Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 14 (22.4.1899)
- Date
- 1899-04-22
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14. „Oesterreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung." Nr. 14. Triebe fordert die Sittenlehre des Judenthums (270). Während noch heute zahlreiche Menschen den Saian als eine reale und wirksame Existenz betrachten, sagt R. Levi: „Der Satan, der böse Trieb und der Todesengel, das ist ein und dasselbe". (Baba bathra 16a). In der That: Satan, die hindernde Kleinlichkeit, soll durch das Erfassen des Hohen und Hehren im Geiste überwunden werden. Neben vielen Lehren, welche den Lebensgenuß empfehlen, finden sich auch solche, die die Askese predigen (272). Aber die weltfreudige Ansicht ist die herrschende. Beißend sagt ein Wort: Ein junger Gelehrter, der fastend dasitzt, dessen Mahlzeit mag ein Hund fressen (Thanith 11b). Bei den Fasten geht die reale Thatsache mit ihrem unmittelbaren psychologischen und ethischen Erfolg in die symbolische Bedeutung über (273). Der Act des Fastens war immer mit Gebet verknüpft, dagegen auffällig bei Esther ohne solches (275). Man vergleiche, was Jesaia über das „Fasten" spricht (Capitel 58): Fasten als Vorbereitung auf wichtige Ereignisse gehören der Vergangenheit an, die Fasten als Erinnerung an gemeinsame Schicksalsschläge dienen der Continuität des Gesammtgeistes (278). Die Welt-, Lebens- und Naturanschauung des Judenthums ist bei allem Ernste doch eine durchaus heitere. Mannigfach und fein abgetönt sind die Bezeichnungen der Freude, zahlreich betreffende Aussprüche (282). Ueberaus wichtig ist die Forderung, Andere an unserer Freude theilnehmen zu lassen. „Für Dich selbst magst Du Genuß und Befriedigung sür minderwerthig halten, aber Deinen Nebenmenschen mußt Du diese verschaffen (283). Das Materielle wird überall mit dem Idealen verbunden, das Körperliche vom Geistigen durchdrungen. Vergleiche: Die Feier der jüdischen Feste und Familienereignisse. Zur Charakteristik der Anschauungen diene noch folgender Ausspruch: „Der göttliche Geist ruht nicht auf den Menschen, weder im Zustande der Trübheit, noch in der Trägheit — sondern allein in der Freudigkeit der Pflichterfüllung. (Sabbath 30b) (288). In einer hochwichtigen und interessanten Anmerkung: „Ueber die Fortbildung des Gesetzes durch den Talmud (289—310) versucht Lazarus an einem einzigen Beispiele ein anschauliches Bild von der gesctzbildenden Arbeit der Rabbiner zu geben, welche die Mahnung: rtaw-, mpm rann „Du sollst forschen, untersuchen und fragen — sehr genau!" bei jedem Rechtssatz, jeder Lehre, jedem Worte der heiligen Schrift auf's Innigste befolgten. Lazarus zeigt, wie ein biblisches Gesetz, das nur aus zwei Wörtchen inn *6 besteht, im Talmud dadurch, dass die Begriffsnuancen, die ja nach dem Zusammenhänge diesen beiden Wörtchen innewohnen können, aufgedeckt, durch Beispiele erläutert und auf specielle Fälle angewendet werden, ja zu einer großen Reihe von moralischen und juridischen Vorschriften führt; er weist nach, dass in dieser Gedankenreihe bei den Rabbinern bereits Fragen der Gesetzgebung auftraten, welche im römischen Rechte gar nicht, und bei den modernen Staaten erst in allerjüngster Zeit angeregt worden sind, z. B. unlauterer Wettbewerb. Verschiedene Nachrichten. Wien. Herr Ignatz Kreisler, Tenorist des Tempel-Chores der türkisch-israelitischen Gemeinde, hat sich mit Fräulein Marie Weil ans Pilsen verlobt. Prag. Von einem schweren Schicksalsschlage ist der an der Großen Hofschule wirkende Senior der hiesigen Cantoren, Herr Philipp B a ch r a ch, betroffen worden. Sein in Gleiwitz (Preußisch-Schlesien) als Obercantor wirkender Sohn Moritz B a ch r a ch ist dieser Tage im 42. Lebensjahre plötzlich gestorben; er hinterlässt eine Witwe ltttb zwei Kinder. Die alten, graingebeugten Eltern finden allgemeine Thcilnahme. Arad. (Das Jubiläum Adolf Grünzweig's.) Samstag,am 8. April mar das Fest der Kunst und der Musik, welches Arad, man kann sagen, ohne jeden Unterschied feierte, denn dieses Fest galt nicht nur denr bewährten Chormeister und Componisten, sondern auch „unserem" Grünzweig, auf den wir, da er unserer Stadt durch sein Talent und seine hervorragenden Bnrgertugenden zur Ehre gereicht, stolz sind Der erste Theil der Feierlichkeiten fand im Tempel während des Mussaf-Gottesdienstes statt. Grünzweig wurde zur Thora gerufen und nachdein er die zweite Thora-Benediction gesprochen hatte, sang ihm zu Ehren der Heldentenor des hiesigen Theaters Eugen Dort den O-cknr Haschiwenu (Grünzweig's Casualien) als Solo mit Orgelbegleitnng und erzielte mit feiner herrlichen Stimme eine mächtige Wirkung. Der Chor schloß mit einem begeisterten „Amen", worauf Herr Obercantor Kohn einen, vom Herrn Nabbinats-Assessor Jonas Krausz dem Jubilar zu Ehren verfassten „Mischeberach" mit weihevollem Pathos recitirte. Als das Amen auf den Mischeberach verklungen war, hielt Herr Oberrabbiner Dr. Alexander Rosenberg eine formvollendete Ansprache an den Jubilar, dem es gegönnt sei, ein halbes Jahrhundert im Geiste der Religion und im Dienste Gottes zu wirken. Der Gottesdienst, während welchen Grünzweig den Dirigentenstuhl im Chore einnahm, verlief dann in üblicher Weife. Das Chor >var in einen Blnmenhain verwandelt, Dirigentenstuhl und Fauteuil ivaren mit Lorbeerkränzen und Gnirlanden geschmückt. Nach dem Gottesdienste holte, unter Führung des Herrn Moritz Kronberger, eine Deputation von fünf Gemeinde-Repräsentanten den Jubilar in den Gemeinde-Sitzungssaal, allwo eine Versammlung von 200 Mitgliedern, darunter viele Damen und Notable der Stadt, denselben mit einem donnernden „Eljen" begrüßten. Beim Eintritt des Jubilars intonirte der stark verstärkte Chor, in welchem Herr Obercantor Löwenherz und Chordirigent Neubauer aus Temesvar mitwirkten, einen weihevollen Psalm von Grün zweig. Hierauf hielt der Gemeinde-Präses, Herr Bernhard Deutsch, eine ergreifende Ansprache, auf welche Meister Grünzweig, wenngleich feierlich erregt, so doch jugendlich frisch und temperamentvoll erwiderte. Er nehme die ihm gewordene Ehrung mit dankbarem Herzen und hochschlagenden Gefühlen entgegen, müsse aber auch zum Lob seiner Gemeinde anerkennen, dass es eben die Araber Gemeinde ist, die seiner Muse dienlich war. Es sprachen noch in schwungvollen Worten der Vicepräses, Herr S. N. Kohn, und der Präses der Chewra Kadischa, Herr Adolf Lustig, welch' letzterer dem Jubilar auch ein Ehrengeschenk im Namen des heiligen Vereines überreichte. Nachdem die Feier seitens der Gemeinde vollzogen war, traten noch Herr Obercantor Löwenherz und Chordirigent Neubauer aus Temesvär vor, um im Namen der College» den Jubilanten zu beglückivünfchen. Zur Mittagsstunde erschien in der Behausung des Jubilars, unter Führung des Herrn Professor Direktor Harry Schreyer, eine Deputation des Jubiläums-Arrangirungs.Coinite's, die ihn nach einer beglückwünschenden Ansprache Professor Schreier's zu dem Abends 8 Uhr stattfindenden Festconcerte feierlichst einlud. Das Concert begann mit dem Schubert'schen Streich-Quartett, welches vier Professoren des hiesigen Schreyer'schen Conservatoriums künstlerisch executirten. Frau Alexander Klein spielte sehr brav die Clavier-Päraphrase: „Es blinkt der Thau" von Bendel-Rnbinstein. — Fräulein Siebert sang mit gefühlvollem Vortrage zwei deutsche Lieder von Grünzweig, und zum Schluffe spielte die Tochter des Jubilars, Frau Theodor Barna aus Budapest, mit künstlerischer Bravour die „Rigoletto-Phantasie" von Liszt. — Jetzt folgte die ergreifendste Scene des Ehrenabends, als Herr Julius Somoghi, Professor der Arader Handels-Akademie, vor den Altmeister trat und in einer schwungvollen Ansprache die Verdienste desselben würdigte, seine individuellen Vorzüge hervorhob und besonders aber die Bescheidenheit Grünzweig's betonte, indem er eine so selteneProductivität ausschließlich für ein so unergiebiges Feld, wie das der Synagogenmusik, widmete. Redner schloß mit dem Wunsche, dass Grüuzweig noch lange in solcher' Kraftfülle schaffen möge, mit welcher er am Anfänge seiner Laufbahn den schönsten Hoffnungen entgegensah. — Nicht endenwollende Eljen rufe folgten dieser schönen Rede, und der Gefeierte, dem jetzt verschiedene werthvolle Ehrengeschenke überreicht wurden, konnte kaum Allen erwidern, die massenhaft an ihn herantraten, uni ihm ihre Ehrenbezeugungen zum I Ausdrucke zu bringen. Dem Concerte folgte ein Banquett im Wintergarten