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Die Wahrheit · 1899-04-30 · Heft 15 (30.4.1899) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 15 (30.4.1899)
Date
1899-04-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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/ Die Wahrheit Nedaction n. Administration: Wien, Il/j, Novaragasse 27. Hnabhängige Aeitschrifi für jüöifche Bezugspreis: Ganzjährig.fl. «. Halbjährig.fl. 3.— st. k. östorr. Postsparrassa Chock-Conto Nr. 84<;.25i. it tr IV r?rf p Aniere^en. Für Lultusbeamle: Ganzjährig.fl. 5.— 10 Kronzor per Nonpareille-Zrilr. Erscheint jeden achten Tag. Für Ausland: Abonnements- und Jnserlions- Ganzjährig.12 Mark Mvltv: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Nr. 15. Wien, 30. April 1899. Inhalt: Früchte des österreichischen Antisemitismus. — Gemillus Chesed, Humanität? — Die öftere, israel. Union. — Aus der Budapester Chewra Kadischah. — Napoleon I. und die Juden. (Fortsetzung.) — Zur Geschichte der jüdischen Tradition. (Fortsetzung.) — Eingesendet. — Wochenschau. — Gemeinde- und Bereinsbote. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Heimweh. (1. Fortsetzung.) I Äii Misere geehrten Abonnenten! NE"" Da uns die Einhebung des Abonnementsbetrages in den einzelnen Bezirken Wiens viel Mühe und Kosten verursacht, bitten wir um gesällige Zusendung desselben mittelst Post-Check, welche den geehrten Herren Abonnenten bereits zugesendet wurden und auch weiters zur Verfügung stehen. Die Administvcrlion. Früchte des österreichischen Intisernitisinus. Von Dr. A. B. in B. „Oesterreichischer Antisemitismus!" Klingt das nicht sonderbar? Man sollte doch glauben, dass dieser Kampf gegen die Juden international ist und überall auf dieselben Beweggründe — Neid, Hass, mit der Muttermilch eingesogene Vornrtheile — zurückgeht. Trotz alledem hat man das Recht von einem „österreichischen Antisemitismus" zu sprechen. Die Signatur desselben ist planmäßige Verhetzung der großen Pöbelmassen und mittelalterliche Rohheit. Wäre es sonst glaublich, dass in einem Zeiträume von anderthalb Jahren dreimal Plünderungszüge gegen - die Juden unternommen wurden? Der Nationalitätensircit kann nicht als Beweggrund dieser antisemitischen Rohheiten angenommen werden; denn bei dem großen Raub- und Plünderungszuge in Prag (November 1897) wurden auch die Geschäftslocale jüdischer' Czechen geplündert; ebenso halten die Juden in Nachod, welche in neuester Zeit nach mittelalterlicher Weise beraubt und geplündert wurden, die czechisch-nationale Fahne hoch, und ein in Nachod ansässiger Jude, der einmal seinen Glaubensgenossen gegenüber erklärte: „Wir müssen zeigen, dass wir mehr Czechen als Juden sind", wurde nichtsdestoweniger erbarmungslos ausgeplündert und an den Bettelstab gebracht. Wie lässt es sich also erklären, dass man vor wenigen Wochen in Nachod, weil ein einziger jüdischer Fabrikant nicht auf die Forderungen seiner Arbeiter eingehen wollte, einen Raubzug gegen die übrigen jüdischen Bewohner inscenirte? Die Sache liegt sehr einfach. Seit vielen Jahren ist Wien, die Haupt- und Residenzstadt Oesterreichs, auch die Metropole des Antisemitismus. Wenn ein Bürgermeister Wiens sagen durfte, es fei ihm gleich, ob die Juden gehängt oder geköpft werden, wenn ein Mechaniker Schneider im Landtage von einem Schussgelde auf die Juden sprechen darf, wenn christlich-sociale Gemeinderäthe in öffentlicher Sitzung drohen dürfen, es könnten sich die „Nachoder Gebräuche" auch in Wien einstellen, wenn antisemitische Zeitungen in Wien ungescheut planmäßige Verhetzung gegen die Juden betreiben, so kann es nicht Wunder nehmen, dass ein solches Beispiel von der Metropole des Reiches ansteckend wirkt. Der berühmte Philosoph Hobbes sagt einmal, der Mensch sei von Natur aus eine Bestie, und czechische Hetzapostel und czechische antisemitische Zeitungen wussten auch die bestialischen Jnstincte zu wecken, um im geeigneten Zeitpunkte bei der geringsten Veranlassung gegeu die Juden in * Nachod einen Raubzug herbeizuführen. Die großen Pöbelmassen; sind viel weniger zu verurtheilen, als die iutellectuellen Urheber? und Herz- und gewissenlosen Agitatoren, welche das Pulverfass anzünden und sich dann aus dem Staube machen. Man möchte es nicht für möglich halten, dass am Ende des neunzehnten Jahrhunderts das blödsinnige Märchen vom Ritualmorde von gewissenlosen Agitatoren fructiffcirt wird, um Leib und Leben der Juden zu bedrohen. Vor Kurzem wurde in Polna bei Deutschbrod ein Mord verübt und als muthmaßlicher Mörder ein jüdischer Schuhmacher verhaftet*). Sofort wurde daraus ein Ritualmord gemacht, und die Behörde musste rasch *) Der Verdacht gegen den jüd. Schuhmacher war unbegründet, und der wirkliche Mörder ist bereits eruirt und verhaftet worden. (Die Red.) J

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