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Die Wahrheit · 1899-05-08 · Heft 16 (8.5.1899) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 16 (8.5.1899)
Date
1899-05-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Gesterr.-ungar. Kcrntoren-Ieitung. Hr. 1(6. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit". 19. Jahrg. Von unserem geschätzten Mitarbeiter, Herrn Cantor A. Friedmann in Berlin, erhalten wir nachfolgende Zuschrift, mit deren Veröffentlichung wir die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf das obgenannte Werk lenken möchten: „Hochgeehrter Herr Redacteur! Folgenden Brief habe ich von Herrn William Wolf, dem rühmlichst bekannten Musikpädagogen und Chordirector der hiesigen jüdischen Gemeinde, erhalten und die Erlaubnis seiner Veröffentlichung in dieser Zeitung von ihm erbeten. Der erste Theil des Briefes betrifft einen Gegenstand, der zwar nicht von einem specifisch jüdischen Interesse, dagegen von einem dringlichen allgemeinen musikalischen Interesse ist, und daher auch die Herren Cantoreu interessiren wird, zumal es sich um die Arbeit eines bekannten jüdischen Musikers handelt; der Gegenstand des zweiten Theiles ist aber von ganz direct jüdischem und cantoralem Interesse." „Hochgehrter Freund! Ihr warmes, mich so hoch ehrendes Interesse an dem Schicksale meiner „Musik' Aesthetik" veranlasst mich, Ihnen heute etwas hierauf bezügliches Erfreuliches mitzutheilen. Zu meiner nicht geringen Ueberraschung erhielt ich vor Kurzem eine holländische Recension dieses meines Werkchens eingesandt, überraschend schon dadurch, dass nach drei Jahren nach Erscheinen des letzteren ein Referent sich veranlasst gefühlt, darüber zu schreiben, ferner aber dadurch, dass ein ausländischer Kritiker an dem deutsch geschriebenen Buche Interesse gewonnen hat. Die Recension ist in dem angesehenen „^Vkokblaacl voor Muziek'4 in Amsterdam erschienen. Der Autor ist — wie mich eine ebenfalls eingetroffene sehr freundliche Postkarte desselben belehrt — seines eigentlichen Berufes Mathematiker und Schulmann, ist aber zugleich musikalisch kenntnisreich und gehört einem Abtheilungsvorstande der großen niederländischen „Gesellschaft zur Förderung der Tonkunst" an. Er erzählt im Beginne seines Referates, er sei vor mehreren Jahren in Deutschland gewesen, und da sei ihm von berufener Seite meine Musik-Aesthetik so eindringlich empfohlen worden, dass chm weder der ihm noch neue Name des Verfasses, noch die Mühe, einfremdsprachiges wissenschaftliches Werk durchzuarbeiten, abgehalten habe, sich mit dem Buche zu beschäftigen; und nachdem er es kennen gelernt, glaube er den Lesern der Zeitung einen Dienst zu erweisen, wenn er sie auf dasselbe Hinweise und darüber eingehend referire. Dieses holländische Referat ist das gründlichste und umfassendste von allen, die über mein Buch erschienen sind. Der Verfasser skizzirt darin meinen ganzen Gedankengang, wie ich ihn im ersten Theil des Buches entwickelte, um die obersten Erkenntnisse: eine wahre und reine Anschauung vom „Wesen und Inhalt" der Musik, und vom Princip des Zusammenhanges in der Musik, der von mir sogenannten „musikalischen Logik" zu gewinnen. Er berichtet objectiv, ohne Lob und Tadel beizufügen, aber da er die consequente Entwicklung meiner Gedanken stark in's Licht stellt, lässt er erkennen, dass ihm dieselben mindestens beachtenswerth erscheinen. Beim zusammenfassenden Bericht über den zweiten Theil des Buches, der das „Material der Musik" : Ton, Rhythmus, Satzbildung, Klangfarben u. s. w. behandelt, spricht er auch directes Lob aus, dem sich nur wenige Ausstellungen über Einzelheiten untermischen. — Ich darf diese Anerkennung meines Buches umso höher anschlagen, als es ja nur ein Torso, der erste Band eines Werkes ist, dessen zweiter noch einen sehrreichen und wichtigen Inhalt zu bringen haben wird. Sie können begreifen, wie sehr ich unter dem drückenden Bewusstsein, die Abfassung dieses zweiten Theiles Jahr um Jahr hinansgeschoben zu sehen, leide. Es fehlt mir dazu noch immer an Zeit, Sammlung, Nervenkraft. Ein Drittel dieses zweiten Bandes ist fertig, und auch bereits in Beilagen zur „Neuen Musik-Zeitung" von Grüninger in Stuttgart veröffentlicht; von dem Folgenden aber sind bis jetzt mtr Skizzen und theilweis ausgeführte Partien vorhanden. Jene gedruckte Abtheilung enthält Darlegungen allgemein-ästhetischer Principien, welche schließlich wieder auf die Musik selbst bezogen werden, und dadurch das im ersten Bande entwickelte musik-ästhetische System vervollständigen. Das noch Ungedruckte soll den weitschichtigen Stoff der verschiedenen Musikarten, der Instrumental-, Vocal-, Programm-Musik u. s. w., und der vielfältigen Einzelgattungen und Formen: Sonate, Ronde, Variationen u. s. w., — Lied, Arie, Chorcomposition, dramatische Formen u. s. w. behandeln, eine Arbeit, mit der ich hoffe, noch directere und wirksamere Aufklärungen zu bereiten, als durch die im Bisherigen entwickelten allgemeinen Grundsätze, mit den concreten Fällen und Beispielen beleuchtet, und so unmittelbar praktisch verwerthbare Erkenntnisse gewonnen werden. Möchte Gott geben, dass ich endlich zur abschließenden Ausführung dieses Buches, in welchem ich ein wichtiges Stück meiner Lebensarbeit sehe, gelange! Möchte aber auch der bisher veröffentlichte erste Band anfangen, nun er bei einzelnen Kennern Anklang gefunden, nun auch in der Allgemeinheit, im Kreise der Musiker und Musikfrennde (fürletztere ist sein populärer Styl berechnet) stärker bekannt zu werden und seine Wirkung zu üben! Denn so sehr mir eine persönliche Prätension ferneliegt, so sehr liegt mir an der Sache, weil ich glaube, dass das Buch eine Mission zu erfüllen geeignet und vielleicht berufen ist. Noch kaum jemals ist eine so große Verwirrung und Unsicherheit der Anschauungen über alle die Musik-Aesthetik betreffenden Fragen, ein bunteres Durcheinander von gegensätzlichen Meinungen in diesem Gebiete vorhanden gewesen als heutzutage, und eine neue, klare, feste Fundirung der musikalischen Begriffe ist daher dringendstes Bedürfnis. Ob mein Merkchen dieses Bedürfnis zu erfüllen vermag oder nicht, das kann sich allerdings erst aus der allgemeinen Aufnahme oder Ablehnung desselben ergeben; aber jeder Autor glaubt zunächst an seine Ansichten so lange, als nicht schlagende Gegengründe dieselben widerlegen. Ich möchte noch einige Worte über einen anderen Gegenstand, der uns gemeinsam am Herzen liegt, hinzufügen, über die gegenwärtig so lebhaft ventilirte Frage der „Jüdischen Melodien". Es geht mir hierin ähnlich wie mit meiner Aesthetik. Wie sehr drängt es mich, in diesem Forschungsgebiete etwas zu leisten, und wie sehr fühle ich mich unaufhörlich daran gehindert durch den Mangel an Zeit und Sammlung! Denn ich meine, es bedürfe sehr umfassender Studien, um hier mehr als vage Resultate zu erzielen, und namentlich um Einzelforschungen zu ermöglichen, d. i. die Herkunft der einzelnen bestimmten Melodien und Tonwendungen möglichst sicher zu ergründen. Mich schmerzt meine Gebundenheit umsomehr, als die allgemeinen Anschauungen, die ich mir auf Grund meiner bisherigen Kenntniffe habe bilden können, und nicht minder meine Combinationen über diese und jene Einzelmelodie den entschiedenen Beifall eines Forschers wie des seligen Professor Steinthal gefunden haben, und ich natürlich den lebhaften Wunsch hege, an erweitertem Studienmaterial die Richtigkeit meiner Aufstellungen prüfen zu können. Das ganz Geringe, das ich augenblicklich für diese Sache thun kann, soll geschehen. Am 2. Mai wird im hiesigen Jüdischen Literatur-Verein eine Discussion über die Frage der Jüdischen Melodien stattfinden, welche Herr Rabbiner vr. Ackermann aus Brandenburg — bekannt durch eine Broschüre über diesen Gegenstand — ' einleiten wird; ich werde mich betheiligen und meine Gedanken vortragen. Ich werde ferner die musikalische Beilage zur „Jüdischen Presse", welche durch Anregung des Herrn Cantor Dubowsky 8798

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