Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 15 (30.4.1899)
- Date
- 1899-04-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 15. Seite 7. Die Wahrheit. energisch ihren Standpunkt geltend zu machen, und die Rabbinen in der Versammlung beanspruchten, dass bei einer solchen rein theologischen Frage nicht nach Majorität entschieden, sondern dem Votum der Fachmänner ein größeres Gewicht beigelegt werde. Aber mit diesem Verlangen drangen sie nicht durch; nach heftiger Diseussion einigte man sich nur dahin, dass der abweichende Standpunkt der Rabbinen in der Mischehenfrage in der Antwort auch erwähnt wurde?) Die Antwort, die schließlich festgestellt wurde, geht von der Ansicht aus, dass in der Bibel nur die Heiraten mit bestimmten götzendienerischen Völkern verboten seien, und zwar mit der deutlich ausgesprochenen Begründung: weil die Juden durch solche zur Abgötterei verleitet werden könnten. Die neueren Völker aber, die ebenso wie wir den Gott des Himmels und der Erde anbeten, seien (wie aus Aeußerungen des Talmud hervorgeht) nicht als abgöttische zu betrachten. Gegen die Heiraten zwischen Juden und Christen könne also auf Grund biblischer Vorschriften nichts eingewendet werden. Es wird aber im zweiten Theil der Antwort nicht verhehlt, dass die Rabbiner gegen solche Verbindungen sind, weil die religiöse Ceremonie der Kiduschin, die nach talmudischem Gesetz nothwendig zu einer gültigen jüdischen Eheschließung gehöre, naturgemäß nicht anwendbar sei, wenn ihre Verbindlichkeit nicht von beiden Theilen anerkannt würde. Darum könnten auch die Rabbinen eine solche Ehe ebensowenig einsegnen, wie es die christlichen Geistlichen thäten. Doch Hütten auch sie zugestanden, dass ein Jude, der eine Civilehe mit einer Christin eingehe, darum nicht aus dem Judenthum ausgeschlossen oder mit dem Anathem belegt würde. Man sieht, wie diese Antwort sich dreht und windet, um zwischen den beiden Klippen einer Preisgebung des Religionsgesetzes und einer schweren Gefährdung der bürgerlichen Stellung der Juden glücklich hindurchzukommen. Dass in fernestehenden Kreisen diese Antwort so aufgefasst wurde, als ob die Mischehe überhaupt erlaubt worden sei, zeigt uns ein sehr harmloser Beobachter, der Dichter des „Schatzkästlein", Johann Peter- Hebel. Dieser gibt in seiner Betrachtung „über den großen Sanhedrin in Paris" als dritten Lehrpunkt an: „Ein Jude darf eine Christentochter heiraten und ein Christ eine Judentochter. Solches hat nichts zu sagen." Dieses dürfte aber schwerlich die Meinung der Versammlung gewesen sein. Die folgenden Fragen bezogen sich auf die Gesinnung und das Verhalten der Juden gegen andersgläubige Mitbürger und gegen das Vaterland. Bei der Berathnng über diese Punkte nahm die Versammlung Gelegenheit, ihren Patriotismus recht lebhaft zu bekunden, und Viele gaben durch begeisterte Zurufe ihren brüderlichen Gefühlen für ihre Mitbürger Ausdruck. Die Versammlung wies die Möglichkeit, als ob die Juden Frankreichs fernerhin ein besonderes Volk innerhalb des französischen bilden wollten, weit von sich und erklärte es als selbstverständlich, dass sie auch ihre nichtjüdischen Mitbürger als ihre Brüder betrachteten und Liebe und Freundschaft für sie hegten. Mit dem Vaterlande, so lautet eine andere Erklärung der Versammlung, fühlten sich die Juden Frankreichs auf's Innigste verbunden. Die Vertheidigung desselben fasste sie als ihre ehrenvollste Pflicht auf. Für die Uebereinstimmung dieser Auffassung mit den traditionellen Anschauungen deS Judenthums konnten die 'Deputaten sich auf die Ermahnungen des Propheten Jeremias berufen, der die im babylonischen Exil lebenden Juden zur Bethätigung ihrer Vaterlandsliebe gegen die neue Heimat auffordert. „Fördert das Wohl der Stadt, wohin ich Euch weggeführt habe und betet für sie zu dem Ewigen; denn ihr Wohl wird auch Euer Wohl sein?' Die nächsten drei Fragen betrafen die Stellung der Rabbinen, besonders die ihnen zustehende Gerichtsbarkeit und Polizeigewalt. Die französische Negierung war nämlich sehr beunruhigt darüber, ob die Rabbinen noch das Recht Hütten, Prügel str a f e n über sündige Gemeindemitglieder zu verhängen. Die Versammlung konnte sie durch die Versicherung beruhigen, dass die sogenannten rabbinischen Gerichtshöfe nie so weitgehende Befugniße besessen hätten, übrigens in Frankreich seit der Revolution überhaupt verschwunden seien. Ueberhaupt wird eine organisirte Herrschaft der Geistlichkeit, wie die Regierung sie vermuthete, mit vollem Rechte als dem Judenthum völlig fremd bezeichnet. (Fortsetzung folgt.) Zur Geschichte der jüdische» Traditio«. Bon Leetor I. H. Weist. Frei aus dem Hebräischen bearbeitet von Dr. I. Kahan. (Fortsetzung.) Schon zu David's Zeiten schlug der Gedanke Wurzel im Volke, dass es bestimmt sei, allen Völkern zum Vorbild zu dienen, dass auch diese es lernen, nur den einen Gott zu fürchten und zu verehren. In David selbst lebte dieser große Gedanke und er gab ihm in seinen Liedern Ausdruck, dass die Reiche der Erde Gott huldigen werden. Die Regierung Davids war in jeder Hinsicht die glänzendste und glücklichste unter allen Königen Israels. Die politische Stellung, der allgemeine Wohlstand, die Religiosität und Sittlichkeit erreichten damals eine nie geahnte Höhe. Man sah wohl die glückliche Lage des Volkes als Folge seiner Religiosität und sittlichen Höhe an, und David, der Schöpfer dieses Zustandes, vereinigte in sich und seiner Regierung die Hoffnungen des Volkes für die späteste Zukunft. Die Empfindungen des Volkes fanden in den Propheten ihre kräftigste Stütze. So hat Nathan im Namen Gottes verkündet, dass David's Haus und seine Negierung für ewige Zeiten bestehen werden (2., Sam., 7., 16). Solche Verheißungen wiederholten sich und David war von ihnen durchdrungen, wie er es in seinen letzten Worten vor seinem Tode dem Salomo gegenüber ausdrücklich betonte. Aber wie jeder große Gedanke erst mit der Zeit geklärt und bestimmt wird, so gewann auch der Glaube an die Vervollkommnung der Menschheit durch das Haus David mit der Z it an Klarheit und Bestimmtheit. Schon Salomo gibt ihm in seinem Gebet bei der Einweihung des Tempels klaren Ausdruck, indem er betet, Gott möge auch das Gebet der Fremden, Nicht- Jsraeliten, erhören, damit alle Völker der Erde den wahren Gott erkennen und ihn anbeten wie das Volk Israel, und damit sie zur Erkenntnis kommen, dass es außer dem einen Gott keinen mehr gibt (1., Kön., 8., 43, 60). Im Psalm 72, welcher Salomo gewidmet ist, wird ein Bild entworfen von der Herrschaft des Rechts und des Friedens, vor: dem allgemeinen Wohl und der Herrschaft des Davidsohnes — genau so, wie es die Propheten vom, Messias und seinem Sketche geschildert haben. So ist denn die Regierung David's die.Grundlage zur messianischen Hoffnung geworden. Aber der Ausgangspunkt dieser ‘) Brau, I., i». 338 fs-