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Die Wahrheit · 1899-04-30 · Heft 15 (30.4.1899) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 15 (30.4.1899)
Date
1899-04-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Nr. 15. Die Wahrheit. letzten Präsidenten, des Herrn Carl Reiß, war die Leitung des Vereines eine musterhafte, weil dieselbe Männern anvertraut war, die sich um die Förderung der jüdischen Gemeinde-Angelegenheiten Budapests große Verdienste erworben haben. Außerdem war das genannte Oberhaupt selbst ein Mann von echt jüdischer Gesinnung und echt jüdischem Herzen, der nebst diesen löblichen Eigenschaften auch eine eigene Meinung und energische Willenskraft besaß. Seitdem jedoch Herr Moses Ehrlich zum Nachfolger desselben gewählt wurde, hat sich die Pester Chewra Kadischah ungemein zu ihrem Nachtheile verändert. Man könnte fast auf dieselbe den talmudischen Klagevers anwenden: rto HD mm .-td min Herr Moses Ehrlich, der übrigens ein achtbarer Rentier ist, brachte für sein Amt, außer seinem jüdischen Namen, nichts mit, was ihn zur Bekleidung einer solchen Ehrenstelle geeignet erscheinen ließe. Denn dieser als „Großjude" sehr angesehene Herr hat keinen Dunst von jüdischem Wissen, war niemals jüdisch gesinnt, und sein Herz hat niemals jüdisch gefühlt. Zu seiner Entschuldigung müssen wir bemerken, dass er als Großcapitalist den Verkehr mit den armen Leuten stets ängstlich gemieden und so factisch keine Gelegenheit harte, das jüdische Elend näher kennen zu lernen. Es ist daher leicht erklärlich, warum er den jüdischen Armen gegenüber, welche bis nun die Unterstützungen des heiligen Vereines genossen haben, kein Mitleid empfindet und dieselben schaarenweise ungehört und unberücksichtigt abweisen lässt. Bis zum Beginn des neuen Curses war die Wohlthätigkeispflege in Händen von zwölf angesehenen Vereinsmitgliedern, die 2Hn eins genannt wurden. Jeder dieser Parnasse hatte von der Vereinsleitung eine größere Summe Geldes zu seiner Disposition, welche er in dem hiefür vom Vereine bestimmten Raum unter die verschämten Armen seiner Bekanntschaft vertheilte. Seitdem Herr Ehrlich bei der Chewra Kadischah präsidirt, ist die Parnaß- Würde gänzlich abgeschafft, und die Wohlthätigkeitspflege der amtlichen Verwaltung übertragen worden. Und die Nächstenliebe der amtlichen Verwaltung begann damit, dass sie, die löbliche Verwaltung, sich selbst die Bezüge erhöhte. Es geschah wohl mit Berufung auf die Zustimmung des Herrn Präsidenten, der ein willenloses Werkzeug in den Händen des autokratischen Vereinssecretärs ist. Was den letztgenannten Herrn betrifft, so hatte derselbe zum Ruine des heiligen Vereines nichts Eiligeres zu thun, als die bewährten Statuten desselben abzuschaffen und ganz neue, den Sonderzwecken des Secretärs besser entsprechende über den Häuptern des ganzen Ausschusses einzuführen. Dies geschah nämlich in der Weise, dass Herr vr. M e z e i seinerzeit den Ausschussmitgliedern je ein Exemplar der von ihm entworfenen, neuen Statuten zusandte, ohne ihnen ein Exemplar der früheren zum Vergleiche einzusenden. Und noch ehe die Herren Adressaten Zeit hatten, den neuen Entwurf durchzustudiren und hierüber zu berathen, hat der mächtige und Niemandem gegenüber verantwortliche Sccretär, angeblich mit Zustimmung seines schwachen Oberherrn, für den nächsten Tag ein Sitzung einberufen, bei welcher dem Calcul des Herrn Secretärs entsprechend, ein großer Theil der Ausschussmitglieder nicht zugegen war. Nur so gelang es ihm, für die Pester Chewra Kadischah ein Statut zustande zn bringen, welches diese heilige Brüdergenossenschaft, die auf nprn und a-nen rrfc-e: basirte, zu einer nichtjüdischen Entreprise des poinpes fmiebres erniedrigt. Dieser Umstand, in Begleitung von vielen anderen Mißbräuchen, erregte ganz besonders den Aerger aller rechtgläubigen und conservativ gesinnten Vereinsmitglieder. Und diese Stimmung kam auch bei der am 3. d. M. stattgefundenen Repräsentantenwahl der Chewra Kadischah in besonders heftiger Weise zum Ausdruck. Während alljährlich eine Wahl in diesem Vereine ganz glatt ohne Emotion verlief, und Diejenigen regelmäßig ohne Ausnahme gewählt wurden, welche das Wahlleitungs-Comite empfahl, hat sich diesmal aus der Mitte der Conservativen eine Oppositionspartei gebildet, die eine lebhafte Agitation zur Bekämpfung des bisherigen Präsidenten und des von Herrn Dr. Mezei eingeführten neuen Systemes entfaltete. Diese agile Partei hat insoferne gesiegt, als durch ihre Propaganda sechzig oppositionelle Mitglieder in die Repräsentanz gewählt wurden. Damit ist jedoch der Kampf um die heilige Sache noch nicht zu Ende, vielmehr hat derselbe jetzt erst begonnen. Er ist bis nun so weit gediehen, dass die angesehensten Mitglieder des Vorstandes, die bis jetzt die Zierden des Vereines bildeten, erklärt haben, dass sie nicht eher irgend ein Amt oder Würde im heiligen Vereine annehmen werden, als bis das gegenwärtige Präsidium demissionirt haben wird. Es ist Aussicht vorhanden, dass die Oppositionsmänner, da sie die öffentliche Meinung der Vereinsmitglieder wachgerufen und das Interesse für die Vereinsangelegenheit wieder geweckt haben, einen doppelten Sieg erringen, wenn sie mit demselben Eifer wie bisnun den Kampf für die heiligsten Interessen des heiligen Vereines fortsetzen.*) Magyar. Napoleon I. und die Inden. Von Di>. A. Feilchenfeld, Hamburg. (Fortsetzung.) Sehr schwierig war dagegen die Beantwortung der dritten Frage: „Darf sich eine Jüdin mit einem Christen, oder eine Christin mit einem Juden verheiratend Oder will das Gesetz, dass die Juden nur unter sich heiratend" Hier galt es, vorsichttg zu erwägen, wie man den Schein der Schroffheit und Intoleranz vermeiden könnte, ohne sich mit dem Religionsgesetz in Widerspruch zu setzen. Nichts schien in jenem Augenblick, da die Regierung eine endgiltige Entscheidung über die Gleichberechtigung der Juden treffen wollte, gefährlicher zu sein, als in schroffer, ablehnender Weise jede Familienverbindung zwischen Juden und Christen als verpönt zu erklären. Wie hätte dann die Regierung die Erklärung, dass die Judett die Franzosen als ihre Brüder betrachten, als wahr und aufrichtig annehmen könnend Ein Verstoß gegen die großen Principien der Gleichheit und Brüderlichkeit wurde im damaligen Frankreich als eine besonders schwere Sünde betrachtet. In der Commission, die die Entwürfe zu den Antworten ausarbeitete, scheinen bei der Beantwortung der dritten Frage die eben geschilderten politischen Erwägungen ausschließlich maßgebend gewesen zu sein. Wenigstens waren Diejenigen, die das religiöse Moment in den Vordergrund stellten, in der Minorität geblieben. Im Plenum suchte diese Minorität noch einmal sehr *) Wie uns knapp vor Schluss des Blattes nlitgetheilt wird, sind die Differenzen in der Chewra Kadischah durch eine Einsetzung eines sechsgliedrigen Comite's bereits geschlichtet worden. Im Interesse des Vereines, und noch mehr im Interesse der nothleidenden Glanbensbruder m Budapest, ist die friedliche Austragung der Angelegenheit freudig st zu begrüßen. Die Red.

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