Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 15 (30.4.1899)
- Date
- 1899-04-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10. „Continental", II., Taborstraße 4, einen Vortragsabend, bei welchem Herr Di-. D. Neumark. Rabbiner in Strakonitz, über das Thema: „Ethik und Nationalismus im Iudenthum, eine kritische Betrachtung", sprach. Brün«, 23. April. (Trauerfeier für die verewigte Baronin Clara von Hirsch-Gereuth.) Wenn dieser Bericht über eine auch in unserer Gemeinde abgehaltene Trauerfeier etwas zu spät kommt, so ist daran nicht der Berichterstatter schuld, sondern der Umstand, dass der Trauergottesdienst infolge mancher zu behebender Hindernisse, erst am 20. d. M., das ist am dritten Jahrestage des Todes ihres edlen Gatten, stattfinden konnte. Erlassen möge es uns werden, die besagten Hindernisse aufzuzählen, es ist ein unerquickliches Capitel. In einer Zeit, in der wir uns mehr als je bestreben sollen, den Namen des Judenthums vor jeder Befleckung zu wahren, wäre es ein „Chilul-ha-Schem“ davon des Breiteren zu sprechen. — Am genannten Tage also, gegen 6 Uhr, versammelten sich in unserem herrlichen Gotteshause, das Trauerschmuck aufwies und hell erleuchtet war, eine sehr zahlreiche Trauergemeinde, die Vorstände aller hiesigen Wohlthätigkeits- Vereine, die Gemeindevertretung und die Schuljugend; die Galerien wurden von Damen ans allen Gesellschaftskreisen besetzt. — Die Stimmung war ungemein feierlich und die Haltung der Versammelten würdevoll und andächtig, der erhabenen Stunde angemessen. Ober-Cantor Heller recitirte in hebräischer Sprache mit sonorer Stimme das „Herr, was ist der Mensch!" Die Gedenkrede wurde von dem Religionslehrer Dr. Max Grünfeld gehalten. Die Wohlthätigkeit der Verewigten verglich er mit dem Brunnen, welcher nach der Legende, solange Mirjam, Mosis Schwester, lebte, Israel voranzog in der Wüste. Der Brunnen labte die Lechzenden und Müden. So habe auch die Menschenliebe der edlen Frau die Beladenen und Müden, die Kranken und Siechen, die Witwen und Waisen, umfasst und erhoben. „Ihre Hand breitete sie aus über den Armen und reichte sie dem Dürftigen". Besonders warm schlug ihr Herz für die armen jüdischen Brüder und Schwestern. Der Redner wies auch darauf hin, wie die Verewigte in der Nähe unserer Stadt ein Schloss und dazugehörigen Park der armen, erholungsbedürftigen Jugend gespendet habe. — Die einfachen Worte, an welche sich das innige Gebet für das Seelenheil der Verewigten anschloss, machten auf die Versammelten tiefen Eindruck. Die hiesige Gemeinde hat nur edle Menschenpflicht erfüllt, wenn sie diesen Gottesdienst veranstaltete. Ein Volk, das seine großen Todten ehrt, ehrt sich selbst. .InäLus Vrunensis. Prag, 25. April. (Eine jüdische Volksversammlung.) Das Wiener zionistische Actionscomit6 veranstaltete gestern, am 24. d. M., im großen Saale der Productenbörse eine allgemeine jüdische Volksversammlung. Der Saal war überfüllt. Um 8 Uhr eröffnete der Einberuser Dr. Urbach die Versammlung, worauf die czechischen und socialdemokratischen Juden störende Zwischenrufe ausstießen; erstere schrieen, dass czechisch gesprochen werde. Es entstand nun ein solcher Tumult, dass die Versammlung aufgelöst werden musste. Nun beruhigte sich das Publicum und es gelang, die Rücknahme des Verbotes zu erwirken, woraus Herr I. U. vr. L. Kahn aus Wien sein Referat hielt: „Der Zionismus als Endglied der jüdischen Weltwanderung". Der Vortrag, besonders die Schilderung der Leiden der jüdischen Proletarier, von denen 600.000 in tiefsten Elende schmachten, machte aus die Anwesenden ergreifenden Eindruck. Nun kam es wieder zu Ruhestörungen, da viele Anwesenden die Discussion über diesen Vortrag erzwingen wollten, ohne erst den Vortrag des Herrn Jork-Steiner über die Colonien in Palästina abzuwarten. Min löste der Regierungsvertreter die Versammlung auf; Sicherheitswache räumte bald den Saal. Herr Jork-Steiner wird seinen Vortrag morgen, 26., in einer vertraulichen Versammlung halten. Gestern fand hier die Gründung eines zionistischen Vereines statt. Prag. Der Privat-Fraueu verein zur Erziehung armer israelitischer Waisenmädchen in Prag hält Donnerstag, den 27. d. M., um 11 Uhr Vormittags, im Vereinslocale (Stockhausgasse Nr. 152—V) seine 43. General-Versammlung Nr. 15. mit folgendem Programme ab: 1. Verwaltungsbericht für das Jahr 1898, 2. Cassabericht, 3. Nevisionsbericht, 4; Wahl des Vorstandes und der Revisoren. Budapest. Der Ungarische israelitische Handwerks- und Ackerbauverein hielt am 20. April unter deui Präsidium des Abgeordneten Dr. Armin Neumann eine Ausschusssitzung, in welcher der Vorsitzende der verblichenen Baronin Moriz Hirsch und dem dahingeschiedenen Ausschussmitglied Alexander Wahrmann warme Nachrufe widmete. Nach mehreren Anmeldungen wurde zur erfreulichen Kenntnis genommen, dass der Präsident der Temesvürer israelitischen Religionsgemeinde, Salomon Sternthal, im Interesse des Vereines eine erfolgreiche Agitation eingeleitet hat. Der vom Vereins-Secretär David Keineny vorgelegte Entwurf des Jahresberichtes wurde angenommen. Die General-Versammlung wurde für den 11. Mai anberaumt; für Zöglings-Prämien wurden 100 fl. votirt. Verschiedene Vachrichten. Baden. Am 25. d. M. ward es ein Jahr, dass Frau Sidonie Reich, die edle und fromme Gattin unseres ehrwürdigen Rabbiners, Herrn Wilhelm Reich, zu Grabe getragen wurde. Der Vorstand unserer Cultusgemeinde ließ für die Hingeschiedene in Würdigung ihrer hervorragenden Tugenden ein monumentales Grabmal ansertigen, welches am gedachten Jahrzeittage im Beisein der Borstände der Cultusgemeinde und der Chewra- Kadischah, wie zahlreicher Freunde und Verehrer des ehrwürdigen Rabbiners errichtet wurde. Der noch immer trostlose Gatte gedachte bei diesem feierlichen Acte in kurzen, aber ergreifenden Worten der vortrefflichen Eigenschaften der Verewigten und dankte tiefbewegt insbesondere dem Vorstand für die außerordentliche Pietätsbezengung und allen Anwesenden für die warme Theilnahme. Auch sämmtliche Frauen der Cultusgemeinde Baden lassen als Zeichen ihrer innigen Verehrung für die selige Frau Rabbiner aus freiwilligen Beiträgen ein prachtvolles „Paroches" ansertigen, das den Namen der Verewigten tragen wird. So wird in jüdischen Gemeinden die Tugend geehrt und gewürdigt. Brandeis a. E., April 1899. Am 18. d. M. starb hier nach kurzem Leiden Herr Isidor Spira, k. u. k. Hauptmann-Nechnungsführer I. Classe des k. u. k. Dragoner-Regimentes Nr. 7, Herzog Carl von Lothringen, Besitzer der Kriegsmedaille und der Jubiläums-Erinnerungsmedaillc, gebürtig aus Trebitsch in Mähren, im 48. Jahre seines Lebens. Wie sehr derselbe in Officierskreisen sowohl, wie auch von Privaten geschätzt, geliebt und geehrt wurde, davon zeugte die allgemeine und großartige Trauerkundgebung an seinem Leichenbegäugniße. Die Ueberführung nach seiner Heimat fand am 20. d. M. um 2 Uhr Nachmittags statt. Im Trauerhause hatten sich das k. u. k. Officierscorps mit dem Obersten Grafen St. Quentin und dem Major Freiherrn von Weber eingefunden, der Bürgerineister mit dein Magistrat, der Cultusvorstand mit dem Cultusvorsteher Herrn Eduard Schulhof, die k. u. k. Beamten, sowie die Beamten der Großherzoglich-Toskanischen Domäne und zahlreiche Honoratioren von Nah und Fern. Nach den üblichen Gebeten widmete Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner Bernhard Weiß dem Verstorbenen einen ehrenvollen Nachruf, indem er die hervorragenden Tugenden des Verblichenen mit beredten Worten schilderte. Nach einem kurzen Gebete setzte sich der Zug in Bewegung. Eine Escadron Dragoner eröffnete denselben, sodann folgte der Radetzky-Veteranenverein mit Musik und Fahne. Vor dem Leichenwagen trug ein Unterofficier einen mächtigen schwarzumflorten Palmenzweig, ein anderer auf einem rothen Sammtpvlster die Auszeichnungen des Verblichenen. Nun kam der mit vier Pferden bespannte Leichenwagen, reich bedeckt mit kostbaren Kränzen, zu dessen beiden Seilen Unterofficiere mit Kränzen und andere mit gezückten Säbeln einherschritten. Hinter dem Leichenwagen schritt Sr. Ehrwürden Herr^ Rabbiner Bernhard Weiß, sodann die Leidtragenden, das Officierscorps des k. u. k. 7. Dragoner-Regimentes mit dem Oberst Grafen St. Quentin und Major Freiherrn von Weber, der Cultusvorstand, der Bürgermeister mit dem Magistrate und zahlreiche Honoratioren und Bewohner unserer Stadt. Den Schluss bildeten der Kronprinz Rudolf-Veteranenverein mit Musik und Fahne und eine Escadron Dragoner. Alle Straßen von Brandeis und Altbunzlau, durch welche sich der Trauerzug bewegte, waren bis zum Bahnhofe dicht mit Menschen besetzt. Hier endlich angelangt, wurde die Leiche in den bereitstehenden Waggon gegeben und nachdem der Herr Rabbiner mit Die Wahrheit.