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Die Wahrheit · 1899-05-16 · Heft 17 (16.5.1899) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 17 (16.5.1899)
Date
1899-05-16
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 17. Die Wahrheit. Seite 11. Zweiter Cantor, Balkare. Gehalt 2500 Mark. Anmeldungen bis 1. Juni. — Peckelsheim (Deutschland). Lehrer und Cantor. 1500 Mark und freie Wohnung. Zu besetzen 1. Oktober. — Thor n (Deutschland). Seminaristisch gebildeter Lehrer, Chorleiter und Vorbeter. Vom 1. September zu besetzen. Gehalt 2000 Mark. _ Offert. Der Sohn eines Oberrabbiners in Ungarn sucht eine Stelle als tüchtiger Vorbeter, Kore und geübter Religionslehrer in einer Gemeinde in der Provinz oder bei einem Bethaus-Vereine in Wien. Derselbe hat zur größten Zufriedenheit dieses Amt ausgeübt und stehen ihm die besten Zeugnisse zur Verfügung. Auch kann er im Talmud mit Erfolg Unterricht ertheilen. Referenzen ertheilt die Redaction dieses Blattes. Heimweh. Erzählung von Eduard Kulke. (3. Fortsetzung.) Narreschkeiten — sagte die Mutter — im „Menorath- Hamor" stehen schönere Sachen, als wie in allen den heutigen Büchern. Ich Hab' ihn gelesen, und ich lest ihn noch; ich Hab' Dein Vater, — hundert Jahr soll er leben — genommen, und leb' mit ihm sehr gut. Aber Mirl ist gebildet! Es hat in uns'rer Zeit auch eingebildte Leut'' gegeben! Das verliert sich schon. Mirl Asrieles weiß alle Räubergeschichten außenwendig. Paketel! und was ist da daran? wer sind denn die Räuber! sind denn das etwa vornehme Leut'! Ich kann Dir erzählen Geschichten von König Salomon, von der Königin Sabah, von dem Aschmodai, vom Propheten Elias, und noch andere Geschichten vom hohen Rabbi Lob in Prag und von Eliah Willnah, von dem Rambam und von noch viele andere große Leut'. Aber denk Dir nur! Mirl Asrieles mit ihrem Stolz und ihrer Paradenmacherei und unser Jossef, so ein g'rader Mensch! Nun, will Mirl Asrieles kein' g'raden Menschen haben, soll sie sich ein' nehmen, der krumm und lahm ist und ein' Höcker hat. Und jetzt hör' mir schon auf mit Deine Narreschkeiten. Die Partie wär für unser Jossefleben ganz gut, und ist mir ganz recht, und ich mein', sie wird es ihm auch sein. — Die Tochter schwieg. Schwieg sie, weil es die Mutter geboten hatte, oder weil sie nichts zu erwidern wußte? — sie schwieg, aber sie konnte sich nicht überreden, dass Mirl für ihren Bruder passe, und so erwartete sie diesmal mit doppelter Ungeduld seine Rückkunft. Des anderen Tages kamen die beiden Männer heim. Vater und Sohn hatten Manches zu erzählen, manche geschäftliche Mittheilung zu machen. Das lasst sich hören — sagte die Mutier zufrieden mit den Berichten des Sohnes — aber hier wartet auch schon ein Geschäft auf Dich, Jossef; man hat es mir, derweil Ihr auf den Markt wart', hier angetragen. Was für ein Geschäft? — fragte der Sohn — will Jemand einen Ochsend Nein — sagte die Mutter — aber es ist Einer da. der Dich will. Mich? — fragte Jossef — was heißt das, soll daS ein Witz sein? Warum ein Witz? — entgegnete die Mutter — bist Du denn noch nicht in dem richtigen Alter? In was für einem Alter? ich versteh' Dich nicht! Bräutigam zu werden! Und weißt Du mit wem? — fiel Finkele in die Rede — mit Mirl Asrieles! Mit Mirl Asrieles! — riefen jetzt Vater und Sohn zugleich, ebenso wie es gestern Mutter und Tochter gerufen hatten. Eine gute Partie! Mirl Asrieles? soll ich leben, eine gute Partie! — sagte der Vater. Die Mutter sagte bestätigend: Ich glaub's! Jossef sagte aber gelassen: Mirl Asrieles nehme ich nicht! Die entschieden gesprochene Weigerung führte in dem sonst ruhigen Hause eine heftige Scene herbei. Die Eltern konnten sein Benehmen nicht begreifen; eine bessere Partie als Mirl Asrieles hätten sie selbst für ihn in der ganzen „Gasse" nicht aufzufinden vermocht. Denn wenn an dem, was Reb Choneh gestern mit seiner Beredtsamkeit in ein so günstiges Licht gestellt, auch nicht alles buchstäblich zu nehmen war, so war das alles doch in der Hauptsache richtig, dies sahen die Eltern ja selbst, sie kannten ja die Verhältnisse des reichen Mannes seit lange her. Auf ihre Frage, warum er Mirl nicht nehmen wolle, wusste der Sohn keinen andern Grund anzugeben, als den: weil ich nicht kann! — was den Eltern selbstverständlich nur als unbegründete Hartnäckigkeit erschien. Sie ließen ihn darum auch so leicht nicht los. Sie fragten ihn, sie bestürmten ihn, was er an ihr auszusetzen habe? ob sie nicht schön sei, ob sie nicht gut und fromm sei, ob er was Schlechtes von ihr wisse, ob ihr überhaupt Jemand in der Gasse was Schlechtes nachsagen könne, ob sie ihm nicht reich genug sei, ob er sich denn einbilde eine noch größere Partie zu machen, ob er vielleicht warten wolle, bis eine Prinzessin oder Fürstin den „Schadchen" (Ehevermittler) zu ihm schicken werde? - Auf alle diese Fragen wusste der Sohn keine rechte Antwort zu geben und ließ geduldig den Strom solcher Rede über sich ergehen. Endlich aber, da sichder Vater durch das Schweigen des SohneS ermuthigt, nicht mehr mit Fragen begnügte, sondern anfing seinen väterlichen Willen geltend zu machen, da verließ Jossef statt aller fernen Widerrede ruhig und gelassen die Stube. Ich bitt' Dich, Jittesch, was geht mit dem Jungen vor? — fragte Wolf Ochsenhändler. Was weiß ich? — zuckte die Mutter mit den Achseln. Ist ein böser Geist in ihn hineingefahren? — fragte er weiter. Was fragst Du mich? Du mußt es ja besser wissen! Er kommt doch mit Dir heim vom Ochsenmarkt! Ich Hab' auf dem Wege an ihm nichts Auffallendes bemerkt. Er ist seinen Geschäften nachgegangen wie allemal. Frag' Finkel — sagte Jittesch — Finkel muß mehr wissen, als wie ich; sie sagt unser Jossef und Mirl AsrieleS paffen nicht zu einander. Laß' mich hören Finkel, was Du weißt — wendete sich jetzt der Vater an diese — warum passen sie nicht zu einander. Wissen? — sagte Finkel — was soll ich wissen? ich weiß gar nichts! Ich mein' nur so, wie man manchmal red't; und ich mein' es, weil ich unfern Jossef kennen thu'! Kennen thust Du ihn? als was kennst Du ihn — fragte der Vater. Als was soll ich ihn kennen? ich kenn' ihn als einen g'raden Jung' ohne Complimente und neue Moden und ohne Bücher und alle die Sachen, wie es Mirl Asrieles gern hat. Soll ich leben und gesund sein, es muß was vorgehn mit Asrieles Vermögen, wovon die Welt noch nichts weiß; denn sonst möcht' sie unser Jossef-Leben nicht nehmen wollen. Sie wird vor ihm keine Achtung haben, wie sie das Weib soll haben vor dem Mann; sie wird sich immer doch für mehr halten, als ihn; sie wird in ihm nur alleweil den Ochsenjungen sehen, und Gott soll hüten, wenn sie dann schlecht mit einander leben, das erste Wort, was sie ihm bei jeder Gelegenheit vorwerfen wird, das wird sein, dass ec nur mit Ochsen umgeh'n kann, und ob er meint, dass sie ein Ochs ist! Wer hat Dich das Alles so schön angelernt? — fragte Reb Wolf. Mich hat Keiner angelernt — erwiderte Finkel — ich red' aus mir selber heraus und red' wie ich's mein, und ich mein', sie passen nicht zusammen! (Fortsetzung folgt.)

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