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Die Wahrheit · 1899-05-08 · Heft 16 (8.5.1899) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 16 (8.5.1899)
Date
1899-05-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 16. Seite 7. Die Wahrheit. UtilMtisttty au Tißa-LMr. Bon Karl Eötvös. Vor einigen Tagen ging durch die Blätter die bisher amtlich noch nicht bestätigte Nachricht, dass Moriz Schars, der Kronzeuge im Tißa-Eßlarer Processe, in Amsterdam, wo er durch viele Jahre als Diamantenschleifer thätig war, verstorben sein soll. Aus diesem Anlasse veröffentlicht der einstige Vertheidiger des Hauptangeklagten im Nitualmordprocesse, Abgeordneter Karl Eötvös, im „Egyetertes" folgende hochinteressante Reminiscenz: Sechzehn bis siebzehn Jahre sind seit jenem Processe verflossen. Aller Details und aller Figuren kann ich mich nicht mehr genau erinnern, aber der kleine Moriz, der „Schlingel", wie ich ihn vordem Gerichtshöfe benannte, ist mir so ziemlich im Gedächtnisse geblieben. Der Knabe war damals und ist auch heute noch in den Augen eines beträchtlichen Theiles der gebildeten Welt ein großes Näthsel. Dieser Knabe war es, der die Aussage machte, er habe durchs Schlüsselloch der Synagogenthür mitangesehen, wie die Juden, darunter sein eigener Vater, das Christenmädchen Esther Solymosy in der Tempelvorhalle niederlegten, ihr die Kehle durchschnitten und das Blut abzapften. Dass an dieser Aussage kein wahres Wort war, darüber war ich ohne längeres Nachdenken im ersten Moment im Reinen, nachdem ich das ganze Processmaterial flüchtig durchgesehen hatte. War doch Esther's Leiche bei Dada aus der Theiß herausgefischt worden, und zwar mit unversehrtem Halse, und gab es doch noch überdies hundert wichtige Umstände, durch welche die Grundlosigkeit der vom kleinen Moriz aufgestellten Behauptung nachgewiesen wurde. Warum aber hatte er dann dermaßen ausgesagt? Er war weder kränklich, noch ein Idiot, auch plagten ihn keine Visionen. Bei der Verhandlung. präsentirte er sich als ein gesunder, rothwangiger, gutgelaunter, draller Knirps mit nicht unangenehmer Physiognomie, dem man es ansah, dass er gut genährt und gepflegt worden. Seine Mutter habe ich nicht gekannt. Die Gattin seines Vaters war die Stiefmutter des Knaben. Den Vater habe ich gut beobachtet. Auch er war ein starker, gesunder, rothbackiger Mensch. Er hatte ein braves Gemüth und war ein ländlicher, arbeitsamer Jude von gutem und so rein ungarischem Humor, wie ich eine ähnliche Species noch selten gesehen habe. Seiner ursprünglichen Profession zufolge wäre er eigentlich ein Schuster gewesen, aber das Schuhflicken bot ihm keinen genügenden Erwerb, und deshalb verrichtete er im Taglohn allerlei landwirthschaftliche Arbeit: Mähen, Umbauen rc. Gutes Gemüth und guter Humorweisen auf ein gutes Herz und keinesfalls auf Mangel an Verstand. Und der kleine Moriz ähnelte, wie es mir vorkam, in feinen Gesichtszügen und in seinem Körperbau ganz dem Vater. Aber auch sonst habe ich Morizchens Verstandeskraft ausgeforscht. Es war das keine schwache Kraft. Sie stand stark über dem geisllgen Durchschnittsniveau der dreizehnjährigen Buben. Also woher seine Aussage? Ich bemerke nur so nebenbei, dass es mir beim Studium der Nitualmordprocesse auffiel, dass als Hauptbelastungszeuge oft ein Judenknabe fungirte, und zwar pflegte die Sache so zu sein, dass man den Buben festnahm, ihn von den Juden isolirte, der öffentlichen Controle entzog und dann, nach gewisser Zeit, log der Knabe wie gedruckt. So geschah das im Jahre 1794 im -P6rer, und, wenn ich nicht irre, auch 1764 im Süroser Proceß. Ganz so geschah es aber in der Eßlärer Affaire. Ich konnte keinen anderen Verdacht hegen, als dass man dem kleinen Moriz seine Aussage einstudirt hatte. Der Gerichtsjargon nennt solchen Fall eine „Abrichtung". Derartiges ist im weltberühmten Processen häufig geschehen. Die Zeugenaussage des französischen Dauphins, des Sohnes der guillotinirten Königin Marie Antoniette, weist eine auffallende Aehnlichkeit auf. Auch der kleine Dauphin war von der Welt abgesperrt, auch ihn hatte man gegen seine Mutter aufgehetzt. Auch ihm hatte man eine Aussage in den Mund gelegt, die ganz unwahr und unglaublich war. Wenn ich einmal Zeit habe, werde ich den Seelenzustand dieser beiden Zeugen, des Dauphins und Moriz Scharf's, auf psychologischer Grundlage miteinander vergleichen. Bei Moriz ging die Abrichtung nicht leicht oder wenigstens nicht rasch von statten. Er war ein Jahr lang gefangen. In der ersten Hälfte dieser Zeit brachten ihm nur Zwang und Furcht die Worte auf die Lippen. In der zweiten Hälfte bezeichnete er seinen Vater und die übrigen Juden frech und kühn, ja prahlend als Mörder. Zuerst hatte man ihm die Juden im Allgemeinen, dann den Vater verhasst gemacht. Sein Fühlen und Denken ward unnatürlich. Sein Gemüth und Geist wurden von Ehrgeiz und Größenwahn erfüllt, deren Befriedigung dann erfolgt wäre, wenn man die Juden verurtheilt hätte. Andererseits flößte man ihm den Gedanken ein, dass ihn die Juden, wenn man sie freisprechen würde, todtschlügen. Für all das haben Untersuchung und Verhandlung viel Material angehäuft. Der Vater wollte es durchaus nicht glauben, dass sein Sohn mit aufrichtigem Gefühl aussage. Unter den Angeklagten befand sich ein älterer Jude, mit langherabwallendem, eisgrauem Barte, eine schöne, alterthümliche, biblisch-patriarchalische Figur. Eines Tages sagte Joseph Scharf vor dem Gericht zu seinem Sohne: — Mein liebes, gutes Kind, schau Dir diesen alten Mann an, seinen weißen Bart, sein ehrliches Gesicht. Warum willst Du diesen rechtschaffenen Greis an den Galgen bringen? Der Knabe betrachtet den Alten. Sein Antlitz wird roth, irgend ein Gefühl treibt ihm das Blut in die Wangen. Aber plötzlich zuckt er mit den Schultern und er gibt zur Antwort: — Das ist mir egal, was mit Ihren elenden Juden geschieht. Nun sagt der Vater: — Was unterstehst Du Dich zu sagen? Bist denn Du kein Jude? — Nein, und ich will auch keiner sein. Nach diesen Worten kehrte Moriz seinem Vater den Rücken. Der Vater wankte zu seinem Sessel. Er sprach kein Wort mehr, er setzte sich. Aber er griff plötzlich nach seinem Rockumschlage und mit eiserner Kraft machte er einen Riß an demselben. Der Präsident wurde auf dieses Thun aufmerksam und fragte: — Was machen Sie, Scharf? Der Vater blickte nicht einmal auf. Er barg sein Antlitz in die großen, schwieligen Taglöhnerhände und antwortete schluchzend: — Ich beweine einen Todten, ich zerreiße mein Kleid. Wir sind Zweihundertunddreißig im Saale und kein Auge bleibt thrünenlos. Ein Vater beweint seinen verstorbenen Sohn. Der ist für ihn todt, weil er seinen Stamm hasst und weil er den Gott seiner Väter verleugnet. Der Sohn aber wiegt gleichgiltig den Kopf nach rechts und links und summt leise ein Spottlied vor sich hin. Nie habe ich ein herzzerreißenderes Bild gesehen. Und derartige Scenen gab es gar viele in diesem Processe, der der größte war, den es in der Welt überhaupt gegeben hat. Die Affaire Dreyfus beginnt eine entfernte Aehnlichkeit mit dieser Sache zu gewinnen. Wenn ich einmal in der Lage sein werde, die wahre Geschichte dieses Processes schreiben zu dürfen, wird die Welt staunen und eine Lehre daraus schöpfen. Und man wird Achtung hegen vordem ungarischen Richtercorps, das sich durch die öffentliche Meinung der Welt weder einschüchtern, noch beugen ließ, sondern Gerechtigkeit übte und die Angeklagten freisprach. Ich habe den Knaben Moriz bedauert. Aber ich fasste zugleich einen Zorn gegen Diejenigen, die ihn ein Jahr lang gefangen hielten. Unter dem Drucke der öffentlichen Meinung war ich jedoch nicht im Stande, seine Befreiung zu erwirken. Wie sehr ich ihn aber auch bedauerte, über die Sache selbst habe ich nie mit ihm gesprochen. Deutlich sah ich den Ursprung, die Entwicklung, die Festigung seiner Aussagen. Und was mir klar war, wollte ich nicht durch sein privates Gespräch verdunkeln lassen. Es liegt nicht in meiner Absicht, zu erforschen, wer sein Lehrer und Meister gewesen. Sie hatten weder Glück noch Geschick; denn sie hatten seine erste Aussage schriftlich abgefasst, durch ihn einstudiren und häufig vorsagen lassen, so dass er, als er vor's Gericht kam, seine Rede herableierte, als ob ihm das so häufige

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