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Die Wahrheit · 1899-04-30 · Heft 15 (30.4.1899) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 15 (30.4.1899)
Date
1899-04-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15. Dte Wahrheit. Seite 5. nützige als ersprießliche Thätigkeit entwickelt und auf zahlreiche praktische Erfolge Hinweisen kann, sollte doch in den weitesten Kreisen unserer Glaubensgenossen Förderung und Unterstützung finden, allein die am 22. d. M. stattgehabte General-Versammlung dieses Vereines, über welche wir im Nachfolgenden berichten, zeigte neuerdings, wie viel noch nach dieser Richtung zu wünschen übrig bleibt: Der Vorsitzende, Vicepräsident Sigmund Mayer, begrüßte zunächst die erschienenen Mitglieder und Gäste, und unter diesen die Cultusvorsteher Landesschulrath Di-. Gustav Kohn, Director Simon, Dr. Alfred Berger, Docent Dr. Grünfeld, Bezirksschulrath Dr. Marcus Spitzer, den kaiserlichen Rath Ruzizka, Bezirksausschuss Waldstein, Ortsschulrath Heit, den Präsidenten des „Vereines zur Hebung der und Gewerbe" in Men, Herrn S. Brod, den Präsidenten des „Jüdischen Volksvereines", Herrn Eltbogen rc. Hierauf brachte Secretär Fuchs den Bericht des Vereines zur Verlesung. „Anfang und Ende des Zeitabschnittes, den unser diesmaliger Rechenschaftsbericht umfasst, wird durch zwei düstere Ereignisse markirt; es sind dies die Judenexcesse, deren Schauplatz im Frühsommer des Vorjahres mehrere Bezirke Westgaliziens waren, und es ist der Raubzug der Nachoder Arbeiter gegen jüdische Geschäftsleute, dessen Zeugen wir in den letzten Tagen gewesen sind. Diese Vorgänge veranschaulichen Ihnen drastisch genug die Bedrängnis unserer Glaubensgenossen im ganzen Reiche und die Nothwendigkeit, gegen Rechtsbrnch und Gewaltlhat, Verleumdung und Erniedrigung mit allen verfügbaren und gesetzlich zulässigen Mitteln anzukämpfen." Nach einem Hinweis, auf die von der „Union" veranstaltete Enquöte über die Lage der jüdischen Bevölkerung in Galizien führt der Bericht die einzelnen Fälle an, in welchen der Verein intervenirte. Die Verleumdungs-Affaire des „Deutschen Volksblattes" gegen den Sarvaer Kaufmann Moriz Guttmann, die mit einer Ehrenerklärung des antisemitischen Blattes endete; die Angelegenheit des Krakauer Tischlermeisters Kleinberger, dem die dortige Genossenschaft durch neun Jahre die Aufnahme verweigerte; die zum Theil erfolgreiche Action gegen den Erlass des Wiener Bezirksschulrathes, betreffend die Trennung der Schulkinder nach Confessionen; das im Sommer 1898 in Braunsberg verbreitete Gerücht von einem rituellen Blutabzapfungs - Acte, in welcher Angelegenheit das Neutitscheiner Kreisgericht ein freisprechendes Urtheil gegen die beschuldigten Brüder Oppenheim fällte; die von polnischen und- Mener Antisemitenblätter verbreitete Lüge eines rituellen Mordes in Neusandec; den gleichfalls von den Antisemiten zu einem Ritualmord gestempelten Mord in Polna, wobei die „Union" wegen der maßlosen Vergiftung der öffentlichen Meinung durch die Hetzpresse beim Justizminister intervenirte; die Action wegen Ausschließung der jüdischen Aerzte aus der Meisterschafts-Krankencasse der Wiener Tischlergenossenschafl und viele andere Fälle. Ueber die Nachoder Affaire enthält der Bericht folgenden Passus: . „Die außergewöhnlichen Umstände, unter welchen die Nachoder Arbeiter aus Anlass eines Lohnstrikes in der Nacht vom 5. auf den 6. April l. I. viele Stunden hindurch ungestört jüdische Geschäftsleute aus plünderten, bestimmten den Vorstand, unseren Bureauleiter nach Nachod zu entsenden, um an Ort und Stelle genaue Erhebungen über die Ursachen dieses Naubzuges und der Unthätigkeit der Behörden, sowie über den angerichteten Schaden anzustellen. Wir haben das Resultat dieser Erhebungen in einem ausführlichen Memorandum niedergelegt, welches unser Präsidium gestern dem Herrn Minister-Präsidenten Grafen Thun überreichte. Wir führten in diesem Memorandum den Nachweis, dass die für die Schadenersatzpflicht der Stadtgemeinde Nachod entscheidende Voraussetzung der Fahrlässigkeit in vollem Maße gegeben ist, und forderten, dass an der Nachoder Gemeindeverwaltung ein wirksames Exempel statuirt werde, damit das von dieser gebotene Beispiel mangelhafter Pflichterfüllung nicht böse Folgen zeitige. Wir verwiesen auf jenen Wink mit dem Zaunpfahle, den der Abgeordnete Steiner im Wiener Gemeinderathe schon dem Pöbel gegeben hatte, mit der Bemerkung, dass sich die Nachoder Gebräuche auch in Wien einbürgern könnten, und bezeichneten eine etwaige Loszühlung der Stadtgemeinde Nachod von der Haftpflicht geradezu als eine Prämie auf künfüge Plünderungen. Zugleich richteten wir an den Minister-Präsidenten unter Hinweis auf die Fructificirung des Polnaer Müdchenmordes durch die antisemitische Presse die Bitte, allen Agitationen in Wort und Schrift, die geeignet sind, das Rechtsgefühl und die Achtung vor dem Gesetze in der Bevölkerung zu untergraben, nachdrücklichst entgegenzutreten. Der Herr Minister-Präsident nahm auch unsere mündlichen Darlegungen sehr aufmerksam entgegen, erklärte jedoch, sich über die Frage der Haftpflicht der Stadtgemeinde Nachod im jetzigen Stadium der Untersuchung noch nicht äußern zu können, zumal die Darstellung der „Union" sich in wesentlichen Punkten von den officiellen Berichten unterscheide. Der Minister-Präsident gab seinem Bedauern über die Zügellosigkeit der antisemitischen Presse Ausdruck und ertheilte in der Polnaer Affaire beruhigende Zusicherungen." Im Ganzen hat das Abwehrbureau innerhalb des Berichtsjahres in 231 Fällen, seit seinem Bestände in 313 Fällen intervenirt. In 54 Fällen hat es die antisemitische Presse zur Aufnahme von Berichtigungen oder Widerrufen gezwungen, in 33 Fällen juristischen Beistand vor Gericht gewährt, in 27 Füllen ist es bei politischen Behörden für die berechtigten Interessen einzelner Glaubensgenossen eingeschritten. Die Zahl der erledigten Geschüftsstücke betrug im Berichtsjahre 1019, seit dem Bestände des Bureau 1421". Trotz dieser umfangreichen, gemeinnützigen Thätigkeit constatirt der Bericht mit Bedauern die mangelhafte materielle Unterstützung des Vereines und gibt der Besorgnis Raum, dass infolge dessen die „Union" gezwungen werden könnte, das Wirken des Rechtsschutz- und Abwehrbureaus einzustellen, da sie bereits ein Deficit von fl. 2000 hat. Der Bericht schließt mit folgendem beherzigenswerthen Appell: „Umso dringender tritt an Sie die Verpflichtung heran, Alles aufzubieten, um uns vor der Schmach zu bewahren, eine so segensreiche Institution blos aus dem Grunde aufgeben zu müssen, weil das Solidaritütsgefühl unter den Juden dieser großen und reichen Stadt nicht so weit gediehen ist, diese verhältnismäßig kleine Summe aufzubringen, die denn doch nur den Armen und Bedrängten zugute kommen soll. Tragen Sie den soeben gehörten Bericht hinaus in die Kreise Ihrer Bekannten und es wird Ihnen nicht schwer fallen, unserem Vereine neue Freunde, neue Gönner und sohin auch neue Mittel zuzuführeu". Nach Verlesung des Berichtes stattete kaiserlicher Rath N u z i z k a dem Vorstande für seine mühevolle und erfolgreiche Thätigkeit den Dank der Versammlung ab. An der hierauf folgenden Debatte betheiligten sich die Herren Weiser, Dr. Zins, Bielitz, Steiner, Dr. Elias, Fleischer, Teweles, Dr. Stransky, Dr. Grünfeld, Dr. Gust. Kahn, Dr. Jgn. Kohn, Auspitz, Kisch :c. Bei der nachher vorgenommenen Wahl des Vorstandes wurde Herr kaiserlicher Rath An uinger per Acclamation zum Präsidenten wiedergewählt. Die Wahl der übrigen Vorsteher erfolgte mittelst Stimmzettel, wobei der gesummte Vorstand wiedergewählt wurde, und nur an Stelle des Herrn Bezirksschulrath Dr. Spitzer, der in Folge Ueberbürdung ein Mandat nicht annehmen zu können erklärte, wurde Docent Dr. Ehrmann nengewählt. Ins der Lndapelter Ehewra Kadilchah. Die „Pefti Chewra Kadischah" ist eine Institution, die berufen ist, wahre Wohlthätigkeit und Humanität im Sinne und Geiste des Judenthums zu üben, und sie hat auch stets nach dieser Richtung eine glänzende und vielumfassende Thätigkeit entwickelt. Es ist daher kein Wunder, dass diese Vereinigung ungefähr 7000 Mitglieder zählt, und jedes Mitglied der hiesigen Cultusgemeinde es sich als eine hohe Ehre anrechnete, gleichzeitig Mit glied der Pester Chewra Kadischah zu sein. Bis zum Ableben des

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