Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 16 (8.5.1899)
- Date
- 1899-05-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 16. Die Wahrheit. Seite 5. Die Organisation der österreichischen Judenschaft bezeichneten wir neuerlich als überaus wichtige und hochbedeutsame Aufgabe, welcher der Vorstand allerdings durch die unter seiner Führung vollzogene Gründung des Oesterreichisch-Jsraelitischen Gemeindebundes nähergerückt sei, welch' letzterer selbst aber noch kein sichtbares Lebenszeichen von sich gegeben und der Oeffentlichkeit noch als Mysterium erscheine. Nicht minder seien die Anforderungen bezüglich der Gemeinde- Organisation, ebenso wie die gerechten Wünsche der Tempelvereine unerfüllt, während der Ruf nach Steuerreform in der vorgenommenen Erhöhung des Steuermaximums keineswegs seine Befriedigung erblicke. (Sehr richtig!) Mit größerer Genugthuung findet der Verein, dass auf dem Gebiete der Reform der Armenpflege seine Anregungen und Bemühungen Früchte getragen haben, indem im Mai 1898 eine umfassende Enquete durchgeführt wurde, deren Resultate allerdings noch nicht veröffentlicht sind, während dagegen die Heranbildung von Krankenpflegerinnen seither unternommen und, worauf wir besonderen Werth legten, ein Verein für Arbeitsnachweis unter dem Patronate des Cultusvorstandes in den letzten Tagen factisch gegründet worden ist. (Lebhafter, andauernder Beifall.)" Dr. Fialla erwähnt noch der großen, gemeinsam mit anderen jüdischen Vereinen wider den die confessionelle Trennung der Schulkinder in den Schulclaffen anordnenden Erlass des Bezirksschulrathes am 17. Oktober 1898 veranstalteten Protest- Versammlung, in welcher dem Präsidenten des „Politischen Volksvereines" die Erstattung des Referates Vorbehalten war (Allgemeiner Beifall), und gelangt zum Schluffe zur Behandlung der palästinensischen Colonisationsfrage unter dem speciellen Gesichtspunkte der uns Juden in Oesterreich zunächst in Anspruch nehmenden Nothlage unserer Glaubensbrüder in Galizien. „Die colonisatorische Verpflanzung auf den geheiligten und ergiebigen Boden Palästinas erscheine als eines der zuverlässigsten Mittel der Abhilfe, als ein solches, welches die Colonisten nicht blos physisch rettet und zu nützlichen, schaffenden, thätigen Gewerbetreibenden, Bauern und Arbeitern emporhebt, sondern auch moralisch erhebt, beglückt, ihrem Glauben, ihrer Religion bewahrt, daher in jedem Einzelnen den Menschen und den Juden zugleich einem würdigen Dasein, einer sicheren Zukunft zurückgibt." (Stürmischer, anhaltender Beifall.) An der Discussion über den Bericht nahmen die Herren Gottlieb Bettel heim, Religionslehrer Buxbaum, Bezirksausschuss Wald st ein, Moriz Baum, Dr. Kadisch und Dr. Marcell Hoffmann theil. Bemerkenswerth waren folgende Aeußerungen des Herrn Gottlieb Bettelheim: „Der politische Volksverein' hat sich unter anderen Zwecken die wichtige und nicht minder dankbare Aufgabe gestellt, den Gemeinsinn zu heben, das Interesse am Gemeindeleben zu wecken, um alle schlummernden Kräfte zum Wohle der Gemeinde und dadurch des Judenthums überhaupt zu heben und zu verwenden. Mit großem Geschicke hat es der .Politische Volksverein' durch seinen ausgezeichneten und energischen Präsidenten unternommen, die Nachtheile unseres Gemeindestatutes aufzudecken, wie zum großen Theile unsere veraltete und durchaus reactionäre Gemeindeverfassung an dem Darniederliegen des öffentlichen Geistes die Hauptschuld trägt, indem durch sie der Contact der Gemeinde mit dem Vorstande aufgehoben wurde. Der politische Volksverein' hat insbesondere Allen klar gemacht, wie übel berathen die Gemeindevorstehung ist, wenn sie in ben Tempelvereinen auf Schwächung der Gemeinde losgehende Rivalen sieht, anstatt in ihnen ihre Pionniere, ihre Kerntruppen zu suchen. In dieser Richtung hat der politische Volksverein' auch thatsächlich sehr große Erfolge erzielt; denn wir alle wissen, dass die vor drei Jahren aufgestellten und im jüngsten Herbste erweiterten Postulate dieses Vereines von nahezu allen Candidaten des Cultusvorstandes acceptirt wurden. Ich bin gewiss, dass der politische Volksverein^ nicht früher rasten wird, als bis die Statuten unserer Gemeinde im Sinne dieser Wahlprogramme und in wirklich liberalem Geiste umgeändert sein werden. (Allseitige Zustimmung.) Erst wenn dies geschehen ist, wird unsere Gemeinde wieder wie einst die Führerin der Judenheit sein, und jeder Einzelne sich dann freudig dem Ganzen unterordnen." Bei den folgenden Neuwahlen wurde der Präsident Herr Dr. Fialla mit Acclamation und Applaus und der gesammte, aus den Herren Hermann Beck, S. Brod, kaif. Rath Moriz H ir s ch, Advocaten Dr. Marcell H of f m a nn, Carl K o h n, Director B. L an g b a n k, kaiserl. Rath Dr. Joh. L i ch t e n ft a d t, Commercialrath A. Marek und Heinrich Teltscher bestehende Vorstand, sowie die Herren M. Baum und Bezirksausschuss Wald stein als Casserevisoren mittelst Stimmzettel einhellig wiedergewählt. _ Die Prager Bimtifteu-Derfammlmig. Der unglückliche Sprachenstreit zwischen Deutschen und Czechen, der nicht nur in Böhmen, sondern in ganz Oesterreich alles politische und sociale Leben beherrscht, brachte auch die von den Zionisten einberufene „Jüdische Volksversammlung", über welche bereits in voriger Nummer der „Wahrheit" kurz berichtet wurde, zu einem gewaltsamen Abschluss. Man sollte meinen, dass Juden, wenn sie zusammenkommen, um zu einer specifisch jüdischen Frage Stellung zu nehmen, sich zunächst als Juden fühlen sollten, aber in dieser jüdischen Versammlung gab es nicht Juden, sondern Deutsche, Czechen, Socialisten und Zionisten, und da jede der vier Parreien, namentlich die czechische, ihren Standpunkt mit großer Hartnäckigkeit vertrat, war ein ruhiger Verlauf unmöglich. Wir erklären uns offen als Gegner des sogenannten „politischen" Zionismus, aber ebenso gerne wollen wir anerkennen, dass die zionistische Bewegung geeignet ist, jüdisches Fühlen und Denken bei unseren Glaubensgenossen zu erwecken, und als naturgemäßer Rückschlag gegen die Anstürme, die von allen Seiten auf uns eindringen, ernste Beachtung und Würdigung verdient. Dass es übrigens außerordentlich noth thut, die Juden daran zu erinnern, sich in erster Reihe als Juden zu fühlen, das zeigte auch die erwähnte Versammlung, über welche wir im Nachfolgenden ausführlich berichten: Die in den großen Saal der Producten-Börfe einberufene „Jüdische Volksversammlung", in welcher Herr Hof-und Gerichts- Advocat Dr. Kahn aus Wien über den Zionismus als Endglied der jüdischen Weltwanderung sprechen und Herr Aork Steiner aus Wien seine Reiseeindrücke aus Palästina schildern sollte, nahm einen höchst stürmischen, unerwarteten Verlauf. Tie Einberufer der Versammlung, „wilde" Zionisten, die noch nicht organisirt sind, hatten'offenbar wenig Vertrauen in das Interesse gesetzt, welches der Zionismus unter den Juden Prags bisher gefunden hat. Indessen war es für Kenner der Verhältnisse zweifellos, dass diese Volksversammlung starken Zulauf haben würde. In einem hiesigen Gymnasium — vielleicht auch in den übrigen Mittelschulen — wurde den Schülern sogar, gewiss im Hinblick aus diese Versammlung, jene Bestimmung der Disciplinar- Vorschriften in Erinnerung gebracht, welche die Theilnahme an öffentlichen Zusammenkünften untersagt. Dass der hiesige czechischjüdische politische Verein seine Mitglieder mittelst Eorrespondenzkarte zum Besuch der Versammlung aufforderte und ihr Erscheinen als dringend nothwendig bezeichnete, wurde von ben arrangirenden Zionisten als ein gutes Zeichen für das Interesse an der zionistischen Sache aufgefasst. Der Saal war lange vor Beginn des Vortrages bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Es herrschte eine wahrhaft palüstinesische