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Die Wahrheit · 1899-05-08 · Heft 16 (8.5.1899) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 16 (8.5.1899)
Date
1899-05-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 16. Gluth in dem großen Raum, der sonst der profanen Aufgabe der primitivsten Volksernährung gewidmet ist. Aber noch immer zog das Publicum, aus Damen und Herren, aus Angehörigen verschiedenster Berufsclassen und Altersstufen bestehend, zu, so dass sich der Portier genöthigt sah, das große Gitterthor zu schließen, und vom nahen Polizei-Commisfariate eine Abtheilung Sicherheitswache herbeigestellt werden musste, dem Andrang zu wehren. Da half freilich kein Parlamentiren mehr, Scharen zogen ab, Einzelne drangen vom kleinen Saal her, eine große Flügelthür eindrückend, in das Versammlungslocal. Dort zeigte sich sofort, was die Correspondenzkarten der .,Otz8ko-Liäov8Lä politiekä Jednota“ zu bedeuten hatten. Kaum sollte vr. Kahn seinen Vortrag beginnen, als ihm lautes „Mluvte eesky!“ (Sprecht czechisch!) entgegentönte. Der Vortragende war in dieser Versammlung eher auf die Aufforderung, hebräisch zu sprechen, gefasst, als darauf, sich des czechischen Idioms zu bedienen, da er als Wiener noch nicht zu den nach der Sprachenverordnung hiezu verpflichteten Personen gehört, dagegen als Nationaljude gewiss am liebsten hebräisch gesprochen hätte, wenn er sicher gewesen wäre, von der Versammlung verstanden zu werden. Diese nahm sich in ihrer Mehrheit des Vortragenden an und nahm energisch gegen die czechischen Provocateure Stellung, welche sich jedoch als so gut geschult erwiesen, dass der anwesende Polizei-Commissär, kein anderes Mittel, die Ruhe herzustellen, erblickte, als indem er die Versammlung für aufgelöst erklärte. Auf Bitten des einberufenden Comitü's nahm er jedoch seine Verfügung zurück, zumal die anwesenden Socialdemokraten dafür plaidirten, den Redner anzuhören. vr. Kahn konnte nun seinen Vortrag beginnen. Er schilderte das beispiellose Elend der in Galizien und in Rußland lebenden Juden, welche als vogelfrei behandelt werden und mit schwerster Arbeit kaum das Nothwendigfte verdienen, dabei in unerschütterlicher Treue an den Geboten und Bräuchen ihrer Religion festhalten. Er legte die Colonisations-Bestrebungen in Amerika, speciell in Argentinien dar, erörterte die Gründe ihres Mißlingens und kam dann auf Palästina zu sprechen, vr. Kahn ist, wie schon bemerkt, Nationaljude, und er vertrat auch in seinem Vortrag die Ansicht, dass den Juden nichts übrig bleibe, als zu ihrer ursprünglichen Nationalität Zurückzukehren. Die Kolonisation von Palästina sei die natürliche, durch Geschichte und Religion begründete, aber auch nach Lage der Dinge die beste. Palästina sei das geeignetste Land für die jüdische Colonisation, wie schon die Ergebnisse der wenigen dort bereits gegründeten Colonien darthun, die es schon zu einem verhälnismäßig beträchtlichen Export von Boden-Producten gebracht haben. Nachdem der Vortragende seine Ausführungen beendet, erbat sich ein, wenn wir recht berichtet sind, der socialdemokratischen Partei angehöriger Zuhörer, Namens Gehorsam, das Wort, das ihm auch vom Vorsitzenden ertheilt wurde. Allein die Versammlung in ihrer Mehrzahl wollte keine Debatte, wenigstens nicht früher, als bis auch der zweite der angemeldeten Redner, Herr Jork Steiner, seinen Vortrag gehalten hätte. Herr Gehorsam war daher gezwungen, unverrichteter Dinge in eine Gruppe zurückzukehren, aus welcher jetzt das Losungswort erscholl: „Wenn Gehorsam nicht sprechen darf, dann soll auch niemand Anderer sprechen!" Das war denn auch Wasser auf die Mühle der czechisch-nationalen Juden, welche wiederum zu spectakeln begannen, bis sich einer von ihnen, ein halbwüchsiger Bursche, den Ruf leistete: „A€ ziie öeskf üärod!“ (Es lebe das czechische Volk!) Nun war der Versammlung nicht mehr zu helfen, und der Polizei-Commissär löste sie neuerdings und endgiltig auf. Die Aufregung hatte aber einen solchen Siedepunkt erreicht, dass es zu Thätlichkeiten kam, die sich bis auf die Stiege fortpflanzten. Unter lebhafter Erörterung der Geschehnisse entfernten sich endlich die Theilnehmer, deren überwiegende Mehrzahl der gerechten Entrüstung über die ungebetenen provocatorischen Störefriede Ausdruck gab, die in eine in friedlichster und — wie man auch über die Ziele des Zionismus denken mag — humanster Absicht einberufene Versammlung ohne jeden Schein einer Berechtigung Unfrieden und Gewaltthätigkeiten hineiugetragen haben. Ein Gegenstück zu dieser Betonung des czechisch-nationalen Standpunktes seitens eines Theiles unserer Prager Glaubensgenossen finden wir in einem in der „Bohemia" veröffentlichten Erklärung eines Herrn Ludwig T aussi g, der nur im strammen Festhalten am Deutschthum das Heil des Judenthums erblickt. Unter dem Titel „Die Juden in Böhmen" schreibt der Genannte, ein strammer Deutschnationaler, Folgendes: „Die anständigen Leute, welche der von zionistischer. Seite veranstalteten Volksversammlung in der Producten-Börse beiwohnten, sind heute um eine Erfahrung reicher, welche den temperamentvollen Lehrmeistern alle Ehre macht. Unsere czechischen Glaubensgenossen stehen unter so bewährter Leitung, dass es uns füglich nicht wundert, wenn die jungen Herren in der Veranstaltung von Volksscenen nach ihrem Geschmack das Aeußerste leisten. Hörte ich doch, wie einer der feurigen Jünglinge, als der Tumult den Höhepunkt erreicht hatte, mit gesättigtem Behagen zu einem Genossen sagte, der Breznovsky werde an dieser Versammlung seine Freude haben. Für die tumultuösen Vorgänge gibt es einfach keine sachliche Erklärung. Die Annahme, dass die Mehrzahl der Theilnehmer aus überzeugten Zionisten bestand, ist durchaus irrig. Man darf Diejenigen, welche sich an dem Höllenlärm nicht betheiligten, nicht für Nationaljuden halten. Die Majorität bewies durch ihre gebildete Haltung nur die Ueberlegenheit der deutschen Cultur. Die einzige Ursache der von czechischer Seite erfolgten Sprengung der Versammlung liegt darin, dass die talentvollen jüdischen Jünger der „Naroänl Listy“ die bekannten Wallungen bekommen, wenn sie die verhasste deutsche Sprache hören. Wir Deutsche nahmen an der jüdischen Volksversammlung in der Absicht theil, die Zionisten im Laufe der Debatte darüber aufzuklären, dass die deutschgesinnten Juden mit den ihre Nationalität verleugnenden jüdischen Socialisten nichts gemein haben. Fürwahr, die Deduction ist nicht übel! Weil dem Juden bisher noch manche Laufbahn verschlossen ist, weil der größte Theil der polnischen Juden in dürrem Elend lebt, darum wäre es die Pflicht der ehrlichen Glaubensgenossen, sich von der angestammten deutschen Nation loszusagen. Ich fasse nur das deutsche Volk in's Auge, weil wahrlich kein Anlass vorhanden ist, dass sich die deutschen Juden ihrer in feindlichen nationalen Lagern stehenden Glaubensgenossen annehmen. Wenn der galizische Augiasstall gehörig ausgeräumt würde, müssten auch für die polnischen Juden bessere Existenz- Verhältnisse eintreten; und Sünden vergangener Jahrhunderte können nicht über Nacht gänzlich ausgerottet werden. So stellt sich der Zionismus als eine krankhafte Idee dar, welche nie und nimmer unsere Unterstützung finden darf. Die große Majorität der Juden in Böhmen steht im fortschrittlichen deutschen Parteilager. Als Mitglieder dieser deutschen Nationalpartei zählen wir zu dem großen, herrlichen deutschen Volke, welches wir uns von keinem Verführer abschwatzen lassen werden. Mit dem deutschen Volke verbindet uns das gleiche deutsche Nationalbewusstsein, dieselbe Sitte, dieselbe Muttersprache, dieselben Schicksale, dieselbe Bildungs- und Culturstufe. Die gegen das Judenthnm gerichtete Parteipolitik ist auf der ganzen Linie im Niedergang begriffen, so dass wir unserer Treue herzlich froh werden müssen. Doch den Schwankenden unter den Juden deutscher Herkunft rufe ich zu: Leget Euere Schwäche ab, bekennet Euch ehrlich zur deutschell Sache, damit Ihr Euch von der allgemeinen Verachtung reiniget, welche Ihr als klägliche Zwitter auf Euch lenket! Allein, selbst in dem gegenwärtigen zerfahrenen Zustande gilt für die Mehrzahl der Juden in Böhmen das stolze Wort: Wir sind deutsch geboren und werden allen Räilken zum Trotz deutsch bleiben! Wir halten immerdar und unentwegt treu und fest zum deutschen Volke, — nur im Zeichen des Deutschthums erblüht uns Heil!"

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