aber das Ideal ist göttliche Verheißung und zb'vb mp-' irnbs -dt das Wort Gottes besteht für die Ewigkeit! Verschiedene Nachrichten. Wien. (Personalnachrichten.) Fräulein Elsa Bauer, Tochter des Herrn Salomon Bauer, hat sich mir Herrn Ludwig Schiller verlobt. Wien. Der Amtsdiener der Wiener israelitischen Cultnsgemeinde, Herr L. M. Schön, feiert am 16. d. M. sein 25jähriges Dienstjubiläum. Herr- Schön hot sich während dieses langen Zeitraumes durch seine Bescheidenheit und Diensteifrigkeil allgemeine Sympathien erworben. Nikolsburg. Für die hiesige Cultnsgemeinde wurde einstimmig Herr- Ados Neufeld, Schüler des Obercantors Josef Singer in Wien, als Obercantor gewählt. Prag, 9. Mai.(Stel1enveränderungen.) Da der langjährige Obercantor der großen Hochschule, Herr Philipp Bachrach, schon längere Zeit leidend ist, wurde Herr Lebowitsch, früher Cantor in Frauenberg, provisorisch zum Cantor an dieser Synagoge angestellt. — Herr Noah Jantof, vormals Cantor in Neu-Otting, wurde hier an der Meiselsynagoge als zweiter Cantor acceptirt. R. M.-T. Goltsch-Jenikau, 4. Mai. Da in der hiesigen Stadt Gerüchte verbreitet wurden, dass der hiesige Schächter an dem Morde in Polna betheiligt gewesen sei, machte sich eine tiefgehende Gährung gegen die Israeliten bemerkbar, so dass die Behörde umfassende Sicherheitsvorkehrnngen treffen musste. Bisher wurde die Ruhe nicht gestört. Budapest. ((Stne hochherzige Stiftung.) Zur Feier seines 70. Geburtstages erlegte am 1. d. der hiesige Bürger Herr Moriz L ö w y einen Betrag von 106.000 Kronen in vierpercentiger Rente an der Casse der Pester israelitischen Religionsgemeinde als Stiftungscapital mit der Weisung, dass alljährlich die Zinsen von 4000 Kronen an zehn Schüler der israelitischen Bürgerschule, welche im Hebräischen und gleichzeitig auch in der ungarischen Sprache guten Fortgang aufweisen, vertheilt werden sollen. In besonders berücksichtigenswerthcn Fällen können derartige Stipendien auch durch 3 bis 4-Jahre den jeweiligen Stipendisten belassen werden. Löwy ist ein Sohn des Pester Comitats, der schon seit seinem 20. Jahre als Oekonom mit schönstem Erfolge rastlos thätig ist. Bor Beginn seiner Selbständigkeit nahm er kurze Zeit an dem Freiheitskampfe theil. Er war als Jude einer der Ersten, die sich ausschließlich mit der Bebauung des heimatlichen Bodens beschäftigten. Löwy ist ein Ungar von echtem Schrot und Korn, und es ist ihm besonders nachzurühmen, dass er seit 1850 — demnach fast seit einem halben Jahrhundert — seine Bücher und seine Correspondenz in ungarischer Sprache führt. Seine Kenntnisse erwarb er sich im reformirten Gymnasium zu Kecskemet. Löwy gehörte 1868 dem israelitischen Landescongresse als Deputirter an und bekleidet noch heute viele Ehrenstellen, so bei der Pester israelitischen Religionsgemeinde, bei der Pester Chewra Kadischa, beim israelitischen Knabenwaisenhanse, beim ungarischen israelitischen Handwerks¬ und Ackerbauverein und vielen anderen gemeinnützigen Vereinigungen. Endlich ist Löwy eines der ältesten und angesehensten Mitglieder des Pester Comitats- Ausschusses. Paris. Im Alter von 74 Jahren ist hier am 1. Mai Herr Abraham d'Jsraeli gestorben. Der Verblichene war vor dreißig Jahren Vorsteher der türk.-sephard. Gemeinde und Talmudthora-Schule in Wien und erhielt für seine verdienstliche gemeinnützige Thätigkeit mannigfache Auszeichnungen. Seine Geschwister sind die Frau Annika B e n v e n i st i und die Herren Moreno und Licco A d u t t. Letzterer, derzeit zweiter Präses der türkischen Gemeinde in Wien, war zum Leichenbegängnisse hier anwesend. Antisemitische Unruhe«. „Reuters Office" meldet aus Odessa: In Nikolajew haben mehrere Tage hindurch ernste antisemitische Unruhen stattgefunden, wobei einige Personen getödtet wurde. Paris. (Antisemitische Excesse in Algier.) Die „Agenc Havas" meldet aus Algier: Antisemiten zogen vor das Gefängnis Sidi-Feruch, in welchem sich Max Regis befindet. Auf dem Rückwege in die Stadt demonstrirten sie vor der Residenz des Gouverneurs, wobei Drumont, ferner der Maire von Algier, Voinot, der Redacteur der „Libre Parole", Jeandrauet, und der Municipalrath Lionne verhaftet wurden. Der'Gouverneur gab seine Zustimmung zur Freilassung derselben, wenn die Demonstration aufhöre, worauf sich die Manifestanten zerstreuten. Es wurden jedoch nur Drumont und Bionet freigelassen. — Der Abend war sehr bewegt. Es fanden Kundgebungen statt. Die Polizei zerstreute die Menge und nahm 22 Verhaftungen vor. Ein Polizei-Commissär und Polizei-Agent wurden verwundet. Die Ruhe ist wieder hergestellt. Hebräische Handschriften. Das brittische Museum ist in den Besitz einer großen Zahl alter und werthvoller hebräischer Handschriften gekommen, die seit Jahrhunderten in den Gewölben der Synagoge von Alt-Kairo und Zweier benachbarter Begräbnisplätze der jüdischen Gemeinde lagen. Die Bodleianische Bücherei in Oxford hat vor Jahren einen wichtigen Theil dieser hebräischen Schriften erworben, und durch Vermittlung des Professors Schächter hat auch die Universitäts-Bücherei von Cambridge einen nicht unbedeutenden Antheil handschriftlicher Beutestücke erhalten. Die von den Behörden des National-Museums erworbenen Stücke enthalten auch zwei Blätter mit vierzig neuen Zeilen des verlorenen hebräischen Textes des Buches „Ecclestasticus". Der Inhalt der in Oxford aufbewahrten Blätter wurde vor zwei Jahren veröffentlicht, und Ehrwürden G. Margoliouth wird die beiden neuen Blätter herausgeben. Die Sammlung im brittischen Museum enthält eine große Zahl datirter Schriftstücke aus dem 11. und 12. Jahrhundert und einige wenige ans dem 10. Jahrhundert. Besonders bemerkenswerth sind die aus verschiedenen Zeitabschnitten stammenden Ehescheidungsbriefe. Aus dem 11. Jahrhundert stammt ein sogenannter „Shetar Chalitza", das heißt ein gesetzlich ausgefertigtes Actenstück, worin ein Mann sich weigert, die kinderlose Witwe seines Bruders nach Vorschrift der levitischen Gesetze zu heiraten. Zahlreich sind die Briefe, die in arabischer Sprache, aber in hebräischen Schriftzeichen über verschiedene Gegenstände geschrieben sind. Viele davon behandeln Streitpunkte aus dem rabbinischen Gesetze. Bemerkenswerth darunter zwei eigenhändig geschriebene Entscheide des Moses Maimonides, der 1204 starb. Bruchstücke alter Abschriften des Talmuds und ähnlicher Werke machen die neuerworbene Sammlung besonders werthvoll für Forscher auf dem Gebiete der mittelalterlichen hebräischen Literatur. Vakanzen. Budapest. Talmudverein, VI., Vasvary Pälutza, sucht Baltefilla und Kore. 1. August zu besetzen. — Sajteny (Com. Csanad). Baltefilla, Kore, Schochet Ubodek. Gehalt 300 fl. Freie Wohnung. Am 15. Juni zu besetzen. — Gleiwitz (Deutschland.) 'Erster Cantor, tüchtiger Musiker, Balkare, der hebräischen Unterricht ertheilen kann. Gehalt 3600 Mark. —