Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1899-04-30 · Heft 15 (30.4.1899) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 15 (30.4.1899)
Date
1899-04-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3062973-3062988--00244-3066737
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 15. eingreifen, um das Leben und Eigenthum der Juden in Polna zu schützen. Unwillkürlich muß man sich da fragen: Leben wir am Ende des neunzehnten Jahrhunderts oder im finsteren Mittelalter? Solche Zustände können aber erst dann aufhören, wenn man Verleumdungen in der Presse, sowie in öffentlichen Versammlungen strafgerichtlich mit der größten Strenge verfolgen wird. Wahrlich, es wäre höchste Zeit, wenn man dem schönen Worte, das der ungarische Minister-Präsident Koloman Tisza am 12. November vorigen Jahres im Abgeordnetenhause gesprochen, Beachtung schenkte: „Unter der Freiheit der Presse darf nicht die Freiheit der Verleumdung verstanden werden; genau so verhält es sich mit der Freiheit des Wortes." Gemillus Cheled, Humanität? In der letzten Nummer der „Wahrheit" spricht Herr vr. B. über das Beschämende des „Mitleids", „Nachmonus", welches dem jüdischen Cultusbeamten, wenn er arbeitsunfähig geworden, zu Theil wird, und darüber, dass es vielmehr Pflicht sei, nicht aus Mitleid, sondern aus Humanität, Gemillus Chesed, dem dürftig gewordenen Religionsdiener unter die Arme zu greifen. Es ist dies ohne Zweifel eine richtige und billige Forderung. Die heilige Schrift hat auf zahlreichen Blättern die Liebe gegen die Nächsten nicht als Sache des Mitleids, sondern als eine religiöse Pflicht hingestellt, und aus der Lection der jüngsten Parscha Kedoschim (Vevltivus 19.) fließt der logische Syllogismus: Wenn selbst dem „Fremdling" gegenüber anbefohlen wird, ihn zu lieben, wie sich selbst, und ihm keinerlei Kränkung zuzufügen, wie erst dem Nächsten der Nächsten, das ist unstreitig Jener, der im Dienste Gottes steht und ein heiliges Levitenamt versieht? Ich möchte Gemillus Chesed nicht mit Humanität übersetzen, sondern wörtlich als „Vergeltung der Liebe", das heißt als eine gesetzliche Verpflichtung zur Erke nntlichkeitund Dankbarkeit für das Werk der Liebe und Treue, dem sich der gewissenhafte Cultusbeamte widmet, der seine Zeit, seine Kraft, sein ganzes Können dem Heiligthume und der Gemeinde weiht. Dass ihm das „Mitleid" und die „Gnadengabe" die Würde benimmt, dass man ihn damit dem an die Pforte pochenden Bettler gleichstellt und kränkend erniedrigt, ist nicht nur kein Zeichen von Rachmonus, sondern auch keine Spur von Humanität, es ist geradezu Inhumanität. Am allerwenigsten dünkt dies Gemillus Chesed zu sein. Denn dieses ist ein Billigkeitsgefühl, beruhend auf einem heiligen Rechte, auf Anerkennung jenes hehren Pflichtenkreises, zu welchem ihn die Gesammtheit einmal ausersehen hat. O ja, die Thora und die Aboda, die Gotteslehre und der heilige Dien st, dem sich die Cultusbeamten widmen, sind nicht allein die Stützen der sittlichen Weltordnung, sondern auch Gemillus Chasodim, das ist die Ver g el tun g der g r oß en Liebesdienste, die Jene der Gesammtheit im Interesse ihres ethischen Bestandes erweisen. So aufgefasst, ist es eine heilige Forderung, ein gutes Recht, dass die Gemeinden ihre Cultusbeamten erhalten und versorgen und bei Invalidität und im Unvermögen und im Alter, wenn die Kraft schwindet und sie nicht mehr können, ihnen und den Ihrigen beistehen. Hiefür sollten die Vorsteher und Vertreter, wie die Mitglieder der Gemeinden in erster Linie Sorge tragen. Aber auch die geistigen Leiter, die Rabbiner und Prediger, müssen hiefür in Wort und That eintreten; nicht zum Mindesten aber die Schliche-Zibbur, die angestellten Beamten der Gemeinde selbst! Diese aber sollten von der Stunde ab, da sie das heilige Amt übernehmen, in Würde ihres Amtes walten, nicht in die Extreme von Unbescheidenheit und Servilität verfallen, wodurch ihrer Würde Abbruch geschieht. Jedes brüske, stolze, hoffärtige Auftreten riefe einen Stachel im Herzen so mancher Glieder der Gemeinschaft hervor, der im Augenblicke der Noth des Beamten diesem zum fühlbaren Schaden würde. Der Servilismus, das kriechende, schleichende, zu demüthige Gebühren hinwieder erzeugt die Empfindung bettlergleicher Abhängigkeit, und demgemäß eine Gewöhnung, den Beamten zu erniedrigen und, was ihm rechtlich zukäme, als eine Rachmonusspende gelten zu lassen. So ist unleugbar eine hässliche Kluft zwischen den Mitgliedern und den Beamten der Gemeinde entstanden zum Nachtheil der Interessen der Letzteren. Ich sah es immer als einen Krebsschaden an, wenn bei verschiedenen freudigen und leidigen Anlässen der Cultusbeamte sich eine Gabe in die Hand stecken ließ, worauf eine servile Verbeugung oder Aehnliches dem Geber verrieth, wie sehr der Empfänger nach der Gabe seiner Gnade schmachtete. Es ist eine würdelose Art der Honorirung von Diensten und eine würdelose Art des Empfanges von Gaben, die zum Theil oder auch oft zumeist weniger als Belohnung und mehr als Vergünstigung und Gratification entgegengenommen werden. Einem corporativen Vorgehen der Cultusbeamten, wie eS Herr vr. B. vorschlägt, müsste nach meinem Dafürhalten erst ein corporatives Eintreten für die Würde der CnltuSbeamten voraufgehen. Bei richtigem Erfassen der Aufgaben, bei redlicher Pflichterfüllung, muss die Persönlichkeit, der Charakter, die Würde bei aller Bescheidenheit in die Erscheinung treten, damit der jüdische Cultusbeamte als das gelte, wozu er prädestinirt worden. Dann wird alles Drückende und Beschämende in den Tagen der Dürftigkeit und der Noth ihm .und den Seinigen erspart bleiben, und die Gemeinden dürften zu der Erkenntnis gelangen, dass, was sie für diese Nächsten der Nächsten als Liebeswerke leisten, nicht aus Mitleid oder Gnade geschehe, sondern aus dem Gefühle des Rechtes und der Billigkeit, aus wahrer Gemillus Chesed, wörtlich: Vergeltung der Liebe. vr. D. L e i m d ö r f e r, | Jjar 5659. Prediger zu Hamburg. Die Oesterr. ismel. Amon. Die Phrase von der einst vielgerühmten und noch jetzt vielverlästerten jüdischen Solidarität gehört, wenigstens bei uns in Oesterreich, nur mehr der Geschichte an: Ueberall mehren sich die Klagen über die Theilnahmslosigkeit unserer Glaubensgenossen am jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben, und ein ausgezeichneter Kenner der Verhältnisse, ein Mann, der im Kampfe gegen den Antisemitismus jederzeit in den vordersten Reihen gestanden ist, äußerte sich jüngst mit folgenden treffenden Worten: „Zum Kampfe mit dem Antisemitismus fühle ich mich stark genug, aber gegen die Indolenz meiner Glaubensgenossen anzukämpfen, dazu bin ich zu schwach." Diese Indolenz zeigt sich bei allen jüdischen Institutionen. Ein Verein, wie die „Oesterr. israel. Union“, der in seinem Rechtsschutz- und Abwehr-Bureau eine ebenso gemein-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.