Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 17 (16.5.1899)
- Date
- 1899-05-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 17. in Palästina einmal festen Boden gefasst, fo wollen wir ein Synhedrion einsetzen, welches aus unserem Cultus Alles ausscheiden soll, was nicht mehr Zeitgemäß ist (Opfer?). Unsere Colonisteu hören Freitag Mittag zu arbeiten auf und ruhen bis Samstag Abends 2c. rc." Die Versammlung folgte unermüdlich den packenden Ausführungen des Redners. Gegen halb 12 Uhr schloß der Vorsitzende mit einer kurzen Ansprache und einem dreifachen Hoch auf die Zukunft des jüdischen Volkes. Eine ganze Woche hindurch war Dr. Kahn Gegenstand des Gesprächsstoffes. Das praktische Ergebnis: Es wurden Antheilfcheine gezeichnet, um aus bettelnden Juden Ackerbauer zu machen. Die Theorie über „politischen" und „praktischen" oder „fortschrittlichen" und „orthodoxen" Zionismus überließen die Leute — .den Theoretikern. Dr. Kahn konnte den Unterschied zwischen mährischen und böhmischen Juden wahrnehmen. In Bezug auf seine Erlebnisse in Prag möge er Folgendes beachten: Es ist nicht ohne Ursache, dass das Wappenthier des Königreiches Böhmen — der böhmische Löwe — doppelschwänzig ist. Wochenschau. Moriz Scharf lebt. Bekanntlich brachten vor Kurzem Budapester Zeitungen die Nachricht von dem Tode des Moriz Scharf. Nachdem die Eltern des Scharf bereits die Todesmeldung für nicht glaubwürdig erklärt hatten, ist es nun Moriz Scharf selbst, welcher Kunde von seinem Wohlbefinden gibt. Heute erhielt der Vater Moriz Scharf's aus Amsterdam ein Schreiben folgenden Inhalts: „Ich verständige Euch, dass es mir, Gott sei gedankt, was meine Gesundheit betrifft, ganz wohl geht. Leider konnte ich noch immer keine Arbeit bekommen. Schenket den Todesnachrichten der Zeitungen über mich keinen Glauben. Wenn ich sterben sollte, oder wenn ich schwer erkranken würde, so werdet Ihr sofort von einem meiner hiesigen guten Freunde verständigt, welcher mir diesen Liebesdienst zu leisten versprochen hat. Ich grüße Euch Alle herzlich und bleibe Euer getreuer Sohn Moriz." Der Mord in Polna. Vorige Woche ist bei dem Landesgerichte von Dr. Fialla Namens des Schächters Moriz Kurzweil aus Goltsch-Jenikau die Strafanzeige wegen Vergehens der Ehrenbeleidigung gegen den verantwortlichen Redacteur des „Deutschen Volksblatt" August Schreiber und dessen Herausgeber Ernst Vergani erstattet worden. Die Nummer des genannten Blattes, in welcher erfundene und falsche Berichte über den Mord in Polna erschienen, wurde bekanntlich von Amtswegen confiscirt; die Hausdurchsuchung nach dem Manuscripte des Verfassers blieb erfolglos. Es ist nicht ausgeschlossen, dass, falls die erfundene Beschuldigung zu einer gerichtlichen Nachforschung gegen den Beschuldigten führen sollte, die Ehrenbeleidigungsklage im Sinne des Strafgesetzes sich zu einer Verfolgung wegen Verbrechens der Verleumdung umgestalten werde. Judenthum und Patriotismus. „Die Juden sind eine inferiore Race" ist ein beliebter Ausspruch der Antisemiten, sie höhnen und lachen, wenn ein Jude von Vaterlandsliebe und nationalem Empfinden zu sprechen sich erlaubt. Nun müssen diese Monopolbejitzer der Vaterlandsliebe und Nationalität zu ihrer tiefsten Betrübnis seit Kurzem zum zweiten Male erfahren, dass jüdische Hände an der Gründung und Befestigung des Deutschen Reiches treu und ehrlich mithalfen und dass die deutsche Nation trauernd an der Bahre dieser jüdischen Mitarbeiter steht. Ludwig Bamberger, der als Jude gestorben ist, und der vor Kurzem verstorbene Eduard Simson, der aus dem Judenthum hervorgegangen ist und im Erfurter Parlamente dem Herrn v. Bismarck gegenüber seine jüdische Abstammung mit Stolz einbekannte, geben glänzendes Zeugnis für das Judenthum ab und strafen all' jene Maulhelden Lügen, welche über Juden und Judenthum Anathema schreien. Wie weh that es dem Abgeordneten Otto v. Bismarck-Schönhausen, als er 1850 im deutschen Parlamente in Erfurt neben dem Vorsitzenden Eduard Simson als Schriftführer zu fungiren hatte. Mit verbittertem Herzen rief er aus: „Mein Vater würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, dass ich Schreiber eines jüdischen Gelehrten bin." Dass Bismarck kein Judenfreund war, braucht wohl nicht erst bewiesen zu werden. Dass er aber über all' seine kleinen und großen Nachäffer in Politik und Judenhass an Edelsinn vielfach emporragte, zeigte er, indem er im Banne des Vorurtheils übereilt ausgesprochene Worte freiwillig und mannhaft zurücknahm und dem Beleidigten volle Satisfaction gewährte. Als nämlich dreißig Jahre nach dem Erfurter Parlamente das Deutsche Reich glanzvoll und festgemauert dastand und Fürst Bismarck der allmächtige Kanzler des Reiches war und Eduard Simson's segensvolle politische Thätigkeit nicht abgesprochen werden konnte, wurde der Fürst an die in Erfurt über Simson gemachte Aeußerung erinnert und er, der Mächtigste im Reiche, erwiderte: „Simson war stets einer der ausgezeichnetsten, von der reinsten Vaterlandsliebe getragenen Vertreter des nationalen Gedankens, ein Gefäß, in dem immer die lautersten E m p f i n d u n g e n z u s a m m e n st r ö m t e n." Hört Jhr's, Ihr Herren Deutschnationalen, Clericalen und Antisemiten, so spricht ein wahrhaft großer Manu, der seine kleine Gesinnung nicht mit großen prahlerischen Phrasen zu decken braucht. So spricht und handelt ein Mann, der Religion und Patriotismus nicht geschäftlich ausschrotet. I. I n f e l d, Baden. Aus dem Wiener Rabbinerseminar. Vor Kurzem wurde gegen drei Zöglinge des Seminars die Anzeige erstattet, dass sie in einem Kaffeehausein der Leopoldstadt eine Nacht von Freitag auf Samstag mit Kartenspiel zugebracht hätten und noch Samstag Früh kartenspielend und cigarrenrauchend angetroffen wurden. Die seitens der Anstalt gegen die Beschuldigten sofort eingeleitete Untersuchung hat, nach den von uns beim Rector eingeholten Informationen, die Richtigkeit der Anzeige insoferne ergeben, als factisch - sämmtliche drei Zöglinge die frivole Sabbathentehrung durch Kartenspiel in einem öffentlichen Locale begangen und eingestanden haben, jedoch nur einer derselben mit der rauchenden Cigarre betreten wurde. Dieser Letztere wurde aus der Anstalt relegirt, die beiden Anderen aber nur auf ein Jahr reprobirt, da die Untersuchung ergab, dass sie die Verführten waren und bei ihrer bisherigen Unbescholtenheit und der offenkundigen Reue eine Besserung voraussichtlich sei. Zudem sei die Anstalt in der Lage, durch die strafweise Verlängerung der Studienzeit, sie längere Zeit zu überwachen und sich die Ueberzeugung zu verschaffen, ob ihre fernere Aufführung sie für den Beruf eines Rabbiners würdig erscheinen lassen wird. Bei dem geringsten Verschulden würden sie natürlich gänzlich aus der Anstalt entlassen werden. Es wäre ungerecht, der Anstalt diese Versündigung der drei pflichtvergessenen jungen Leute zur Last zu legen, aber im Interesse der ersteren wäre die größte Strenge am Platze gewesen. Der Lehrkörper hat für die mildere Bestrafung der zwei Zöglinge gewiss triftige Gründe gehabt, jedoch scheint uns, dass die persönliche Rücksichtnahme auf die Begnadigten leicht zu einem billigen Angriffsmittel gegen die Anstalt ausgenützt werden könnte. Und das sollte doch vermieden werden. Im Uebrigen haben wir bei einem der milder bestraften Zöglinge persönlich die Wahrnehmung gemacht, dass das Bewusstsein seiner Versündigung ihn nicht allzusehr drückt. Zur Geschichte der jüdischen Tradition. Von Lector I. H. Weist. Frei aus dem Hebräischen bearbeitet von Dr. I. Kahan. (Fortsetzung.) Wir haben nun gesehen, dass der Ausgangspunkt für die messianische Hoffnung die Theilung des Davidischen Reiches unter Rechabeam war. Aber schriftlich ist uns keine Spur aus dieser Zeit überliefert worden. Die Geschichtsschreiber und Propheten