Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1899-05-16 · Heft 17 (16.5.1899) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 17 (16.5.1899)
Date
1899-05-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3062972-3062973-3062990--00271-3066766
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 17. Die Wahrheit. Seite 5. ähnliches Verhältnis zum Staate gebracht wird, geben wir uns der Hoffnung hin, dass Ew. Excellenz unsere Religion nicht lange in ihrem Ausnahmszustande belassen und dieselbe den autonomen christlichen Confessionen gleichstellen werden. Gott erhalte Ew. Excellenz noch lange zum Wohle und zur Beglückung des Vaterlandes in Kraft und Gesundheit!" Ministerpräsident Coloman Szell erwiderte hierauf Folgendes: „Ich halte die Ausrechterhaltung des guten Verhältnisses zwischen Staat und Kirche für eine staatliche Aufgabe ersten Ranges und die Aufrechthaltung des guten Einvernehmens zwischen sämmtlichen Confessionen für eine politische Aufgabe ersten Ranges. Meine Politik, welche die Politik des Rechtes, des Gesetzes, der Gerechtigkeit ist, erstreckt sich auf alle Classen, auf alle Confessionen, auf alle Nationalitäten ohne Unterschied. Die Verhältnisse, welche Sie zur Sprache gebracht, und deren Entstehung kenne ich aus den allerersten Jahren meiner politischen Laufbahn als, ich glaube zur Zeit Baron Josef Eötvös', in diesen Fragen die Verhandlungen eingeleitet wurden; ich weiß auch, dass dieselben in's Stocken gerathen sind; darin aber werden Sie wohl der Legislative und Jenen, welche in dieser Richtung die Legislative zur Schöpfung veranlasst haben, Gerechtigkeit angedeihen lassen, dass durch die Legislation des Jahres 1895, welche die israelitische Religion unter die gesetzlich recipirten Religionen aufnahm, ein großer Schritt geschehen ist. Dass nicht sofort alle Verhältnisse geregelt worden sind, das hat, wie Sie vielleicht noch besser wissen als ich, seine eigene Ursache: vermögen Sie doch selbst heute jene Fragen, die der Regelung bedürfen, noch nicht ganz klar zu formuliren, weil die Schwierigkeiten zweifelsohne sehr groß sind; es wird aber meine und meiner Regierung Aufgabe sein, auch an die Lösung dieser Frage heranzutreten, und seien Sie überzeugt, ich werde an sie in der Richtung und in dem Geiste herantreten, welche meine Richtung und meine Politik ist." Der Ministerpräsident drückte schließlich sämmtlichen Mitgliedern der Deputation die Hand, womit der Empfang zu Ende war. Eine jüdische Volksversammlung in Ung.-Brod, am 25. April 1899. vr. Leopold Kahn (siehe Nr. 16 „Die Prager Zionisten- Versammlung") reiste von Prag direct nach Ung.-Brod, um in einer öffentlichen Versammlung, bestehend aus Herren und Damen, Juden und Christen, über „Zionismus und jüdische Colonialbank" zu sprechen. Er fand hier, wie er es nennt, „jüdische Inden", getheilt in Orthodoxen und Fortschrittler. Dass es zu keiner Sprengung der Versammlung kommen werde — obwohl vorauszusehen war: starke Gegensätze, Stürvle :c. — zeigte schon die einstimmig erfolgte Wahl des Vorsitzenden, Oberlehrer Riesenfeld, des Stellvertreters vr. Beer aus Ung.-Hradisch und des Schriftführers Candidat I. U. Jo kl. Der Einberufer der Versammlung, Candidat I. U. Singer, entwickelte die Bedeutung der ersten jüdischen Volksversammlung in Ung.-Brod, begrüßte die Anwesenden, die Christen speciell, und den vr. Kahn, denselben der"Versammlung vorstellend. Im Namen der Versammlung begrüßte nun der Vorsitzende den Gast nach altjüdischer Weise mit einem herzlichen sotiolaum alechem, und widmete zunächst der verblichenen Baronin Hirsch einen Nachruf, aus welchem wir folgende markante Sätze wiedergebeu: „Wir haben keinen Papst, keinen Stellvertreter Gottes auf Erden. Nach unserer Tradition ist jeder Mensch verpflichtet, sich als Stellvertreter Gottes auf Erden zu betrachten gegenüber dem Armen, dem Unterdrückten, der Witwe, der Waise. Das edle Paar, Baron und Baronin Hirsch, hat sich im Sinne unserer Tradition nicht als Eigenthümer, sondern nur als Verwalter seines großen Vermögens betrachtet. Als die wahren Eigenthümer haben sie betrachtet: die Armen, die Unterdrückten. .. Mögen sie uns zum Mufterbilde dienen, isch kmatnath jodau, jeder nach Maßgabe seiner Macht; nicht blos unser Vermögen, unsere gesammte Kraft und Intelligenz müssen wir in den Dienst der Wohlthätigkeit stellen..." Nun wurde zur Tagesordnung geschritten, und vr. Kahn trug durch zweieinhalb Stunden unter lautloser Stille seine Ideen über „Zionismus und Colonialbank" vor. Er ist ein echter Volksredner, begeistert für sein Volk, begabt mit Wissen auf dem Gebiete der hebräischen Literatur, mit universeller Bildung, mit Humor, Witz, Schlagfertigkeit, nennt er die Dinge ungescheut beim Namen und versteht es meisterlich, das Auditorium zu fesseln. Er entwickelte ans der Geschichte Israels die Idee des Zionismus, zeigt in der Literatur das stete Wacherhalten desselben, beleuchtet die Stellung der Juden in der modernen Gesellschaft, die Noth, das Elend unserer Brüder in Osten, die Mittel zur Linderung derselben, die Colonisation im Allgemeinen, insbesondere Palästinas, die Bestrebungen der Zionisten, das Basler Programm, die Colouialbank, die Gegner des Zionismus, Ursache dieser Gegnerschaft, Hoffnungen der Zionisten u. s. f. Mit angehaltenem Athem lauschte Alles, und am Schluffe wollte der Beifall nicht enden. Der Vorsitzende drückte hierauf die Stimmung der Versammlung in einigen Worten aus: „Ein Hof- und Gerichtsadvocat in Wien, der das behaglichste Leben führen könnte, verlässt seine Frau, sein trautes Heim, das schöne Wien, begibt sich nach Prag, arbeitet dort mit Mühe, kommt direct hieher, und spricht hier zweieinhalb Stunden. Warum? Um der Noth seiner im Elend lebenden Glaubensgenossen abzuhelfen. Eine schmachvolle Bewegung ist es, die am Schlüsse unseres Jahrhunderte^ ausgebrochen, Pöbel in Seidenhüten beschimpft uns. Allerdings machen diese Schimpfreden auf uns den Eindruck, den ein betrunkener Bauer macht, der uns ein Schimpfwort zuwirft. Wir verachten sie, denn wir fühlen uns größer als dieser Salonpöbel. Ein Volk, das solche Söhne hat, ist nicht inferior und kann getrost, um mit den Worten des Dichters zu reden, das Jahrhundert — das antisemitische — in die Schranken fordern. Dem Apostel der Humanität, unserem hochverehrten Gaste vr. Leopold Kahn ein dreifaches Hoch!!" Alles jauchzte dem Gaste zu, und die Hochrufe wurden einstimmig ausgebracht. Nach einer Pause nahm der Rabbiner vr. Jung das Wort: „Ich stehe unter dem mächtigen Eindrücke der gewaltigen oratorischen Leistung, die uns alle gefangen genommen. Wäre ich nicht ein Gegner des politischen Zionismus, so hätte ich wich voll und ganz in den Dienst dieses Mannes gestellt, der uns Alle so bezaubert hat. Ich gestehe es offen, ich bedauere, dass ich als Gegner auftreten muß." Und nun entwickelte vr. Jung, eine Zierde der Orthodoxie, in Ungarn und Deutschland rühmlichst bekannt, durch seinen makellosen Charakter, durch sein allgemeines und Fachwissen selbst von Gegnern hochverehrt — die Gründe, warum die Orthodoxen ihre eigenen Wege gehen. Im Punkte der Colonisation stimme er vollkommen zu, aber es fehlt den Zionisten am echten Glauben, sie gehorchen nur der Roth, dem Antisemitismus, und durch das Voranstellen des Nationalen werde das Ideal des Judenthums gefälscht. Man konnte aus den geistvollen, mit Gefühl vorgetragenen Erörterungen plastisch ein Hauptprincip der Orthodoxie erkennen: Die Nation ist der Religion, und nicht die Religion der Nation wegen da. „Heute — nach Empfang der Thora — bist Du (Israel) erst ein Volk geworden." Ungefähr dreiviertel Stunden dauerte diese Entgegnung. Der Vorsitzende sprach dem Redner für seinen geistvollen hochinteressanten Vortrag den Dank aus, „selbst Gegner, die nicht auf dem orthodoxen Standpunkte stehen, müssen anerkennen, es gäbe keinen charaktervolleren Menschen, als Rabbiner vr. Jung, und demselben die größte Hochachtung bezeigen." Nun folgte eine etwas lebhafte Debatte, minder berufene Redner nahmen das Wort, aber schließlich entgegnete vr. Kahn in einer mehr als einstündigen Rede: „Der Zionismus lehnt es ab, religiöse Fragen zu erörtern; diese haben zu allen Zeiten und bei allen Confessionen nur entzweit; wir wollen verbinden Leute, die Tefilin legen, und solche, die es nicht thun. Selbstverständlich wollen wir die Religion nicht verletzen. Haben wir

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.